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Thommie Bayer: Das Aquarium
Jetzt bestellen bei amazon.de! Voyeurismus ist ein zentrales Thema dieses Romans, und so erinnert die Ausgangssituation an den berĂŒhmten Hitchcock-Film „Das Fenster zum Hof“. Auch der Tontechniker Bernhard Schoder, genannt Barry, sitzt alleine in seiner Wohnung und beobachtet aus Langeweile, was im Haus gegenĂŒber vorgeht. Er ist gerade dabei, sich körperlich und seelisch von einem schweren Motorradunfall zu erholen, bei dem seine letzte Liebe ums Leben kam. DrĂŒben blickt er auf ein Apartment mit großen Glasfenstern, das „Aquarium“ .Dort zieht eine junge Frau ein, die im Rollstuhl sitzt. Immer wieder schaut er herĂŒber, und eines Tages schreibt sie ihre e-mail-Adresse ans Fenster. So kommen sie sich langsam nĂ€her, und June erzĂ€hlt ihm nach und nach ihre Geschichte. Auch bei ihr geht es um Voyeurismus, um ihre obsessive Verstrickung mit einem Mann, dem TĂ€nzer Kalim, den es erregt, wenn sie vor seinen Augen masturbiert oder es mit von ihm ausgesuchten Strichern treibt. Bis zu jenem verhĂ€ngnisvollen Autounfall...Barry ,der Ich-ErzĂ€hler, wird mehr und mehr in Junes Leben hineingezogen, obwohl er immer wieder von der eigenen Vergangenheit eingeholt wird. Er fĂŒhlt sich verantwortlich fĂŒr die Nachbarin, entwickelt langsam eine zarte Zuneigung zu ihr.

Doch in dem Moment, wo die Handlung in eine rĂŒhrende Liebesgeschichte zwischen zwei einsamen Menschen in der Großstadt abzudriften droht, sieht. Barry zufĂ€llig in einer Diskothek June, völlig gesund und tanzend.... Von da an geht es Schlag auf Schlag. Zog sich der erste Teil dahin mit den Lebensbeichten der beiden, so stellt der Autor den Leser jetzt vor immer neue, ĂŒberraschende Situationen. Rasant geht es dem Ende entgegen, alles ist dann doch wieder anders, als man vermutet hatte, aus dem Liebesroman wird ein Thriller, und zum Schluß siegt dann wieder die Liebe ĂŒber alles.

Durch den plötzlichen Wechsel zerfĂ€llt der Roman in zwei Teile. Auf Junes offensichtliche LĂŒgen wird der Leser nicht andeutungsweise vorbereitet, er stolpert genauso ahnungslos durch die Geschichte wie Barry. Am Anfang geht alles sehr langsam, einfĂŒhlsam wird einem die Tragik der beiden Protagonisten nahegebracht. Nach der ZĂ€sur wird’s zwar spannend, aber vieles wirkt konstruiert, Spannung wird bisweilen auf Kosten der GlaubwĂŒrdigkeit erzeugt. Vor allem die „Opferhaltung“ der June, die den gerade erst als Vertrauten und Geliebten gewonnenen Barry aufgeben will, um mit dem verhaßten Kalim zusammenzuziehen, der sie verachtet und quĂ€lt, ist kaum nachvollziehbar und paßt nicht so recht zu der selbstbewußten Frau, als die sie sich am Anfang prĂ€sentiert. Auch sind die Hauptfiguren keine Durchschnittsmenschen, mit denen sich der Leser sofort identifizieren könnte. Sie ist eine reiche Erbin, er lebt von einer offenbar riesengroßen Abfindung, das entrĂŒckt sie dem normalen Alltag. Sie leben in einer durchgestylten Welt voller teurer Möbel und Klamotten, sind immer unterwegs zwischen New York, Berlin und Florenz, und die hohen Mieten dieser StĂ€dte sind natĂŒrlich kein Problem fĂŒr sie. Moderne MĂ€rchengestalten, Prinz findet Prinzessin.

Viel Erotik ist auch nicht- die Szenen dieser Art sind wenig prickelnd, und um Sex und Erotik geht es auch nur vordergrĂŒndig. Vielmehr hat man den Eindruck, der Autor wollte eine neue Variante des Themas „Liebe online“ erfinden und dabei möglichst viel Technik unterbringen- PC’s, Laptops, Webcams, nichts lĂ€ĂŸt er aus. Dennoch: „Das Aquarium“ ist unterhaltsam zu lesen, es gibt durchaus einige menschlich anrĂŒhrende Abschnitte, bei denen der Leser mitgeht und mitleidet, auch wenn man zuweilen nicht so recht weiß, was man von den beiden Figuren Barry und June halten soll.

Empfohlen wurde auch das Hörbuch mit Anna Thalbach in der Rolle der June.

Thommie Bayer: Das Aquarium.
Droemer Knaur, MĂŒnchen, Dezember 2005.
336 Seiten, Taschenbuch.

Susanne Tank

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