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Astrid Lindgren: Die Menschheit hat den Verstand verloren: TagebĂŒcher 1939-1945
Jetzt bestellen bei amazon.de! Astrid Lindgren (1909 - 2002) war noch keine Schriftstellerin, als sie zu Beginn des Zweiten Weltkrieges ein Tagebuch fĂŒhrte. Wie eine Chronistin beschrieb sie das Kriegsgeschehen und sammelte Zeitungsartikel, die im Buch abgebildet und ĂŒbersetzt worden sind. Erkenntnisse aus ihrem »Schmuddeljob« bei der Briefzensur der Postkontrollanstalt ergĂ€nzten ihr Weltbild ebenso wie ihre tĂ€glichen Erfahrungen mit Lebensmittelmarken, kalter Wohnung im Winter und Ausgehverboten. Privates berichtet sie nur am Rande. Die Grausamkeiten des Krieges und das unnötige Töten so vieler unschuldiger Menschen lassen sie verzweifeln.
Am 10. Mai 1940 bekundet sie: »... In ganz Nordeuropa ist Schweden nun das einzige Land, das sich nicht im Krieg befindet ... Aber vielleicht sind wir als NĂ€chste an der Reihe. Deutschland gleicht einer bösartigen Bestie, die in regelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden aus ihrer Höhle hervorgestĂŒrzt kommt, um ĂŒber ein neues Opfer herzufallen. Mit einem Volk, das im Abstand von etwa 20 Jahren so gut wie die ganze ĂŒbrige Menscheit gegen sich aufbringt, kann etwas nicht stimmen.« (S. 57)
Schweden blieb bis zum Kriegsende neutral, half mit Geld- und Sachspenden und nahm FlĂŒchtlinge auf. WĂ€hrend viele LĂ€nder in den Weltkrieg hineingezogen wurden, lebten Astrid Lindgren und ihre Familie in stĂ€ndiger Angst, blieben verschont vor Kampf und Tod. Aus dieser Perspektive heraus bewahrte sie ihre humanitĂ€re Einstellung, fĂŒr die sie ihr Leben lang einstand.
Am 07.Mai 1945 schrieb sie: »... Deutschland und die Deutschen werden gehasst - aber man kann nicht alle Deutschen hassen, man kann sie nur bedauern. Der Krieg ist aus - das ist das Einzige, was im Augenblick zÀhlt.« (S. 447)
Betrachtet man aktuelle Kriege lassen sich geschichtliche Parallelen erkennen. Völker werden zerstört, GeschĂ€fte mit Waffen gemacht und Ressourcen gesichert. Damals wie heute werfen die unterschiedlichsten Interessenvertreter Bomben »aus humanitĂ€ren GrĂŒnden« auf fremde LĂ€nder. Wer in Frieden leben darf, fĂŒr den ist das Töten unfassbar. »... Der FrĂŒhling in diesem Jahr ist so sonderbar, man muss sich einfach ĂŒber ihn freuen, aber gleichzeitig ist es noch unertrĂ€glicher, daran zu denken, das Menschen einander töten, wĂ€hrend die Sonne scheint oder die Blumen sprießen.« (S. 55/56)
Die Tagebuchsammlung (1939 - 1945) trÀgt den Titel »Die Menschheit hat den Verstand verloren" und ist ein wervolles Zeitdokument. Auch im Hinblick darauf, dass die Menschheit noch immer den Verstand verloren hat.

Astrid Lindgren: Die Menschheit hat den Verstand verloren: TagebĂŒcher 1939-1945 .
Ullstein, September 2015.
576 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Sabine Bovenkerk-Müller

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