Wellensang
Wellensang
Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » LESELUST » Der Tag des Opritschniks IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Vladimir Sorokin: Der Tag des Opritschniks
Jetzt bestellen bei amazon.de! In seiner Dystopie, schildert Vladimir Sorokin einen Tag im Leben des Andrej Danilowitsch Komjaga, seines Zeichens Opritschnik im Dienste des russischen Gossudaren.
Die Opritschnina ist keine Erfindung Sorokins, sondern geht auf Iwan IV. (besser bekannt als „der Schreckliche“) zurĂŒck, der sich im 16. Jahrhundert eine kleine Armee nur ihm ergebener Elitesoldaten schuf.
Die Insignien der mörderischen Bruderschaft sind der Besen sowie der Hundekopf. Mit diesen Symbolen sollen sowohl die absolute Unterwerfung der Opritschniki unter den Willen des Gossudaren, als auch deren rĂŒcksichtslose HĂ€rte im Umgang mit seinen Gegnern symbolisiert werden.
Der aus der Sicht Komjagas geschriebene Roman ist im Jahre 2027 angesiedelt. Der Gossudar herrscht mit eiserner Strenge. Kritiker des Regimes leben ebenso gefĂ€hrlich, wie der unbotmĂ€ĂŸige Teil des Adels. Beide mĂŒssen jederzeit damit rechnen von den Opritschniki entfĂŒhrt, gefoltert und getötet zu werden.
Im Verlauf der Geschichte (des Komjaga-Day, wenn man so will) ist der Opritschnik an zahlreichen Verbrechen beteiligt. Er ermordet einen in Ungnade gefallenen Adligen, vergewaltigt dessen Ehefrau, versucht einen regimekritischen KĂŒnstler zu liquidieren, nimmt illegale Drogen, erpresst Wegezoll und lĂ€sst sich bestechen. Machen diese fraglos verabscheuungswĂŒrdigen Taten den Opritschnik damit zum gewissenlosen Profiteur eines durch und durch verachtenswerten Systems?
Nur zum Teil, denn Komjaga tut was er tut in der festen Überzeugung ein gutes Werk zu verrichten. Er betet zu den Heiligen und wendet sich vertrauensvoll an Gott mit der Bitte ihn vom Laster des Rauchens zu befreien. Komjaga ist bemĂŒht seine Lippen nicht mit FlĂŒchen zu beschmutzen. Er erfreut sich an seichter Musik und idyllischen Landschaftsbildern. Allein der Gedanke an die vergangene GrĂ¶ĂŸe Russlands ist imstande ihn zu TrĂ€nen zu rĂŒhren.
Die Schizophrenie die der Opritschnik regelmĂ€ĂŸig an den Tag legt ist bemerkenswert. WĂ€hrend er einerseits die Korruption innerhalb der Zollbehörde geißelt, hĂ€lt er die eigene Bestechlichkeit fĂŒr so selbstverstĂ€ndlich, dass er nicht einmal auf die Idee kommt, sie mĂŒsse gerechtfertigt werden.
Weiter wird Komjaga nicht mĂŒde, die Weisheit und Weitsicht des Gossudaren zu preisen, obwohl er viel besser als die meisten anderen Menschen weiß, dass der Alleinherrscher das Land in eine TotalabhĂ€ngigkeit gegenĂŒber China manövriert hat. Der russische BĂŒrger der Zukunft schlĂ€ft in chinesischen Betten, fliegt mit chinesischen Flugzeugen und sitzt auf chinesischen ToilettenschĂŒsseln. Nur seine immer noch immensen Rohstoffvorkommen garantieren Russland einen gewissen Rest an EigenstĂ€ndigkeit.
Der Bezug der Geschichte zur Jetztzeit ist offensichtlich. Das Postengeschachere der Herren Putin und Medwedew wecken ebenso Zweifel am Funktionieren der russischen Demokratie, wie der Mord an Anna Politkowskaya, oder der Prozess gegen den (ehemaligen) Oligarchen Michail Chodorkowski.
Der „Tag des Opritschniks“ ist absolut lesenswert, auch wenn Sorokin es hier und da versĂ€umt seinen Roman auf die Spitze zu treiben. Der Gedanke, dieses Buch Maljuta Skuratow, einem bekannten AnfĂŒhrer der „echten“ Opritschniks zu widmen ist originell und trĂ€gt dazu bei den Leser zu Beginn des Buches ĂŒber die Position des Autors im Unklaren zu lassen.
