Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
Es ist der 30.April, der Tag vor dem ersten Mai, ein Datum, das traditionell die Berliner Polizei und ganze Bezirke in Aufruhr versetzt. Was als fröhliche Walpurgisnacht-Feier beginnt, endet oft in Krawallen und Strassesschlachten. Und genau diese 24 Stunden bilden das Zeitfenster fĂŒr Annett Gröschners neuen Roman. Der Tag beginnt um Null Uhr auf dem Alexanderplatz an der Weltzeituhr, wo der Stadtstreicher Alex mal wieder auf der Flucht vor zwei sehr dummen, aber umso aufdringlicheren Polizisten ist. In Prenzlauer Berg packt eine Rentnerin derweil ihre Kisten fĂŒr den Umzug ins Seniorenheim. Weitere Figuren folgen: die arbeitslose KĂŒnstlerin Viola KarstĂ€dt verschlĂ€gt es in die Wohnung einer Neuköllner Unterschicht-Familie, der Taxifahrer Hosch gerĂ€t in einer Weddinger Kneipe in einen Ăberfall und fĂ€hrt ab dann mit bandagiertem Kopf herum, der Gasableser Micha Trepte erlebt bei seinen Hausbesuchen aberwitzige Situationen, eine tĂŒrkische MĂ€dchengang ist ebenfalls viel unterwegs, der dreizehnjĂ€hrige Paul durchkreuzt mit seinem Skateboard die Stadt, eine Frau wacht ohne GedĂ€chtnis auf, und eine Pizza-Lieferantin ist auf dem Weg zu einem Sex-Date mit einem Unbekannten. Wer Gröschners ersten Roman âMoskauer Eisâ gelesen hat, erinnert sich vielleicht noch an Annja Kobe, deren Vater sich damals selbst in einer KĂŒhltruhe eingefroren hatte. Auch sie ist wieder mit von der Partie. Weil die Polizei hinter ihr her ist, nimmt sie die IdentitĂ€ten fremder Frauen an, deren Ausweise sie vorher geklaut hat. Sie lebt in Bunkern und AbbruchhĂ€usern und umgibt sich mit anderen AuĂenseitern, darunter auch der schon erwĂ€hnte Alex, der nicht nur ein Obdachloser ist, sondern als magische Figur durch das Buch geistert. Er weiĂ alles, kennt alles. taucht plötzlich aus dem Nichts auf und kann Menschen und Dinge in seinen Sack stecken.
Die Kapitel sind kurz, die Personen wechseln stĂ€ndig, dadurch wird der Roman lebendig, tempo -und abwechslungsreich. Der Leser muss allerdings dran bleiben, um bei den vielen Figuren nicht durcheinander zu kommen. Menschen und HandlungsstrĂ€nge werden geschickt miteinander verwoben, so dass man im Laufe der ErzĂ€hlung manche Ăberraschung erlebt. Auch GegenstĂ€nde wechseln Ort und Besitzer, wie eine alte Kaffeemaschine aus orangefarbigem Plastik. Die Autorin schreibt mit trockenem Humor und besitzt einen gewissen Sinn fĂŒr skurrile Figuren und Situationen, die aber im Berliner Umfeld durchaus realistisch wirken. Auch soziale Probleme wie Arbeitslosigkeit und Alkoholismus verschweigt sie nicht. âWalpurgistagâ ist ein echter Berlin-Roman: er spielt nicht nur in dieser Stadt, er ist eng mit den verschiedenen Berliner Milieus und Lebenswelten verbunden.