Der Tod aus der Teekiste
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T. R. Richmond: Wer war Alice
Jetzt bestellen bei amazon.de! Nach einer Kneipentour mit Freundinnen wird die 25jährige Alice Salmon tot im Fluss gefunden. Was man weiß: Sie war stark betrunken; sie muss von der nahegelegenen Brücke gestürzt sein; sie ist ertrunken. Aber was ist wirklich passiert?
Denn Alice befand sich gerade an einem ziemlichen Tiefpunkt: Trennung von ihrer großen Liebe, Bruch mit der Mutter, dazu die Aufarbeitung eines alten persönlichen Traumas, die sie tief aufwühlte. Auch Depressionen waren ihr nicht fremd. Also Suizid?
Nie im Leben, sagen ihre Freunde; sie hatte Pläne, sie war zuversichtlich, sie war genau wie immer. Also ein Unfall?
In ihrem Job als Journalistin hatte Alice sich einen Namen als Streiterin gegen Unrecht gemacht und mit persönlichem Engagement dafür gesorgt, dass mehrere Kleinkriminelle hinter Gittern verschwanden – was ihr nicht nur Freunde eingebracht hat, wie die Droh-Nachrichten belegen, die ein unbekannter Stalker ihr regelmäßig schickt. Ist sie also am Ende Opfer eines Angriffs geworden?
Nicht zuletzt besaß Alice die Gabe, mit ihrer Persönlichkeit und Ausstrahlung Menschen mit Haut und Haaren für sich einzunehmen, über die Grenzen des Vernünftigen (oder der Obsession) hinaus – aber sie schreckte auch nicht davor zurück, den Kontakt bei Zweifel an der Integrität der anderen Person abrupt und unwiderruflich abzubrechen. Es gibt eine Menge Menschen in ihrem Umfeld, die sich nach ihr verzehren, nicht zuletzt ihr Ex-Freund Luke. Der ohnehin ein Problem mit seiner Selbstkontrolle hat... und an dem fraglichen Abend einer der letzten war, die Alice lebend gesehen haben.
Alice’ Ex-Professor Jeremy Cooke, selbst mit seiner eigenen Sterblichkeit konfrontiert, nimmt es als letztes Kapitel im Leben und einer undistinguierten akademischen Karriere auf sich, aus den Puzzleteilen dessen, was Alice im Leben ihrer Freunde, Familie, Bekannten hinterlassen hat, ihr Porträt zusammenzusetzen... und vielleicht zu klären, warum sie sterben musste. Der Stoff, mit dem er arbeitet, sind die digitalen wie analogen Fußspuren, die Alice, schon früh verliebt in Worte und den Akt des Sich-Mitteilens, zurücklässt: Tagebuchnotizen, Briefe, SMS, Postkarten, Kindle-Listen, Playlists; doch nicht nur Alice kommt zu Wort, auch die Art, in der ihre engen Freunde versuchen, mit ihrem Verlust klarzukommen, fließen in Form von Blog-Posts, Computerschriftstücken, E-Mails und ähnlichem in Professor Cookes Arbeit mit ein, dazu Zeitungsartikel, Vernehmungsprotokolle und andere Fundstücke. Und je tiefer er in die Geschichte der jungen Frau vordringt, umso offensichtlicher scheint ihm, dass sich noch jemand mit Alice’ Leben und Tod beschäftigt – jemand, der nahezu alles dafür tun würde, dass die Wahrheit um die letzte Nacht der Alice Salmon nicht ans Licht kommt. Oder ist auch das nur eine weitere Fiktion? Denn auch zwischen dem Professor und Alice gibt es eine Verbindung...

