Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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März 2001
Marvin ist schön
von Silke Dörrie

Allsonntägliches Rührei-Pfannen-Kratzgeräusch. Zeitungs-Rascheln.
Lisa war langweilig. Kein Marvin weit und breit. Bloß sein neuer Teddy, den er ihr im Kindergarten im Austausch gegen ihren Lieblings-Tyrannosaurus-Rex überlassen hatte.
Lisa knautschte das flauschige Gesicht des Bären, drückte mit der anderen Hand angestrengt dessen Nase in Richtung Boden-Fliesen.
Kein Zweifel, ein Fleischfresser war der nicht. Und Benno hieß er, auch das noch.
Freundlich, friedfertig, nett. Sogar jetzt noch, als Unterlegener.
Lisa zog einen Flunsch, streckte Benno schulterzuckend die Hand zur Versöhnung entgegen und erhob sich.
Nicht ernstzunehmen, dieser Benno, aber von Marvin. Es gab also eindeutig Schlimmeres.
"Papa...wann geh´n wir schwimmen?"
Erneutes Zeitungs-Rascheln. Keine Antwort.
"Pa-paaaaa?" Lisa setzte Benno auf die Tischkante. Er sollte mitlesen.
Lisas Mutter verteilte energisch das Rührei auf die Teller.
"Nix gegen deinen Wissensdurst, Peter, aber von Buchstaben wirst du, wie ich dich kenne, nicht satt. Außerdem hat dich deine Tochter gerade was gefragt! Und du, Lisa...dieser Teddy isst mir hier nicht mit!"
"Er will aber!" schmollte Lisa und legte schützend ihre Arme um Benno.
"Dann will ich nicht schwimmen gehen, meine kleine Rexane", erwiderte ihr Vater grinsend und wies mit der zusammengelegten Zeitung auf seinen mittlerweile erheblich sichtbar aus den Fugen geratenen Bauchansatz.
"Außerdem bräuchte ich für den da wohl eher einen Badeanzug. Nicht wahr, Jutta? Aber ich fürchte, in dem Rosa-Rosen-Schnickschnack deiner Mama säh ich eindeutig noch unsportlicher aus."
Lisa verstand nicht gleich, aber ihre Mutter schien sich beim Absetzen der Pfanne zurück auf den Herd köstlich zu amüsieren.
"Wär doch mal einen Versuch wert, Peterle. Ich leih ihn dir gern, meinen wunderschönen, rosarot geblümten Badeanzug...auf dem übrigens Tulpen meinen Astralkörper zieren. Außerdem bleib ich ja sowieso hier und könnte dir stattdessen endlich mal in Ruhe ein paar Fitness-Clubs heraussuchen...wenn du schon keine Badehosen magst."
Lisa hielt in ihrem Tanz mit Benno inne und sah skeptisch an der Schürze ihrer Mutter entlang nach oben.
"Benno will aber nich fitniesen, Bären müssen schwimmen. Ich hab ihn gerade gefragt. Und Rührei ist seine Leibspeise."
"Und ich will auch nich fitniesen, holdes Eheweib. Nienich. Hab doch nur Spaß gemacht. Höre ich da etwa schon wieder ernsthafte Kritiklichkeit? Ooooch, komm, schließlich hast du mich doch fast schon so geheiratet: Blindfisch und Pummel-Peter. Selbst schuld: Mit Brille wär das nicht passiert. Gell?

