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Sten Nadolny: Weitlings Sommerfrische
Jetzt bestellen bei amazon.de! Sten Nadolnys neuem Roman "Weitlings Sommerfrische" liegt eine wunderbare Idee zugrunde: Was w√§re, wenn wir in der Zeit noch einmal 50 Jahre zur√ľck gehen und uns in den Kopf unseres j√ľngeren Selbst versetzen k√∂nnten? Genau das passiert dem pensionierten Richter Wilhelm Weitling, als er w√§hrend eines Unwetters auf dem Chiemsee segelt. Der 68-J√§hrige findet sich als Geist in dem 18-j√§hrigen Willi wieder, kann sich diesem aber nicht mitteilen.

Fortan wundert sich Wilhelm √ľber vieles, was Willi so tut und l√§sst - wie ungeschickt er zum Beispiel ein M√§dchen anspricht, das ihm gef√§llt, dass er in der Schule eine Art Totalverweigerung an den Tag legt oder dass er sich nicht st√§rker gegen politische und gesellschaftlichen Meinungen zur Wehr setzt, die den 50er-Jahren noch Konjunktur hatten - wie den immer noch existenten und kaum verhohlenen Antisemitismus oder die Bewunderung f√ľr Hitler bei einigen Unverbesserlichen. Zu Weitlings Entsetzen l√§uft jedoch das Leben des 18-J√§hrigen nicht genauso ab, wie er es in Erinnerung hat. Wird er jemals seine geliebte Frau Astrid wiedersehen?

"Weitlings Sommerfrische" ist eine gelungene Mischung aus am√ľsanter Unterhaltung und tiefergehenden philisophischen Fragestellungen, wie: K√∂nnen wir eigentlich unseren eigenen Erinnerungen trauen? W√§re, bei nur geringf√ľgigen √Ąnderungen, auch ein g√§nzlich anderer Lebenslauf m√∂glich gewesen? Auch die Frage, ob Gott existiert, taucht an vielen Stellen auf. M√∂glicherweise ist der Roman insgesamt einen winzigen Tick zu betulich. Der √§ltere Weitling d√ľrfte ruhig ein bisschen verzweifelter wegen seines Geist-Zustands sein. Auch die Gef√ľhlsaufwallungen eines 18-J√§hrigen fehlen weitgehend. Ohne das pl√§tschert der Roman zwar unterhaltsam, aber etwas unspannend vor sich hin. Dennoch empfehlenswert.

Sten Nadolny, geboren 1942, ist durch seinen zweiten Roman "Die Entdeckung der Langsamkeit" (1983) bekannt geworden. Auch "Selim oder die Gabe der Rede" (1990) fand große Beachtung. In "Weitlings Sommerfrische" hat er einige Details aus seiner eigenen Biographie verarbeitet: Wie Nadolny hat eine Weitling-Parallelexistenz des Richters Geschichte und Politikwissenschaft studiert, er ist Autor wie sein Pendant im richtigen Leben, und die Eltern beider waren ebenfalls Autoren.

Sten Nadolny: Weitlings Sommerfrische.
Piper, Mai 2012.
224 Seiten, Gebundene Ausgabe, 16,99 Euro.

Andreas SchrŲter

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