Meine Meinung:
An sich Stoff für ein großartiges Buch. „Wer war Alice“ bleibt dagegen Flickwerk, und hässliches dazu – die found footage-Form wird nicht wirklich genutzt (was sich schon an der Entscheidung des Verlags zeigt, die jeweiligen Objekte nicht in entsprechender Form visuell aufzubereiten – ab und an wird mal am Font geschraubt, aber anders als z.B. bei Marisha Pessls „Die amerikanische Nacht“, das sich ähnlicher Mechanismen bedient, sehen E-Mails nicht aus wie E-Mails, SMS nicht wie SMS, Zeitungsartikel, Tagebucheinträge, Blog-Posts sind alle im selben gewöhnlichen Druckbild gehalten).
Stilistisch liegt in „Wer war Alice“ einiges im argen, etwa, wenn man die „Tagebücher“ betrachtet, in denen die jeweiligen Verfasser in bester Schriftsprache und mit großer Detailfreude niederschreiben, was sie bewegt, und seitenweise Dialoge im Wortlaut rezitieren. Interessanter, aber schriftstellerisch auch weitaus anspruchsvoller wäre gewesen, sich diesen Passagen in einem tatsächlich subjektiven Tagebuchstil zu nähern, der eben nicht alles erklärt und es dem Leser zutraut und zumutet, sich die Zusammenhänge, zunächst auch gern über längere Strecken scheinbarer Ratlosigkeit, selbst zu erarbeiten. T.R. Richmond belässt es dabei, „Tagebuch“ über ein gewöhnliches Erste-Person-Singular-Kapitel zu setzen und routiniert herunterzuerzählen. Alles liest sich gleich, niemand bekommt eine eigene Stimme; man könnte aus der Satzstruktur, der Wortwahl, den Formulierungen nicht erkennen, ob da nun Alice erzählt, ihre Mutter oder einer ihrer diversen Ex-Freunde, da charakterspezifische sprachliche Eigenheiten komplett fehlen. Nur der tutige Uniprofessor sticht heraus, aber auch das ist nicht unbedingt ein Vorteil.
Überhaupt bleiben die Charaktere blass und uninteressant, besonders die als so schillernd und faszinierend beschriebene Alice. Man bekommt zwar (immer und immer wieder) geschildert, wie toll der/die aktuell Erzählende Alice fand, aber die beschriebenen Beispiele bleiben weit hinter der Großartigkeit zurück, die sie vermitteln sollen. Alice’ groß angelegte journalistische Aktionen gegen die „kriminellen Drecksäcke“ ihrer Stadt lesen sich in Wirklichkeit mehr wie Gehversuche einer ambitionierten Schülerzeitungsredaktion: Höhepunkt und Glanzlicht ihrer Reporterkarriere ist die durch ihre Recherche unterstützte Verurteilung eines Einbrechers, der eine Greisin geschubst hat („Abschaum!“). Geschildert wird dieser Triumph allerdings, als hätte sie den Top-Terroristen des Landes zur Strecke gebracht, und zwar im Alleingang.
Dass sich ein unheimlicher Rächer auf Basis dieser journalistischen Großtaten auf Alice einschießen soll, leuchtet da nicht hundertprozentig ein, genausowenig wie der Umstand, dass Alice’ quasi-ungeklärtes Schicksal die gesamte Nation (!) auch noch ein Jahr danach (!!) in Atem hält, wie Herr Richmond uns weismachen möchte; zur Rekapitulation: Da ist eine Mittzwanzigerin in volltrunkenem Zustand in einen Fluss gefallen und ertrunken. Wahnsinn.
Überhaupt fühlt man sich streckenweise in ein Jugendbuch versetzt, oder besser: in einen Roman, der von einem Jugendlichen geschrieben wurde; die Reaktionen der Charaktere ließen sich eigentlich nur vor dem Hintergrund pubertärer Sturm-und-Drang-Theatralik nachvollziehen, insbesondere, was Beziehungen angeht. Der Grund für Alice’ Zerwürfnis mit ihrer Mutter? Sie hat herausgefunden, dass die Frau Mama vor ihrer Ehe eine Beziehung mit einem anderen Mann hatte. Lange, bevor sie ihren späteren Ehemann kennenlernte. Für Alice ein unfassbarer Verrat. Für mich als Leser nicht ganz nachvollziehbar, selbst wenn man die „unschickliche“ Art der Verbindung mit einbezieht.
Und auch sonst liest sich der soziale Umgang der Figuren untereinander mit verblüfftem Staunen; Alice serviert von jetzt auf gleich ihre große Liebe Luke ab, weil sie erfahren musste, dass er, als sie gerade zusammengekommen waren (sich aber noch nicht als festes Paar sahen), einen betrunkenen One Night Stand mit einer Fremden hatte. Für Luke insofern schlimm, als er just an dem Abend, an dem Alice selbstgerecht ihre innere Viktorianerin channelte, eigentlich um ihre Hand hatte anhalten wollen. Mit Mitte zwanzig; nach achtzehn Monaten Beziehung. Nein, in der Welt von Alice Salmon werden definitiv keine halben Sachen gemacht.
Auch in der Auflösung setzt der Autor auf die ganz, ganz großen Kanonen und feuert ein Gewitter der Melodramatik und Unplausibilität ab (das man mit etwas Leseerfahrung im übrigen schon lange, lange vorher kommen sah). Bei aller Übertreibung und überkandidelter Theatralik bleibt das Buch allerdings über lange Strecken dröge und, ja, langweilig; man erfährt viel über Alice (wie toll, hübsch, besonders sie war), aber das, was in „Wer war Alice“ überhaupt als Handlung zu bezeichnen ist, rollt viel zu oft nur im Leerlauf des selbstbezogenen Geschwafels dahin. Viel gewollt, wenig erreicht: Was man über Alice sagen kann, lässt sich leider auch auf diese fiktionale Aufarbeitung ihres Lebens übertragen.

T. R. Richmond: Wer war Alice.
Goldmann, Februar 2016.
448 Seiten, Taschenbuch, 14,99 Euro.

G.K. Nobelmann

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