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Herta M├╝ller: Atemschaukel, gelesen von Ulrich Matthes
Jetzt bestellen bei amazon.de! Der Zweite Weltkrieg ist fast vor├╝ber, in Rum├Ąnien lebt die deutschst├Ąmmige Bev├Âlkerung in st├Ąndiger Angst. Trotzdem versucht der 17-j├Ąhrige Leo Auberg ein normales Leben zu f├╝hren. Es soll ihm jetzt nicht gelingen und nie mehr. Am 15. Januar 1945, um 3.00 Uhr nachts kommen sie ihn holen. Verfrachten ihn in einen Zug und deportieren ihn in ein Lager nach Russland. Dort steht nur eines im Vordergrund des Denkens: das ├ťberleben und die dazu notwendige Nahrungsaufnahme. Die Atemschaukel, das Besinnen auf die einfache T├Ątigkeit des Ein- und Ausatmens, das wie eine Schaukel vonstattengeht, ist ebenso wie die Herzschaufel eine Strategie, um am Leben und m├Âglichst geistig unversehrt zu bleiben. Sie misslingt nicht v├Âllig.

Das H├Ârbuch ist ein zutiefst beeindruckendes Erlebnis. Das Zusammenspiel zwischen Herta M├╝llers bildreicher Sprache und Ulrich Matthes beinah n├╝chterner Stimme wirkt nachhaltig und auch verst├Ârend auf den H├Ârer. W├Ârter wie hungerblind, totkalt, kniesteif, traurigm├╝de dr├╝cken den Zustand exakter aus, als es jede Beschreibung k├Ânnte, und helfen Leo, geistigen Abstand zu gewinnen, indem er den Dingen Namen gibt. Benannte Dinge, benannte Zust├Ąnde kann man begreifen, sie haben sich losgel├Âst vom namenlosen Schrecken.

Obwohl es einfach zu verstehen ist, ist es kein einfaches H├Ârbuch, sondern eines, das nachwirkt. Es sind scheinbar simple Begebenheiten, die Herta M├╝ller beschreibt: Das gemeinsame Essen, ├╝ber dem stets die Hungerengel der Lagerinsassen schweben und nur darauf warten, zuschlagen zu k├Ânnen. Gemeinsames Austreten aus dem Zug, bei dem es niemand wagt, den Zug aus den Augen zu lassen, obwohl es doch der Zug ist, der sie fortbringt. Aber der Zug ist f├╝r sie das einzig vertraute in dieser fremden Landschaft - wie schnell der Mensch sich an Dinge h├Ąngt. Wie schnell er seine Menschlichkeit vergisst, zeigt sich im Miteinander des Lagerlebens.

Der junge Mann reflektiert seine Erlebnisse, hinterfragt seine Denkweise und seine Handlungen. Das sind die Stellen, an denen man merkt - und merken kann und muss - dass dieser Text von jemandem geschrieben wurde, der eben nicht ├╝ber eigene Erlebnisse spricht. Herta M├╝ller hat den Stoff f├╝r diesen Roman - und es ist ein Roman und kein Bericht - mit ├ťberlebenden solcher Lager gesprochen und daraus eine Erz├Ąhlung gewebt. Deswegen geht dieser Text ├╝ber eine Beschreibung hinaus. Jedes erz├Ąhlte Erlebnis hat seinen Sinn im ganzen Textgef├╝ge, es wird nicht berichtet, weil es sich in dem Komplex Leben an dieser Stelle zugetragen hat, sondern weil es seinen Platz in dem Komplex Roman genau hier hat. Das macht den Text nur umso eindringlicher.

Herta M├╝ller: Atemschaukel, gelesen von Ulrich Matthes.
H├Ârbuch Hamburg, Oktober 2009.
CD, 19,97 Euro.

Regina Lindemann

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