Lisa fiel Marvin ein. Den würde sie nämlich auch heiraten. In echt.
In unecht hatten sie das sowieso schon - in der Puppenecke. Benno war der Pfarrer gewesen und selbst Rex hatte sich nach langem Zureden ausnahmsweise bereit erklärt, eine solch undinohafte Zeremonie angemessen zu unterstützen. Und nicht bloß dauernd dazwischenzubrüllen, wie üblich.
Es hatte einige Plüschtier-Opfer gekostet, bis er, wenn auch zähneknirschend, endlich anfing, aus Blumenmangel das Plasikbesteck zu schmeißen.
Ob er sich bei Marvin wohl benehmen konnte?
Wenn Rex Hunger hatte, war mit dem nämlich nicht mehr gut Kirschen essen. Und wenn Marvin ihn nicht mehr haben wollte, war auch ihr Ehebündnis in Gefahr - schließlich hatte man statt der Ringe den Teddy gegen den Dino getauscht.
Aber auf Marvin war bestimmt Verlass. Versprochen war versprochen. Sie hatte ihm doch ganz genau erklärt, dass Rex morgens gerne ein bißchen länger schlief, dann ein wenig gekochte Knetmasse mochte, gegen Mittag mindestens ein Plüschtier zu jagen geruhte und abends noch ein Auto.
Marvin war eben nicht so. Marvin würde seine schönen roten Haare niemals plötzlich unter einer betulpten Badekappe verstecken wollen.
Der hörte auf´s Wort.
"Warum hast du Papa eigentlich damals geheiratet? Gab es keine schönen Männer?" fragte Lisa in die eifrige Gabel-Klapper-Atmosphäre und vollendete mit einem ins Rührei gezogenen Schmollmund das grobmassige Bären-Gesicht auf ihrem Teller.
"Hallo?" Lisas Vater hüstelte und erstarrte für einen Moment in seinen Bewegungen. "Keine Panik, dein überaus schöner Papa geht natürlich gleich mit dir schwimmen...wenn du mal langsam essen würdest. Und die reizende Tulpenzwiebel hier nehmen wir auch mit, damit sie nicht auf dumme Gedanken kommt."
"Juhuuuu", jubelte Lisa, "und Benno darf auch keine dummen Gedanken haben!"
Lisas Mutter schob ihrer Tochter nachdrücklich ihre Gabel wieder in die Hand.
"Och, Lisa, dein Benno kann nun wirklich nicht mit ins Schwimmbad. Der hat doch noch gar nicht sein Seepferdchen gemacht."
"Hat er wohl. Hat er mir gerade gesagt."
"Und mir hat er gerade gesagt, dass ihm allerdings im Trockner später immer schlecht wird. Und das willst du doch nicht? Nein, nein, Lisa...ich bleib hier und pass auf ihn auf. Und er auf mich, damit wir beide nicht auf "dumme Gedanken" kommen. Er kann mir ja beim Kuchen backen helfen. Wenn Oma und Opa heut Nachmittag da sind, werden sie bestimmt überrascht sein, wie toll dein Teddy Kuchen backen kann."
"Besserer Vorschlag, Jutta: Du zeigst diesem Benno, wo die Gefriertruhe ist und überläßt ihm das Auftauen. Alldieweil ich mir an dir im Schwimmbad angucken werde, ob ich nicht doch noch ein paar Rosen auf diesem Badeanzug finde."
"Och, Peter, du weißt doch, dass ich gleich Vorbereitungszeit brauche. Wegen deiner Mutter."
"Quark, du brauchst bloß uns, kleiner Blindfisch, gib´s zu: Ohne Blinden-Gatten und Blinden-Kind verirrst du dich doch bloß wieder in die Abstellkammer und fragst dich, warum der Fernseher nicht läuft. Im Schwimmbad werden wir schon aufpassen, dass du nicht aus Versehen in der Herrenumkleide landest...oder die eine oder andere Omi umnietest."
"Frechheit!" Lisas Mutter grinste schmollend. "Nun lenk mal nicht vom Thema ab, ich steh hier doch in puncto Schwimmen gar nicht zur Debatte. Sondern du zum Thema Bäuchlein. Deine Tochter wollte eigentlich wissen, warum ich keinen schönen Mann geheiratet habe. Nicht wahr, Lisa?"
Lisa nickte artig und fütterte ihren Eier-Teddy mit einem Stück Brot.
"Ich dachte eigentlich, diese Frage hätte ich schon ausreichend genug beantwortet, Juttalein. Auch in deinem Sinne. Du hast einen schönen Mann geheiratet, deshalb erübrigt sich doch wohl jede weitere Antwort von selbst. Tse. Aber bitte, wie war das mit dem Glashaus?
Dann antwortet der Papa dir eben, liebe Rexane, dass meine Schönheit deine Mutter schon damals derart geblendet hat, dass sie fortan eigentlich ein paar ordentliche Glasbausteine auf den Augen hätte vertragen können. Und jetzt iss."
"Tse...genau...und da du daran Schuld warst, hab ich es gar nicht eingesehen, meine Schönheit durch eine Brille zu verunstalten. Am Ende hätte ich überhaupt noch gesehen, wie "schön" du wirklich bist. Nur zu deiner eigenen Sicherheit trag ich noch nicht mal Kontaktlinsen."
"Was soll das denn heißen? Das gilt nicht. Du fudelst. Du bist auch nicht perfekt."
"Bin ich wohl. Auf mein Äußeres bezogen? Mit Kontaktlinsen würde kein Mensch einen Unterschied merken. Ich vertrag die Dinger aber nun mal nicht. Du kannst deine Rettungs-Ringelchen nicht so einfach über Bord schmeißen. Selbst dann nicht, wenn du´s wolltest."
"Darum geht´s nicht. Du hast als ebenso wenig perfektes Frauchen einen Mann mit ein paar...sagen wir mal, klitzekleinen Schönheitsfehlern geheiratet. Deine Brille trägst du nur heimlich, wenn es möglichst keiner sieht. Wir Beide passen also optimal zusammen. Gleich und gleich. Darum geht´s. Wie gesagt: Eitler Blindfisch und Pummel-Peter. Nur steh ich dazu und zieh eben nicht dauernd den Bauch ein."
"Natürlich, ganz klar...und weil du dazu stehst, willst du meinen Badeanzug, oder wie? Ich würde eher sagen, Lisas Frage ist durchaus berechtigt. Schließlich hat sie deine guten Augen. Und wir haben geheiratet, weil Gegensätze sich anziehen. Eben Jogging-Jutta und Pummel-Peter. Und du, Lisa, magst doch deinen Marvin auch, obwohl er diese...sagen wir mal, unvorteilhaften roten Haare hat, oder?"
Lisa stutzte. Marvin war häßlich?
"Blödsinn", Lisas Vater schob seinen Teller weg, "dann hätte ich Ute heiraten müssen. Überbiss-Ute."
"Und ich Modell-Micha, nach deiner Theorie."
"Haben wir aber nicht. Und nu?"
"Hätte ich aber fast."
"Ach, das wird ja immer schöner."
"Genau."

"Du, Mama?"
"Ja, Lisa?"
"Kann ich mal Marvin anrufen?"
"Hast ganz Recht, Kind, klar darfst du das..!" Lisas Mutter warf ihrem Gatten einen auffordernden Blick zu und schob ihren Stuhl zurück. "Hören wir auf mit diesem Thema. Was willst du denn von ihm?"
"Rex zurück", schmollte Lisa und stocherte eingeschnappt in dem Nur-noch-Eier-Klumpen auf ihrem Teller.
"Was? Warum das denn? Da wird sich dein Marvin aber gar nicht freuen!"
"Doch, wohl...weil Marvin dann auch wieder schön ist! So!"

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