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Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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Daniel Kehlmann: Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten
Jetzt bestellen bei amazon.de! Wer Daniel Kehlmanns bisheriges Oeuvre kennt und schätzt, wird von seinem neuen Roman womöglich schockiert, vielleicht begeistert, in jedem Fall aber überrascht sein. Kein hochbegabter Geist stolpert da durch seine mittelmäßige Umgebung, kein konsequent vorgezeichnetes Ende rundet eine stringent erzählte Geschichte ab, kein Erzähler spricht zu uns, der nicht im folgenden Kapitel schon Tonfall wie auch Selbstverständnis wechselt. Und zum Lachen ist einem auch eher selten zumute. Der sanfte Wahnsinn aber, der uns auch hier begegnet, spielt sich im Grunde zwar nach wie vor auf inhaltlicher Ebene ab, doch streckt er seine Fühler weit in den formalen Bereich hinein. Schon der Untertitel verweist auf den experimentellen Charakter, dem das Buch geschuldet ist: neun Geschichten also, wo steckt da bloß der Roman?

Um die Frage gleich zu beantworten: überall und nirgends. Nirgends, weil die mit unterschiedlicher Länge ausgestatteten Geschichten durchaus für sich allein stehend funktionieren und ihre Bezüge aufeinander zwar hinreichend, nicht jedoch notwendig für ihr jeweiliges Verständnis sind. Überall, weil ihnen allen ein zentrales Thema – das der Existenzauflösung – gemeinsam ist und das einmal geschaffene Personeninventar im Wesentlichen das selbe bleibt, wie sich mit fortschreitender Lektüre offenbart.

Den Einstieg in das episodische Gewebe liefert ein Computertechniker, dessen neuerworbenes Mobiltelefon laufend Anrufe durchstellt, die eigentlich einem anderen gelten. Bald beginnt der anfangs Genervte, sich in der fremden Identität verbal einzunisten und diese – durch die unverhoffte Täuschung selber keinem existenziellen Risiko ausgesetzt – sukzessive zu vernichten. Wenige Kapitel (meint: Geschichten) später stellt ein erfolgreicher Schauspieler fest, dass er von einem Tag auf den anderen von niemandem mehr angerufen wird und ihm der Platz in seinem Leben von einem professionellen Double entwendet worden ist. In dieser Weise, mal augenscheinlich, dann wieder ziemlich komplex, setzt sich das Spiel um Ursache und Konsequenz geschichtenübergreifend fort. Kehlmann allerdings belässt es nicht beim inhaltlichen Wirkungsgefüge. Als eine Art Abziehbild seiner selbst führt er den Schriftsteller Leo Richter ein, dessen Präsenz den Roman am meisten dominiert. Dieser nämlich tritt nicht nur des Öfteren als Figur in Erscheinung, er springt auch auf die Metaebene und nimmt seinerseits an anderen Stellen seine Rolle als Erzähler wahr. So zum Beispiel, wenn er in der insgesamt vielleicht gelungensten Geschichte Rosalie geht sterben die Protagonistin im Dialog mit ihrem literarischen Schöpfer mit ihrem Schicksal hadern lässt: „Laß mich leben, versucht sie es ein letztes Mal. Deine Geschichte. Vergiß sie. Laß mich einfach leben.“ „Du klammerst dich an die Illusion, daß es dich wirklich gibt, antworte ich. Aber du bestehst aus Wörtern, aus vagen Bildern und aus ein paar simplen Gedanken, und sie alle gehören anderen [...]“

Die Geschichten des Buchs wimmeln von gegenseitigen Anspielungen, deren Fülle sich nach einmaligem Lesen kaum erschließen lässt. Bisweilen muss man sogar über den Tellerrand, pardon, das Cover schielen, um sich in einer anderen Geschichte wiederzufinden. Der freundliche Herr beispielsweise, der Rosalie auf ihrem letzten Weg in einem gestohlenen Auto mitnimmt (und zu gegebener Zeit noch einmal auftaucht), weist verteufelte Ähnlichkeit mit dem Autodieb Karl Ludwig aus Kehlmanns vorletztem Roman Ich und Kaminski auf (und selbst dort handelt es sich um eine Fremdanleihe Kehlmanns). Literatur also, deren Spirale zugleich nach außen und ins Zentrum zielt.

Aber natürlich ist es nicht damit getan, die Funktionsweise dieses Romans zu entschlüsseln. Rastlose Dynamik wird zum konstitutiven Element, ständig ist hier jemand auf der Flucht vor seinem Leben, um schließlich in ein neues, wenn nicht fremdes hineinzukippen. Kommuniziert wird andauernd und überwiegend über elektronische Medien, bisweilen prallen Fort- und Rückschritt fatal aufeinander: Eine Krimiautorin, die sich als Besuchervertretung für Leo Richter in einem totalitären Regime in Zentralasien wiederfindet und deren Schicksal schließlich durch einen entladenen Handyakku bestimmt wird. Ein Mann, der zwischen Geliebter und Ehefrau pendelt und in seinem Doppelleben verloren zu gehen droht. Ein Computerfreak, der die virtuelle der realen Welt vorzieht. Sie alle transportieren glaubhaft Ängste, Einsamkeit, letztlich Verlorenheit in einer irreal gewordenen Realität. Die Rettung, und darauf läuft es hinaus, liegt in einer Wirklichkeit, die nichts mehr mit der gewohnten, der eigenen Selbstwahrnehmung zu tun hat: „Also hatte er den Ausweg gefunden. Er war frei [...] Manchmal schien es einem, als wäre man ein anderer.“

Schlussendlich obliegt es dem Rezipienten, inwieweit er aus dem vorliegenden Textarrangement einen Roman entstehen lässt; das wird kaum zwei Lesern gleich gut gelingen. Selten wurde die Leserschaft so locker an der Leine geführt, und selten wurde sie ansprechender aufgefordert, die Bilder, die der Autor anbietet, im eigenen Kopf in großes Kino zu verwandeln, ohne Popcorn zwar, aber in fabelhaftem Ton und leuchtenden Farben. Und zuguterletzt findet selbst ein leidlich verhüllter Paulo Coelho Einlass in Qualitätsliteratur.

Daniel Kehlmann: Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten.
Rowohlt, Januar 2009.
208 Seiten, Hardcover, 18,90 Euro.

Daniel Kindslehner

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