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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Heimito von Doderer: Ein Mord, den jeder begeht (1938)
Jetzt bestellen bei amazon.de! „Jeder bekommt seine Kindheit ĂŒber den Kopf gestĂŒlpt wie einen Eimer. SpĂ€ter erst zeigt sich, was darin war.“

Bereits die ersten beiden SĂ€tze in Heimito von Doderers 1938 erschienenem Roman „Ein Mord den jeder begeht“ verweisen mit Hilfe der typisch Doderer’schen Metaphorik auf das Genre des Entwicklungsromans. Der Titel jedoch weiß es scheinbar besser und kĂŒndigt einen Kriminalroman an. Was steckt nun wirklich in diesem Werk, dessen Deutung die Schattierungen eines sprachlichen Kaleidoskops mit der Unmöglichkeit, jene zu greifen, zu verknĂŒpfen gezwungen ist?

VordergrĂŒndlich wird der Leserwahrnehmung die berufliche und vor allem menschliche Entwicklung des Conrad Castiletz innerhalb einer gutbĂŒrgerlich abgesicherten Existenzform prĂ€sentiert. Castiletz, der angepasste, vielfach fremddeterminierte Opportunist, dessen innerer Drang nach Wahrheit ihn schließlich auf diese und damit letztlich auf sich selbst stoßen lĂ€sst, verkörpert ödipales Streben im rĂ€tselhaften Angesicht der Schuld.
WĂ€hrend sich der erste Teil des in vier Teile und zahlreiche Unterkapitel gegliederten Romans vorrangig Conrads Kindheit, Jugendzeit sowie intensiven Schilderungen des Settings widmet, begleitet der Leser den Protagonisten im Folgenden auf seiner vorausbestimmten TĂ€tigkeit als Textilingenieur in einer großen Fabrik, in welcher Castiletz von Anfang an das Notizbuch des Chefsassistenten sein Eigen nennen darf. Der seit frĂŒhester Kindheit zur Ordnung regelrecht gedrillte Conrad fĂ€llt auch alsbald „durchaus geordnet in seine Verstrickung“ (wie uns der ErzĂ€hler augenzwinkernd mitteilt) der Ehe mit Marianne Veik. Deren jĂŒngere Schwester Louison wurde sieben Jahre zuvor von einem Unbekannten auf einer nĂ€chtlichen Bahnfahrt ermordet und ihres Schmuckes beraubt. Mit dem Anblick eines Portraits der Ermordeten bricht in Conrad eine schwelende Wunde auf, deren Heilung, dies fĂŒhlt Conrad unbewusst, der eigenen AufklĂ€rung des von der Polizei bereits seit langem unaufgeklĂ€rt zu den Akten gelegten Verbrechens bedarf.
Der bis dahin eher durch Antriebslosigkeit unauffĂ€llig gebliebene Conrad entwickelt nun gleichsam eigenstĂ€ndige wie wahnwitzige Strategien, um die damaligen Geschehnisse ans Tageslicht zu bringen. Und das mit fatalem Erfolg, wie sich zeigen wird. Ungeachtet des drohenden Verlusts des eigentlich nie so recht bestandenen Eheidylls treibt Conrad fortan einem Schicksal entgegen, das ebenso unausweichlich wie selbstzerstörerisch erscheint, das von der Wahrheit jedoch in ein klareres Licht als alle vorangegangenen „textilischen“ TĂ€tigkeiten getaucht wird.

Die bestechende psychologische Tiefe der sprachlichen Bilder in diesem FrĂŒhwerk Doderers sucht in der Prosaliteratur ihresgleichen. Wenngleich das hĂ€ufige BemĂŒhen des Zufalls in entscheidenden Passagen als inhaltliche SchwĂ€che gewertet werden kann, garantiert Doderers ErzĂ€hlstil doch ĂŒber bloße Unterhaltungsliteratur weit hinausreichende QualitĂ€t. Metaphern dienen vielfach nicht nur der originellen Veranschaulichung, sie erfĂŒllen in ihrer eigentlichsten Dinglichkeit hĂ€ufig ein fĂŒr das Finale der Geschichte notwendiges Indiz, das der aufmerksame Leser bisweilen als fehlendes MosaikstĂŒck in diesem dichten Textbild vorauszudeuten vermag, wenngleich die exakte Einordnung letztlich dem ErzĂ€hler obliegt. Die Suche nach der Wahrheit entblĂ€ttert sich in dem Maß ihrer unterhaltenden BanalitĂ€t, als dies Castiletz seine ihn dominierende Regelhaftigkeit aufzugeben und der werte Leser zu erkennen und anzunehmen vermag.

Fazit: Ein hochprozentiges Buch mit ungeahnten Nebenwirkungen auf den Geist.

Heimito von Doderer: Ein Mord, den jeder begeht (1938).
C.H.Beck, 2008.
370 Seiten, Hardcover, 24,90 Euro.

Daniel Kindslehner

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