Der himmelblaue Schmengeling
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Daniel Abraham: Die magischen Städte - Sommer der Zwietracht
Jetzt bestellen bei amazon.de! Der erste einer auf insgesamt vier Romane ausgelegten Reihe präsentiert uns eine vorindustrielle Welt, deren kulturelle Ausgestaltung sich am alten China orientiert.

Die bekannte Welt wird durch wirtschaftlich dominierende Stadtstaaten, die so genannten Sommerstädte beherrscht. Jede der Metropolen wird durch einen allmächtigen Khai regiert, der die Politik bestimmt, für die Erhebung von Steuern und Zöllen zuständig ist und für die Aufrechterhaltung von Ordnung sorgt. Doch nicht etwa die Herrscher selbst bestimmen die Bedeutung der Stadt, sondern deren Dichter. Die Poeten haben über Jahrhunderte gelernt, komplexe Naturkräfte so zu beschreiben, dass diese sich als menschenähnliche Gestalten manifestieren. Die so genannten Andaten werden nur durch den Willen der Dichter gemaßregelt, streben aber nach Freiheit und Selbständigkeit. Manche der dienstbaren Geister können, sofern die Dichter entsprechend versiert sind, für Generationen an eine Stadt gebunden werden, einmal freigesetzt, können die Andaten jedoch nie wieder in die Frondienste gepresst werden.

Seit Jahren prosperiert die Hafenstadt Sarakeht durch und mit dem Dichter Heshai und den Andaten Samenlos. Samenlos beherrscht es, Baumwolle aus unreifen Blüten sprießen zu lassen, und sorgt mit seiner Fähigkeit dafür, dass die Vormachtstellung der Küstenstadt im Baumwollhandel seit Jahrzehnten ungebrochen ist. Daneben hat er eine weitere, weniger bekannte Fähigkeit. Er kann, so ablehnend sein Dichter dem auch gegenübersteht, ungewollte Schwangerschaften beenden. Um seine Freiheit nach Jahrzehnten der Versklavung zu erreichen, formt Samenlos eine unheilige Allianz mit einem der Hauptkonkurrenten seiner Heimatstadt. Galt, eines der einflussreichsten Handelshäuser, will den wirtschaftlichen Vorsprung brechen und den Dichter der allein Samenlos kontrolliert ausschalten. Eine Abtreibung, die ohne Wissen und Wollen der werdenden Mutter stattfindet, soll den Poeten brechen.

Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten, denn die oben beschriebene Handlung steht ganz im Schatten der faszinierenden Welt und der komplexen Personen, die Abraham dem Leser kredenzt.

Die Zivilisation der Khaiem unterscheidet sich von den sonst so austauschbaren Fantasy-Welten. Abraham versteht es immer wieder, Kleinigkeiten in seine Beschreibung einfließen zu lassen, die seine Welt erst anders, gleichzeitig aber auch in sich überzeugend machen.
Sei es, dass die Bewohner der magischen Städte keine Taschen kennen, ihre Schriftstücke etc. demzufolge in den weiten Ärmeln ihrer Oberbekleidung mit sich führen. Oder die Körpersprache und die Handgesten, ohne die die Kommunikation der Bewohner Sarakeths nicht denkbar ist.

Man legt im Umgang miteinander größten Wert auf Formalien, die hierarchische Stellung der streng feudalistischen Gesellschaftsordnung weist einem Jeden seinen festen Platz im Machtgefüge zu. Gerade nach außen muss die Contenance gewahrt werden, Emotionen werden unterdrückt, es gilt in jedem Fall das Gesicht zu wahren. Das erinnert ein wenig an Lian Hearns OTORI-Zyklus (dt. Carlsen), geht aber in seiner Ausgestaltung einen ganz anderen Weg.

Diese Welt voller Formalismen und der über Allem thronende Etikette, voller unausgesprochener Allianzen und Feindschaften dient dann als Schauplatz für den Auftritt besonderer Personen. Das sind keine stromlinienförmige, muskelbepackte und jugendliche Helden, das sind Menschen mit Ecken und Kanten, mit Ambitionen und Alpträumen.

Abraham präsentiert uns aufgrund der komplexen Zeichnung überzeugende Figuren, die mich in ihren Bann zogen. Waren dies der angehende, junge Dichter Maati, der innerlich verunsichert und flatterhaft erkennen muss, dass sein großes Vorbild, der Dichter Hashai ein rückratloser Alkoholiker ist, und den mit dem materiellen Geist Samenlos eine seltsame Freundschaft verbindet. Oder die Buchhalterin Amat, die sich von der Strasse kommend in den vergangenen Jahrzehnten zur wichtigsten Stütze des Händlers Marchat Wilsin hochgearbeitet hat. Jetzt, knapp sechzigjährig muss sie erkennen, dass sie zu neugierig und vertrauensselig war. Auf der Flucht vor den Verbündeten ihres Arbeitgebers schlüpft sie in einem Bordell unter, wird von dem Zuhälter geschlagen und gedemütigt, nur um sich dessen Respekt zu verdienen, bevor ihr die Flucht gelingt.
Oder Otah, den sechsten Sohn des Khai Machi. Er, der einst in die Ausbildung des Dichter-Ordens gegeben worden war, der ersten Hürden genommen hat und dann freiwillig auf die Karriere verzichtet, fristet nun als einfacher Arbeiter und Träger sein Dasein. Da seine Freundin für das Handelshaus Galt tätig ist, ermöglicht sie es ihm Kontakt zu dem Dichterlehrling Maati, einem alten Bekannten aus Klostertagen, aufzunehmen.
Die beiden Gruppen - die Figuren um den Dichter Heshai und die um den Händler Wislin - vermischen sich, interagieren und beleuchten durch ihre unterschiedliche Herkunft und dem jeweiligen sozialen Stand relativ repräsentativ die Gesellschaftsstruktur dieser Welt. Gerade die unserem westlichen Denken so unbekannte Wahrung der eigenen Stellung, die festzementiert scheinende Kastenzuordnung, die in den Dialogen thematisiert wird, wirkt auf mich faszinierend.

Abraham erklärt wenig, lässt seine Leser sich die fremde Welt selbst anhand der Verhaltensmuster der Protagonisten erschließen. Das fordert den Leser, das bewirkt aber gleichzeitig, dass sich die beschriebene Welt plastischer und direkter erschließt. So erhalten wir einen intimen, faszinierenden Blick auf eine Kultur, die der westlichen Leistungsgesellschaft des Aggressiveren, des ohne Rücksicht über Leichen gehenden modernen Karrieristen eine Mischung aus Traditionsverwurzelung, Religion und Obrichkeitsunterordnung gegenüberstellt. Gerade diese detailreich durchdachte und unauffällig präsentierte fremde Welt macht diesen Roman zu etwas Besonderem.

Daniel Abraham: Die magischen Städte - Sommer der Zwietracht.
Blanvalet, München, August 2007.
445 Seiten, Taschenbuch.

Carsten Kuhr

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