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Mai 2001
Elternhaus
von Andreas Schröter

Mein Name ist Edith.
Ich stehe vor einem Haus. Doch ich kann mich nicht erinnern, wie ich hierher gekommen bin.
Ich kenne dieses Haus. Es gehört meinen Eltern. Ich habe es seit 20 Jahren nicht gesehen. Seit ich damals in die USA gezogen bin.
Das Haus ist so anders, als ich es in Erinnerung habe. Verfallener, düsterer. Die Eingänge und die Fenster wirken viel dunkler als es sein dürfte. Wahrscheinlich träume ich. Andernfalls wüsste ich doch, warum ich hier bin.
Nur im Giebelzimmer ist es hell. Blendend hell sogar. Gibt es so starke Lampen? Früher war dort mein Zimmer. Jemand muss zu Hause sein. Mama und Papa.
Und was ist mit dem Himmel? Dieses unnatürliche Lila. Manchmal zucken Blitze aus den Wolken. Aber es donnert nicht. Und die Vögel. Eigentlich sehen sie gar nicht aus wie Vögel. Eher wie ...
Ich will dieses Haus und seine Umgebung nicht mehr sehen. Ich werde jetzt die Augen schließen und dann in meiner Wohnung in New Orleans erwachen. Mama und Papa. Waren sie nicht auch in New Orleans? Mich besuchen? Also können sie nicht hier sein. Ich werde sie hier nicht treffen. Es gibt keinen Grund, dieses Haus zu betreten. Ich werde mich umdrehen und ...
Wieso gehen meine Füße aber in die andere Richtung? Auf das Haus zu. Ich habe ihnen nicht den Befehl dazu gegeben.
Richtig schwarz wirkt der Eingang. Ich will nicht dorthin. Ich will nicht.

***

Es ist wirklich sehr dunkel hier. Warum lassen sie nicht mehr Licht herein? Und warum sind die Möbel verhangen? Es ist so still. Müsste ich nicht meine Schritte auf dem Parkett hören? Früher hat Papa sich immer aufgeregt, wenn der Boden so knarzte. Jetzt ist es still. So still, dass es fast in den Ohren schmerzt.
Ich muss nach oben. Oben war doch Licht. Jemand muss oben sein. Aber dann muss ich an den Bildern vorbei. Ich hatte immer Angst vor diesen schrecklichen Bildern. Das sind unsere Ahnen, hat Papa gesagt, die können wir nicht woanders hinhängen. Wir wollen doch unsere Familie ehren.
Jetzt sehe ich das Licht. Es kommt tatsächlich aus den oberen Räumen. Aus meinem Kinderzimmer. Ob dort immer noch das alte Regal hängt, von dem Mama immer sagte, dass Papa es nicht richtig waagerecht aufgehängt hat. Und der rosa Tapetenrest?
Die Ahnen blicken mich ernst an. Manchmal glaube ich, ein Glitzern in ihren Augen zu sehen. Aber das ist sicher nur das Licht von oben, das jetzt stärker wird.
Die Tür zum Kinderzimmer ist nur angelehnt. Während ich darauf zugehe, ist es weiter totenstill. Die Dielen müssten wirklich knacken. Ich träume immer noch - soviel ist klar. Aber warum kann ich nicht aufwachen, obwohl ich weiß, dass ich träume?

Das schiefe Regal ist tatsächlich noch da. Und auch der rosa Tapetenfetzen. Haben Mama und Papa das Zimmer denn nie renoviert? Am Tisch sitzt meine Schwester Lisa. Sie scheint etwas zu betrachten, das auf dem Tisch liegt. Ich freue mich, sie zu sehen. Habe sie schon seit mindestens sechs Monaten nicht mehr gesehen. Es ist eben zu weit in die USA.
"Hallo, Lisa!"
Lisa blickt nicht sofort auf. Aber ich sehe, dass sie nicht weiter liest. Sie wirkt wie erstarrt. Erst ganz langsam hebt sie den Kopf und blickt mich an. Ihre Pupillen sind geweitet.
"Freust du dich denn gar nicht, mich zu sehen? Wir haben uns doch mindestens ein halbes Jahr nicht getroffen."
"Aber..." Lisas Stimme klingt seltsam gepresst. Als hätte sie vor etwas Angst. Jetzt schlägt sie sich in einer hektischen Geste den Handrücken auf den Mund, blickt hastig auf den Tisch, dann wieder auf mich. Warum ist sie so komisch? Ist sie krank?
Als ich näher trete, sehe ich, was auf dem Tisch liegt. Eine Zeitung von April 2001. Drei Wochen alt.

Ich trauere
Um meine Eltern
Ursula und Manfred
und meine Schwester
Edith,
die bei einem tragischen
Autounfall in den USA ums Leben kamen.
Lisa Becker
Im April 2001


Aber was soll der Unsinn? Ich bin nicht tot. Ich stehe hier vor meiner Schwester Lisa und rede mit ihr. Ich werde wütend. "Lisa, was soll der Quatsch? Was tust Du hier überhaupt?"
Lisa scheint geradezu in Panik zu sein. Sie stottert. "Ich ... ich ... der Nachlass ... das Haus. Bitte ..."
"Lisa, jetzt reicht es mir aber. Du siehst mich an, als wenn ich ein Geist ..."
Ich stutze und setze erneut an. "Sieh her Lisa, ich werde dir beweisen, dass ich kein Geist bin."
Ich will mir zum Beweis auf den eigenen Bauch klopfen, doch meine Hand verschwindet in meinem Körper, als sei er nicht vorhanden. Fast habe ich den Eindruck, die Hand trete am Rücken wieder aus. In diesem Moment sehe ich, dass Mama und Papa in der Tür stehen. Sie breiten die Arme aus und lächeln mich an.
Ich schreie, schreie, schreie und schreie ...

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