Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Christoph Marzi: Fabula
Jetzt bestellen bei amazon.de! Dies ist die Geschichte zweier Br√ľder aus dem Schottischen Galloway. Der eine hat sich nach dem Unfalltod seines Vaters in die USA abgesetzt und eine Band gegr√ľndet. Der andere hat Karriere in der Werbewirtschaft Londons gemacht.

Colin Darcy, unser Erz√§hler, hat sein Leben in den letzten zehn Jahren ganz auf seine Karriere ausgerichtet. Doch eines Tages √§ndert sich alles. Sein bester Freund und Kollege verungl√ľckt t√∂dlich, seine Freundin betr√ľgt ihn und ein Anruf der Haush√§lterin seiner Mutter verspricht weiteres Unheil. Anscheinend sind sowohl seine Mutter als auch sein zum Besuch zu Hause weilender Bruder spurlos verschwunden.

Kurzerhand macht er mit seiner √ľberstylten Verlobten Schluss und begibt sich schweren Herzens auf eine Reise in die alte, ungeliebte Heimat und in seine verdr√§ngte Jugend.
Kaum in Galloway angekommen, trifft er auf seine Jugendliebe. Zusammen machen sich die beiden auf nach Ravencraig, dem Anwesen der Darcys. Nach und nach erschlie√üt sich uns in Erinnerungen Colins dessen traumatische Kindheit. Die Mutter der Br√ľder war eine begnadete Geschichtenerz√§hlerin. Durch ihre einzigartige Gabe verstand sie es, ihre Geschichten zum Leben zu erwecken, ja ihre Zuh√∂rer in eine von ihr geschaffenen Realit√§t zu versetzen. W√§hrend sie zun√§chst f√ľr eine gl√ľckliche, unbeschwerte Kindheit sorgte, massregelte sie sp√§ter ihre S√∂hne durch ihre Geschichten. Da wurden geringe Vergehen damit geahndet, dass die Kinder ohne M√ľnder aufwachten, dass ihre Augen blutig tr√§nten, oder dass sie von Riesenspinnen gejagt wurden. Mit zunehmenden Alter aber lernten die Jungs sich den Strafen zu entziehen. Sie verschwanden aus der Realit√§t in ihr eigenes Rio Bravo, einer Westernwelt, in der sie die B√∂sen das F√ľrchten lehrten. Als sie erwachsen wurden, flohen sie aus dem sie einengenden Elternhaus und brachen den Kontakt ab. Nach und nach kommt Colin dem Mysterium der Verschwundenen auf die Spur. Verfolgt von der Polizei und t√∂dlichen Bienenschw√§rmen er√∂ffnet sich ihm sein phantatisches Erbe und das ganze Ausmass eines Verbrechens aus tiefster Verzweiflung, denn ihre Mutter will sich aus dem Leben ihrer S√∂hne nicht heraushalten ...

Christoph Marzi verzauberte seine Leser mit der Emily Laing Trilogie. Die Geschichte des Waisenkindes, mit der Stadt unter der Stadt zeigte uns einen Autor voller Famulierfreude und Phantasie.

Schon in der bei Arena erscheinenden Trilogie ging er andere, märchenhaftere Wege.
Vorliegendes Werk ist wieder ganz anders. Wer sich √§hnlich packende Abenteuer erhofft, wie bei Emily, der ist hier definitiv falsch. Fabula ist ein Buch der ruhigen, der nachdenklichen T√∂ne. Es ist die Geschichte eines Mannes, der von seiner traumatischen Kindheit gepr√§gt wurde, der sich von seiner depotische Mutter allen Versuchen zum Trotz nie l√∂sen konnte. Nach und nach wird deutlich, dass obwohl er - wie sein Bruder - die Flucht ergriffen hat, diese nach wie vor seine Art zu leben bestimmt. Getrieben von den verdr√§ngten Erinnerungen, auf der Flucht vor seiner eigenen Vergangenheit und seiner Verantwortung wird Colin durch die Geschehnisse gezwungen, sich mit seiner Kindheit und seinem Erbe auseinanderzusetzen. Dass dabei lange Zeit unklar bleibt, ob er sich die Vorkommnisse nur eingebildet hat, oder ob diese Realit√§t waren, dass die phantastischen Sequenzen und Einfl√ľsse hinter die Darstellung des geplagten Menschen Colin Dracy zur√ľcktraten, √∂ffnet dem Autor den Raum seine Gestalt dezidiert zu zeichnen. Das wirkt sehr intim, das ist mehr eine Charakterstudie als ein phantastisches Abenteuer. Gleichwohl offenbart sich dem Leser √ľber die Kapitel eine phantastische Welt voller m√§rchenhafter Themen. Eine Welt, die zwar nicht so voller actionreicher Dramatik fesselt, wie die Laing Trilogie, die aber daf√ľr Mitleid mit dem Protagonisten weckt, die in leisten T√∂nen ihre Leser verzaubert.

Christoph Marzi: Fabula.
Heyne, Dezember 2007.
478 Seiten, Taschenbuch, 14 Euro.

Carsten Kuhr

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