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Norbert Gstrein: Die Winter im S√ľden
Jetzt bestellen bei amazon.de! Eine besondere Geschichte innerhalb eines allgemeinen, historisch gesicherten Rahmens zu zeichnen, birgt neben der M√∂glichkeit, die Fiktion an der Realit√§t zu spiegeln, immer auch die Gefahr, sich in Details zu verlieren, die das eigentliche Anliegen aufgesetzt und klischeehaft wirken lassen. Norbert Gstrein hat in seinem j√ľngsten Roman wieder einmal die Omnipr√§senz eines latenten Kriegszustands als Passepartout gew√§hlt, um in der ihm ureigenen Sprache einen Generationenkonflikt auszubreiten, der weder vor Fragen nach der Selbstbestimmung des Menschen noch vor deren exemplarischer Kapitulation haltmacht.

Vordergr√ľndig bereitet ein 1945 aus Jugoslawien nach Argentinien geflohener Antikommunist nach einem halben Jahrhundert im Exil seine glorreiche R√ľckkehr ins Heimatland vor, in dem heute ‚Äď Anfang der Neunziger ‚Äď der Krieg erneut tobt. Zur√ľckgelassen hat er damals Frau und Tochter, und diese, nach der Jesusmutter Marija getauft und nunmehr f√ľnfzig, erf√§hrt ausgerechnet w√§hrend ihres unfreiwillig freiwilligen Aufenthalts in Kroatien vom Versuch ihres totgeglaubten Vaters, mit ihr Kontakt aufzunehmen. Dabei l√§sst sie sich von ihrem Ehemann, einem erfolgreichen Wiener Journalisten und pragmatisch gewordenen Alt-Achtundsechziger, ebenso dreinpfuschen wie von Angelo, dem verwundeten kroatischen Soldaten, der in aller Brutalit√§t zu ihrem jugendlichen Kurzzeitliebhaber avanciert und das verst√∂rte Vater-Tochter-Verh√§ltnis um eine weitere empfindliche Nuance bereichert. Als dritte Hauptfigur heuert der Vater einen Lakaien mittleren Alters an, Ludwig, dessen Polizeikollegin und heimliche Geliebte vor seinen Augen am Wiener Westbahnhof erschossen wurde und der sich nun in Argentinien mit der Sinnlosigkeit seines bisherigen Lebens konfrontiert sieht, aus dem er Hals √ľber Kopf geflohen ist.
So, wie der Autor seine Figuren erfindet, als w√§ren sie allesamt Abziehbilder von in die Jahre gekommenen und spielunlustig gewordenen Schauspielern, denen die immer gleiche Rolle jede F√§higkeit zum spontanen Ausdruck verkn√∂chern lie√ü, entpuppt sich auch die Erz√§hlung drumherum als w√§ssriges, konturenloses B√ľhnenbild, in das sich die altbekannten Requisiten √§chzend, aber doch problemlos einf√ľhren lassen.

Das Setting der Geschichte changiert kapitelweise zwischen Zagreb und Buenos Aires, Wien spielt eine kleine Rolle, und nichts in Gstreins unbestritten einzigartiger Erz√§hlweise verlangt eigentlich danach, dass ein im s√ľdamerikanischen Exil polternder Altfaschist sich tats√§chlich aller Stereotypen bedient, die man von ihm erwartet. Zwar knallen die Pistolen des ‚ÄěAlten‚Äú, wie er im Roman durchgehend hei√üt, ausschlie√ülich im Schie√ükeller, zwar begn√ľgen sich seine beiden Kampfhunde damit, immer brav an Seite ihres kurz geschorenen Herrchens b√∂se Miene zum grotesken Spiel zu machen, zwar bel√§uft sich die Rolle des desillusionierten Ex-Polizisten ausschlie√ülich darauf, den Leibw√§chter tats√§chlich nur zu mimen, zwar bleibt die l√§ngst herbeigeahnte Entdeckung des Verh√§ltnisses von Ludwig mit der jungen Gattin seines Arbeitgebers ohne gr√∂bere Folgen, doch m√ľndet ein solches Nebenher an altbekannten Attributen gerade durch seine Zweckfreiheit in der entscheidenden Frage: braucht der Autor ein derartiges Ensemble, um den Anschein von der Gef√§hrlichkeit des ‚ÄěAlten‚Äú zu wahren, wirklich, oder ist es eben jener Protagonist, der sich, wie im Roman hinl√§nglich bezeugt, in seiner ungebrochenen K√§mpfersehnsucht so gut gef√§llt, dass er bereitwillig auch noch zur letzten augenscheinlichen L√§cherlichkeit dankbar ja und amen sagt?

Letztere Ansicht legt der Roman vielfach nahe, aber es sind eher episodenhaft eingestreute Erw√§hnungen am Rande, die die Skrupellosigkeit des ‚ÄěAlten‚Äú dann wirklich best√§tigen.
Sprachlich agiert Gstrein gewohnt souver√§n, bisweilen zart-poetisch, selten banal, leider aber erschreckend oft redundant. Die Erz√§hlinstanz k√∂nnte auktorial genannt werden, w√§ren da nicht die √ľberdeutlichen Schilderungen der Gef√ľhlswelt von Ludwig und Marija in Kombination zu den oftmals mit blo√üen Vermutungen versehenen Reaktionen der Umwelt. Sie k√∂nnte als personale Perspektive verstanden werden, k√§me ihre Stimme nicht in einem fort aus dem Off, das √ľberall und nirgends zu sein scheint. Solcherart vermischt der Erz√§hler die Farblosigkeit seiner Akteure zu einem einheitlichen Grau, das man den Figuren in ihrer Menschlichkeit zwar zuschreiben kann, das aber in schmerzlichem Kontrast zur schillernden Rahmenhandlung steht. Gleichfalls irritiert Gstreins Endlossatzstil, an den man sich zwar schnell gew√∂hnt, der aber dann doch wieder durch Dialogfragmente aufgebrochen wird, um sich im Anschluss an ins letzte Detail gehenden Deutungen des zuvor w√∂rtlich Gesagten auszulassen. Kurz: dem Leser bleibt es √ľberlassen, das Buch zu lesen; eigene Gedanken aber werden konsequent in eine schlecht beschilderte Einbahnstra√üe gelenkt.

Unausgegoren kann Norbert Gstreins neuer Roman wohl kaum genannt werden; zu exakt wurde hier recherchiert, arrangiert, und letztlich auch elaboriert. Dennoch nimmt das Werk einen sehr eigent√ľmlichen Platz in der deutschsprachigen Literaturlandschaft ein. Von ‚Äěmodern‚Äú kann stilistisch nicht die Rede sein, genauso wenig wie von ‚Äěunterhaltsam‚Äú. Das macht ihn nat√ľrlich nicht schlechter, als er ist, aber irgendwie fragt man sich schon, wenn der letzte Punkt dann doch pl√∂tzlich gesetzt ist, ob ‚Äědie kleine M√ľhe, ein Buch zuzuklappen, das zu Ende war, und nicht mehr daran zu denken‚Äú, jene gro√üe, es vorher gelesen zu haben, in diesem Fall rechtfertigt.

Norbert Gstrein: Die Winter im S√ľden.
Hanser Verlag, August 2008.
284 Seiten, Hardcover, 19,90 Euro.

Daniel Kindslehner

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