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Alexander Osang: Königstorkinder
Jetzt bestellen bei amazon.de! ‚ÄěK√∂nigstor‚Äú hei√üt die Ecke, an der sich die Ostberliner Bezirke Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain treffen. Fr√ľher ein vernachl√§ssigtes Gebiet mit Gebrauchtwagenhandel, leerstehenden Fabrikgeb√§uden und wilden Brachen, neuerdings angesagte Wohngegend, seitdem die Brachen mit Seniorenresidenzen und Townh√§usern bebaut wurden. Direkt gegen√ľber befindet sich der Volkspark Friedrichshain mit seinem M√§rchenbrunnen. Hier ist der Schauplatz von Alexander Osangs neuem Roman. Nicht nur Stadtbezirke, auch Lebenswelten treffen hier aufeinander. Da ist die Welt von Andreas Hermann, einem Ost-Loser Anfang vierzig, der trotz vieler Pl√§ne und Ideen nichts auf die Reihe kriegt und in einem aufgegebenen Gewerbebau hinterm K√∂nigstor in einem Besch√§ftigungsprojekt arbeitet: Als Ein-Euro-Jobber tritt er mit arbeitslosen Schauspielern in Seniorenheimen und auf Nachbarschaftsfesten auf. Zum 20. Jahrestag des Mauerfalls wird eine neue Revue geprobt, und eines Tages steht eine fremde Frau im Raum und beschwert sich √ľber den L√§rm: Ulrike, ein Wesen aus der anderen Welt gleich nebenan. Sie wohnt im Schweizer Garten, einem exklusiven Neubaughetto f√ľr Prominente und Gutbetuchte, auf deren wei√üe Townh√§user Andreas blickt, wenn er aus dem Fenster schaut. Andreas und Ulrike begegnen sich √∂fter, schlie√ülich beginnen sie eine Aff√§re, die auf zehn Tage begrenzt ist: so lange ist Ulrikes Ehemann, ein erfolgreicher Filmproduzent, auf dem Festival in Cannes. Andreas, der in einer verrumpelten Altbaubude in einer nicht so angesagten Gegend haust, findet sich in einer geradezu m√§rchenhaften Welt wieder. Er darf nicht nur ganze Tage und N√§chte in dem eleganten Haus verbringen; Ulrike beschafft ihm auch einen Auftrag in der Werbeagentur, f√ľr die sie arbeitet. Dort soll er eine Kampagne f√ľr die Neuauflage der Ost-Limonade Vipa mitgestalten. Pl√∂tzlich wird Andreas zu Dinnerparties bei hippen Leuten in minimalistisch gestylten Dachgeschosswohnungen eingeladen, wo sich die gutverdienenden Zugezogenen √ľber die Einheimischen lustig machen. Doch auch Ulrikes Welt scheint Risse zu haben: Zuf√§llig entdeckt Andreas in ihrem Badezimmerschrank, dass sie die selben Antidepressiva nimmt wie er. Und auch sonst scheint die beiden eine vage Sehnsucht zu verbinden. Wie ein roter Faden begleitet sie das schwarze Notizbuch eines schwulen Professors, das Andreas bei einer Haushaltsaufl√∂sung gefunden hat. Sie lesen sich aus diesem Buch vor und erf√ľllen den letzten Wunsch dieses Mannes, indem sie seine Asche im M√§rchenbrunnen verstreuen...
Alexander Osang schrieb in den Neunziger Jahren preisgekr√∂nte Nachwende-Reportagen und 2002 seinen ersten Roman ‚ÄěDie Nachrichten‚Äú, in dem ein Nachrichtensprecher unter Stasi-Verdacht ger√§t. Auch in seinem neuen Buch beobachtet er wieder pr√§zise subtile gesellschaftliche Bewegungen und Ver√§nderungen. ‚ÄěK√∂nigstorkinder‚Äú ist teils Liebesgeschichte, teils Gesellschafts- und Milieustudie im Berlin Ende des ersten 2000er Jahrzehnts.
Die Handlung ist nicht linear: Andreas erz√§hlt die Geschickte im R√ľckblick einem Arzt, der ihn f√ľr ein Langzeit-Schlafprojekt f√ľr Astronauten testen soll. Weltflucht nach Ende der Aff√§re mit Ulrike? Das letzte Kapitel stellt dann wieder alles vorher Gelesene in Frage, das Ende bleibt offen und Manches der Phantasie des Lesers √ľberlassen.
Einen gewissen Reiz bildet in diesem Roman die Spannung zwischen der romantisch-entr√ľckten Atmosph√§re, in der sich die beiden wie die K√∂nigskinder im M√§rchen bewegen, und deren ironischer Brechung durch den Autor, der den Leser immer wieder mit unerwarteten Wendungen aufschreckt. Teils poetisch, teils verst√∂rend realistisch, mit interessanten Nebenfiguren, immer dicht am Leben dran und treffend beobachtet, wie ich als Anwohner best√§tigen kann.

Alexander Osang: Königstorkinder.
Fischer, September 2010.
333 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,95 Euro.

Susanne Tank

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