'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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Das Ruhrgebiet ist etwas besonderes, weil zwischen Dortmund und Duisburg, zwischen Marl und Witten ganz besondere Menschen leben. Wir haben diesem Geist nachgesp√ľrt.
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Norman Ohler: Mitte
Jetzt bestellen bei amazon.de! Hackescher Markt- das ist die Mitte Berlins, hier lag das legend√§re j√ľdische Scheunenviertel, hier war die Welt von D√∂blins Franz Biberkopf. Zu DDR-Zeiten vergessen und dem Abri√ü preisgegeben, nach der Wende wiederentdeckt von Hausbesetzern, K√ľnstlern und allerhand halblegaler Club- und Kneipenkultur. Gegen Ende der 90er setzte dann die √ľbliche gentrifcation ein: Sanierung und Verdr√§ngung der Off-Kultur durch teure L√§den und Galerien und Invasion der handybewaffneten Medienschickeria.

Genau zu diesem Zeitpunkt setzt Norman Ohlers Roman ein.

Sein Held Klinger hat erst mal genug vom e-business. Mit gro√üen Karrierepl√§nen war er nach London gezogen, nun geh√∂rt er zu den Opfern der ersten dotcom-Pleitewelle. Zur√ľck in Berlin, nimmt er den erstbesten Job als Kaufhausdetektiv im Kaufhof am Alex an und zieht in ein altes Haus am Hackeschen Markt, das irgendwann entkernt werden soll (bedeutet mehr oder weniger Abbruch, nur die Fassade bleibt stehen) Dort leben nur noch ein verschrobener Zoologe, der giftige Spinnen z√ľchtet, und ein schrulliger Alter, der immer noch glaubt, in der DDR zu leben und die Michael-Jackson-Figur bei Saturn f√ľr den jungen Lenin h√§lt. Das Haus mit seinen verwinkelten Wohntrakten und geheimnisvollen Hinterausg√§ngen zieht Klinger mehr und mehr in seinen Bann. In einem mit allerlei Ger√ľmpel und elektronischen Ger√§ten vollgestellten Nebenraum h√∂rt er pl√∂tzlich Stimmen. Klinger erf√§hrt nach und nach durch Nachbarn und den Kneipenwirt um die Ecke, da√ü sein Vormieter Igor in jenem Zimmer bei einem Schwelbrand erstickt ist. Igor experimentierte mit Drogen und Schallwellen, galt als charismatischer Eigenbr√∂tler. Mit Hilfe der Droge Ketamin gelang es ihm, sein Bewu√ütsein vom K√∂rper zu trennen- bis zu jenem Abend, als er eine brennende Zigarette fallen lie√ü. Der Geist konnte nicht zur√ľck in den K√∂rper und spukt seitdem im Hause herum, immer noch in der Hoffnung, es vor der Luxussanierung retten zu k√∂nnen. Klinger, hin-und hergerissen zwischen Furcht und Faszination, probiert schlie√ülich selber die Droge. Aufgemischt wird die Situation durch die Prostituierte Sophia, die Klinger am Hackeschen Markt kennengelernt hat und an der auch Igor Gefallen findet. Als dieser versucht, Sophia und ihn zu sich ins Jenseits zu holen, wissen beide, da√ü sie sich aus dem Bann des spukenden Mitbewohners befreien m√ľssen...

Obwohl der Autor tief in die Horrorkiste greift (labyrinthische G√§nge, offene Gr√§ber, t√∂dliche Spinnen, Erl√∂sung Untoter etc) ist ‚ÄúMitte‚ÄĚ kein Horror- oder Mystery-Roman im klassischen Sinne. Vielmehr verbindet er Mystery-Elemente mit solchen des Drogen-und Gro√üstadtromans und subtiler Gesellschaftskritik. Der Geist Igor erscheint nicht als der eigentlich B√∂se, sondern als ein Besessener, ein letzter K√§mpfer ‚Äúgegen die in die Knochen kriechende K√§lte der Hauptstadtgeburt‚ÄĚ. Sein Tod steht auch f√ľr das Ende der oben beschriebenen Altstadtidylle. Mit seinem Kampf, so sympathisch dieser auch sein mag, steht er letztendlich auf verlorenem Posten. Und doch klingt im Leser etwas nach, jene Utopien und Lebensentw√ľrfe, die √ľber hektische Bau-und Sanierungswut im neuen Berlin allm√§hlich verloren gehen.

Bemerkenswert ist auch die Sprache. Ohler beschw√∂rt mit einer geradezu expressionistischen Sprachgewalt eine unheimlich dichte und lebendige Atmosph√§re. W√§hrend man seine Beobachtungen am Hackeschen Markt liest, sp√ľrt man richtig die Vibrationen der vorbeifahrenden Stra√üenbahnen, sieht das Flackern der Schwei√üger√§te der Gleisbauarbeiter, h√∂rt das Wummern der Techno-Musik aus der Kneipe. Einige Passagen habe ich drei-bis viermal gelesen, so sehr haben mich die intensiven Bilder gefesselt. Dies d√ľrfte den Roman auch f√ľr Leser ohne Berlinkenntnis interessant machen. Hin und wieder schie√üt die Phantasie des Autors etwas ins Kraut, verlaufen Handlungsstr√§nge ins Leere oder driften Metaphern ab ins Schw√ľlstige. Dies wird jedoch durch witzig-sarkastische Einsprengsel kompensiert. Etwa, wenn Klinger bei seinem Job selber mehr klaut als da√ü er Diebe √ľberf√ľhrt. Oder wenn Japaner einen ganzen Film auf altes Ger√ľmpel verschie√üen, weil in dem Zimmer mal der Nationaldichter Mori Ogai wohnte.

In einer Friedhofszene wird ein Gedicht auf franz√∂sisch eingeblendet, dessen Sinn sich dem Leser erst erschlie√üt, wenn er wei√ü, da√ü es sich um einen Auszug aus Baudelaires ‚ÄúBlumen des B√∂sen‚ÄĚ handelt. Hier h√§tte ich mir eine erkl√§rende Fu√ünote oder eine √úbersetzung im Anhang gew√ľnscht.

Unter all den sogenannten Berlin-und Hauptstadtromanen der letzten Jahre ist Ohlers ‚ÄúMitte‚ÄĚ herausragend, und es ist zu hoffen, da√ü er auch anderswo gelesen wird.

Norman Ohler: Mitte.
Rowohlt Verlag, Reinbek, September 2001.
256 Seiten, gebundenes Buch.

Susanne Tank

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