Das Ruhrgebiet ist etwas besonderes, weil zwischen Dortmund und Duisburg, zwischen Marl und Witten ganz besondere Menschen leben. Wir haben diesem Geist nachgespürt.
Wim Enderson lebt in der idealen Welt von Coby County. Dafür ist er dankbar, anders als sein Vater oder sein Freund Wesley, die Coby County verlassen (und zurück kommen). Wim selbst gelingt der Ausbruch in das wirkliche Leben nicht.
Wim ist seit Kindertagen Melancholiker, den schon das Verschwinden vertrauter Werbeplakate in Trauer fallen ließ. Als berufsjugendlicher Endzwanziger lebt er bieder, eingefügt in bestehende Verhaltensmuster . Wenn es Höhepunkte gibt in seiner Welt, dann flache. Entscheidungen, die getroffen werden, erschöpfen sich in harmlosen Konsumentscheidungen.
Nichts kann ihn und die anderen Bewohner von Coby County wirklich berühren, verletzten oder glücklich machen: Sex ist vorhersehbar, Verpackungen recyclebar, Texte über Coby County sind stilistisch perfekt, wer nicht hier lebt, der stellt sich gern vor, es zu tun. Ganz Coby County ist bevölkert mit Kreativen aller Branchen, deren Kunst niemandem weh tut, die weder private noch berufliche Probleme haben und Touristen, die die Stadt lieben und von ihren Einwohnern jeden Frühling freudig erwartet werden.
Menschen sind austauschbar, es gibt Pia und Pias Doppelgängerin, Carla und CarlaZwei, Wims Vater und Stiefvater, die ihm gleich viel oder wenig bedeuten.
Die politisch korrekten Einwohner, für die Hautfarbe, Geschlecht, sexuelle Orientierung und Alter als mögliche Diskriminierungsmerkmale nichts bedeuten, riechen außerdem völlig gleich.
Doch es droht Gefahr: Wesleys Mutter träumt von Coby Countys Untergang. Von da an geschieht Undenkbares: Wims Freundin macht sich plötzlich über Selbstverständliches Gedanken und verlässt ihn, Wesley verlässt mit unbekanntem Ziel die Stadt. Eine entfernte Werbeskulptur wird nicht ausgetauscht. Die Hochbahn verunglückt, der beliebte Bürgermeister wird nicht wieder gewählt. Wim entdeckt den Untergrund der Coby County Gesellschaft. Schließlich droht Coby County unterzugehen und wird evakuiert. Das Glückspotential der Stadt scheint ausgeschöpft.
„Schimmernder Dunst über Coby County“ ist Leif Randts zweiter Roman nach „Leuchtspielhaus“, (2010), Randt ist als KulturSPIEGEL-Nachwuchsautor ausgezeichnet, erhielt den Nicolas-Born-Debütpreis, den MDR-Literaturpreis und den Ernst-Willner-Preis. Geboren 1983 ist er im selben Alter wie sein Held Wim. Lesern Ende Zwanzig, die wie Wim wissen, dass bald die frühen Dreißiger, dann die Vierziger folgen, die sich in der kreativen Blase ihres Lebens befinden, in der Kinder noch keine Rolle spielen, die von einer diffusen Angst vor einer nahenden Katastrophe geplagt sind, wird vielleicht das Lachen manchmal im Halse stecken bleiben. Denn das Buch ist unheimlich witzig, voller Ironie, in der Beschreibung völlig inhaltsloser Alltäglichkeiten aber auch entsetzlich. Die Werbeslogansprache mit ihren nichtssagenden Adjektiven beruhigt nicht, sondern macht Angst.
Dieses sprachlich faszinierende Buch über eine utopische Welt, die wir vielleicht besser kennen, als uns bewusst ist, unbedingt lesen!
Leif Randt: Schimmernder Dunst über Coby County.
Berlin Verlag, August 2011.
224 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,90 Euro.