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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Titus MĂŒller: Nachtauge, gelesen von GĂŒnter Merlau
Jetzt bestellen bei amazon.de! Ich bin ja bekannterweise im Ruhrgebiet aufgewachsen. Zwar wohnten wir nicht hochwassergefĂ€hrdet, aber eine Begebenheit hat sich im GedĂ€chtnis auch meiner Vorfahren eingegraben: Das Hochwasser nach der Sprengung der Möhnetalsperre war ein tiefgreifendes Ereignis. Noch vor zehn Jahren, als ich in eine Wohnung in FlussnĂ€he gezogen bin, habe ich mich bei den Alteingesessenen erkundigt, wie hoch denn das Wasser 1943 gestanden habe. Höher wird es nie. Nicht nur die Möhne selbst trat ĂŒber die Ufer, das Wasser ergoss sich in das gesamte Ruhrtal, schoss in unmöglicher Richtung die FlĂŒsse aufwĂ€rts und ĂŒberschwemmte alles, was sich in der NĂ€he befand.

Im April 1943 liegt in der NĂ€he der Staumauer - einem technischen Wunderwerk der damaligen Zeit - ein Lager ukrainischer Zwangsarbeiterinnen. Die Frauen mĂŒssen in der Munitionsfabrik von Neheim arbeiten. Abgesehen von den Entbehrungen und körperlichen Anstrengungen, bedeutet es fĂŒr die junge Ukrainerin Nadjeschka auch eine seelische Belastung zu wissen, dass sie es ist, die die Patronen herstellt, die ihre BrĂŒder und Freunde töten könnten.

Georg Hartmann ist der Leiter des Lagers, in dem die Zwangsarbeiterinnen untergeb-racht sind. Aber eigentlich ist er Lehrer und hat sich dieser Aufgabe nur gestellt, weil seine Schwester seinen Schwager gebeten hat, ihrem Bruder doch bitte einen kriegs-wichtigen Posten zu verschaffen, damit er nicht an die Front muss. Der Schwager ist ĂŒberzeugter Nazi und bei der Polizei. Das macht Georg das Leben nicht einfacher, als er Nadjeschka nĂ€her und nĂ€her kommt. Er versucht ihr Vorteile zu verschaffen, fĂŒhrt sie aus, plant gar ihre gemeinsame Flucht. Denn Georg ist alles andere als ein ĂŒberzeugter Nazi, auch vor Nadjeschka hat er am System gezweifelt und mit den ausbleibenden Siegen und immer deutlicher werdenden brutalen Maßnahmen wird er mehr und mehr zum passiven WiderstĂ€ndler.

Gleichzeitig leiden die Londoner unter der immer stÀrkeren Bombardierung durch das Deutsche Reich. Es gibt einen Plan, aber es gibt auch Spione - und Spioninnen. Eine davon ist die mit dem Codenamen »Nachtauge«, die ebenso erfolgreich wie skrupellos vorgeht. Sie ist ganz dicht davor, Englands Gegenschlagsplan trotz aller Vorsicht herauszufinden, als die endlich ins Netz geht. Aber damit ist ihre Geschichte noch nicht zu Ende.

Besonders positiv aufgefallen an diesem Hörbuch ist mir, dass die historischen Hinweise am Ende des Buches nicht dem Schnitt zum Opfer gefallen sind, sondern in voller LĂ€nge mitgelesen werden. Es handelt sich dabei nĂ€mlich um sehr interessante Informationen, die die Quellen der Geschichte beleuchten. Vor diesen HintergrĂŒnden baut Titus MĂŒller eine Liebesgeschichte auf, die es so im Dritten Reich nicht geben durfte und in der die Liebe sich trotzdem ihren Weg bahnt. Eine schöne Geschichte ĂŒber die Unsterblichkeit der Liebe, die sich durch Nichts und niemanden aufhalten lĂ€sst, ebenso wie eine grausame Geschichte um ein Volk in einem Regime, in dem fĂŒr Mitleid kein Platz ist.
Auf der anderen Seite des Ärmelkanals benutzt die Spionin Nachtauge die Liebe, um an Informationen heranzukommen - eine weitere Pervertierung des UrgefĂŒhls im Namen eines unmöglichen Regimes.

Gelesen wird "Nachtauge" von GĂŒnter Merlau, der den Russinnen ebenso glaubhaft und verstĂ€ndlich Stimme verleiht wie den EnglĂ€ndern und den Deutschen. Insgesamt schafft er ein stimmliches Völkergemisch, das es so ebenfalls nicht geben durfte.

Wenn es etwas an dem Buch zu bemĂ€ngeln gibt, dann nur, dass aber auch wirklich jeder Stereotyp des Dritten Reiches auftaucht. Vom verzweifelten Jungsoldaten ĂŒber den guten Lehrer und den hinterlistigen Blockwart bis hin zur friedliebenden Russin finden alle ihren Platz in diesem Buch. Vielleicht liegt das aber auch nur daran, dass die Menschen dieser Zeit gezwungen waren, an ihrem Bild in der Gesellschaft zu arbeiten. Sie konnten nicht einfach sein, wie sie waren, denken, was sie wollten, sondern mussten dies zumindest nach außen systemkonform tun. Vielleicht kommen dabei wirklich in der gleichen Form auftretende Menschen heraus.

Titus MĂŒller: Nachtauge, gelesen von GĂŒnter Merlau.
Radioropa Hörbuch, MÀrz 2013.
1 MP3-CD, 22,95 Euro.

Regina Lindemann

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