Spannend ist die ebenso mutige wie ambivalente Darstellung des Andrej Danilowitsch Komjaga. Sorokin musste fĂŒr diese Figur mit Applaus von der „falschen Seite“ rechnen, der dann auch prompt kam. Gegner einer lebendigen Demokratie feierten den „Opritschnik“ als prophetisches Werk indem die „Feinde des Landes“ schon mal nachlesen könnten, was ihnen im Russland der Zukunft blĂŒhen wĂŒrde.
FĂŒr viele Menschen verkörpert die Opritschnina vor allem StĂ€rke. Eine StĂ€rke der repressiven Art natĂŒrlich, doch richtet diese Repression sich nahezu ausschließlich gegen erklĂ€rte Gegner des Regimes oder aber gegen den hohen (Geld-) Adel. Gruppen denen 99% der Menschen nicht angehören. Gerade dann, wenn die Opritschnina einmal mehr einen Plutokraten, einen der „MĂ€chtigen“ ins Visier nimmt, denkt manch weniger begĂŒterte BĂŒrger: „Recht geschieht denen die raffen!“.
An irgendeinem Punkt seines Romans aber muss es Sorokin geĂ€ngstigt haben, einen angstgraues, nur aus BrutalitĂ€t und falschem Pathos geknĂŒpftes Leichentuch zu weben, denn immer wieder irritiert der Autor durch die EinfĂŒhrung „unbekannter ZukunftsgegenstĂ€nde“ wie „lebendgebĂ€render MĂ€ntel“, was beim Leser eher fĂŒr Verwirrung den fĂŒr Erheiterung sorgt.
SpĂ€ter lĂ€sst er die Opritschniki in einer bruderschaftsintern ausgetragenen Orgie der Mannesliebe frönen, was weder an die Libido der meisten Leser appellieren dĂŒrfte, noch die Geschichte sonderlich voranbringt. Vielleicht handelt es sich bei dieser Episode um den Versuch Sorokins die von ihm geschaffene Variante der Opritschnina auf der Zielgerade zu demontieren, doch arbeitet sich der durchschnittliche MitteleuropĂ€er nun mal einfach ungern durch zwei Seiten detailliert geschilderten Analverkehrs ohne dass er im Zuge dessen durch Lust- oder doch wenigstens Erkenntnisgewinn belohnt wird.
Fazit: „Der Tag des Opritschniks“ ist gut, wenn auch nicht ganz so gut, wie er hĂ€tte sein können. Der Witz hĂ€tte noch etwas mehr Bosheit, die Gewalt etwas mehr Zweck und die stillen Momenten noch etwas mehr WĂ€rme vertragen.
Die kĂŒhle, klare Sprache Sorokins ist dagegen uneingeschrĂ€nkt zu loben. Dem Autoren mag das sprachliche Funkeln eines Jerofejew abgehen, doch dafĂŒr weiß er durch punktgenau gesetzte, wuchtige SĂ€tze zu ĂŒberzeugen.
Die zahlreichen politischen Unkorrektheiten mit denen Sorokin immer wieder aufwartet sind ebenso mutig wie unterhaltsam. Das fĂ€llt vor allem dem deutschen Leser auf, da „seine“ Autoren allenfalls mit erotischen AusfĂ€llen aufwarten, wohingegen sie in allen Bereichen die eine gewisse politische Brisanz in sich bergen vor allem um Konsens bemĂŒht sind.

Vladimir Sorokin: Der Tag des Opritschniks.
Kiepenheuer & Witsch, Januar 2008.
220 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,95 Euro.

Michael Zandt

Wie hat Ihnen diese Rezension gefallen? Schreiben Sie uns!
Name:


E-Mail:


Auf welches Buch beziehen Sie sich?


Text:

ANZEIGEN
Das Buch Der Tag des Opritschniks von Vladimir Sorokin jetzt bestellen bei:
Jetzt direkt bei amazon.de bestellen! Jetzt direkt bei bol.de bestellen! Jetzt direkt bei buch.de bestellen! Jetzt direkt bei buecher.de bestellen! Jetzt direkt bei libri.de bestellen! Jetzt direkt bei thalia.de bestellen!
 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2022 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.