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Thomas Mann: Doktor Faustus (1947)
Jetzt bestellen bei amazon.de! Der pensionierte Lehrer Dr. phil. Serenus Zeitblom schreibt im Mai 1943 die Lebensgeschichte seines Jugendfreundes Adrian Leverk├╝hn nieder. Zeitblom und der zwei Jahre j├╝ngere Leverk├╝hn besuchen gemeinsam das Gymnasium und studieren zeitgleich an den Universit├Ąten in Jena, Gie├čen, Leipzig und Halle, Leverk├╝hn Theologie und Zeitblom Klassische Philologie. Sie verlieren sich aus den Augen und Zeitblom verfolgt aus der Ferne die Entwicklung seines Jugendfreundes zum genialen Komponisten. Sp├Ątere Lebensstationen f├╝hren die beiden zusammen und trennen sie wieder. Doch Zeitblom h├Ąlt den Kontakt zu Leverk├╝hn bis zu dessen Zusammenbruch und seinem Tod im Jahr 1941.

Thomas Mann nimmt in seinem Sp├Ątwerk Bezug auf die ÔÇ×Historia von Dr, Johann FaustenÔÇť des Buchdruckers Johann Spiess von 1587. Dieses Volksbuch, dem die legendenumrankte Geschichte des wandernden Wunderheilers Johann Georg Faust (etwa 1480 bis 1540) zugrunde liegt, inspirierte bereits Johann Wolfgang Goethe 1808 zu seinem Drama ÔÇ×FaustÔÇť.

Die Lebensgeschichte seines Helden Leverk├╝hn lehnt Thomas Mann an die Biographien des Philosophen Friedrich Nietzsche und des Komponisten Hugo Wolf an, die sich beide mit Syphilis infizierten und als Krankheitsfolge eine manische Entfesselung ihrer k├╝nstlerischen Produktivit├Ąt bis zum Zusammenbruch erlebten.

Anders als Goethe, der keinen Zweifel daran l├Ąsst, dass die Ereignisse sich wirklich zugetragen haben, l├Ąsst Mann den Leser im Unklaren, ob Leverk├╝hn tats├Ąchlich einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hat. Das Gespr├Ąch mit dem Leibhaftigen, in dem Leverk├╝hn seine Seele verkauft, wird von ihm selbst wiedergegeben und von seinem treuen Chronisten Zeitblom schriftlich festgehalten. Zeugen f├╝r diese Begegnung gibt es keine. Die genialischen H├Âhenfl├╝ge des Komponisten k├Ânnen so auch als Sp├Ątfolgen der Syphilis gedeutet werden, die sich Leverk├╝hn als junger Mann beim Besuch eines Bordells und der einzigen geschlechtlichen Vereinigung seines Lebens zugezogen hat.

Manns Alterswerk ist Bildungs-, Musik-, Gesellschafts- und K├╝nstlerroman in einem. Mit seiner modernen Montagetechnik arbeitet Mann theologische Diskurse, philosophische Abschweifungen, Arnold Sch├Ânbergs Kompositionslehre ├╝ber die Zw├Âlftonmusik und Theodor Adornos Musiktheorie in seinen Roman ein. Dar├╝berhinaus ist ÔÇ×Doktor FaustusÔÇť auch als Kommentar zur poltischen Entwicklung Deutschlands von den Drei├čigerjahren bis zum Zusammenbruch des dritten Reiches 1945 zu verstehen.

Zentral ist im ÔÇ×Doktor FaustusÔÇť die Frage, ob und wie der K├╝nstler sich in die Gesellschaft integrieren kann. Tonio Kr├Âger im gleichnamigen Roman Manns findet seinen Platz in der Gesellschaft, w├Ąhrend Adrian Leverk├╝hn nur au├čerhalb der Bindungen, die ein gesellschaftliches Leben mit sich bringt, existieren kann. Liebe und Freundschaft sind ihm verwehrt. Nach dem qualvollen Tod seines ├╝ber alles geliebten Neffen Echo, der an einer Hirnhautentz├╝ndung erkrankt, schafft Leverk├╝hn sein expressives und verst├Ârendes Meisterwerk, die symphonische Kantate ÔÇ×Dr. Fausti WeheklagÔÇť. Verlust und Trauer st├╝rzen ihn in einen k├╝nstlerischen Rausch, eine Reaktion, die seine Mitmenschen nicht nachvollziehen k├Ânnen. Mit seiner gro├čen Lebensbeichte vor den Menschen, die ihn ├╝ber viele Jahre begleitet haben, kappt Leverk├╝hn die letzten Verbindungen zur menschlichen Gesellschaft und bricht zusammen.

Der Chronist Zeitblom tut sich schwer, die unglaubliche Lebensgeschichte seines Jugendfreundes zu berichten. Er windet sich, kommt nicht auf den Punkt, rettet sich in ellenlange S├Ątze, zu furchtbar ist, was zu erz├Ąhlen er sich verpflichtet f├╝hlt. Auch wer Thomas Manns gestelzte Sprache und seinen ausufernden Stil nicht sch├Ątzt, sollte sich nicht abschrecken lassen, diesen Roman zu lesen. Hier harmonieren Manns sprachlichen Eigenarten perfekt mit dem Erz├Ąhlten.

ÔÇ×Doktor FaustusÔÇť ist bei allem einsch├╝chternden bildungsb├╝rgerlichem Hintergrund vor allem ein wirklich spannendender Roman ├╝ber ein genialisches K├╝nstlerleben und eine Wiederentdeckung wert.

Thomas Mann: Doktor Faustus (1947).
Fischer, Dezember 1995.
672 Seiten, Taschenbuch, 12,95 Euro.

Martina Sprenger

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