Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Mai 2001
Spukschloss
von Martina Bartels

Nina kauerte auf der Couch und hatte die Arme um die Knie geschlungen. Sie hielt die Luft an, w├Ąhrend sie gespannt lauschte. Ein Schauer lief ihr ├╝ber den R├╝cken und Nina sp├╝rte die G├Ąnsehaut an den Armen. Deutlich sah sie es vor sich...
Staub, nichts als Staub. Eine dicke Staubschicht bedeckte den Boden und die schweren M├Âbel. Die alten Samtvorh├Ąnge lie├čen nur wenig Licht durch die gro├čen Fenster. Aber da waren die Spuren im Staub, es sah aus wie verwischte Fu├čabdr├╝cke. Und auch auf den Polstern waren deutliche Kuhlen zu sehen. Mal gr├Â├čere, mal kleinere.
Nina sch├╝ttelte sich leicht und konnte vor ihrem inneren Auge die Gespenster sehen, die auf dem roten Brokatsessel sa├čen. Sie waren unsichtbar, aber sie hatte eine genaue Vorstellung wie sie aussahen.
Graue, neblige Gestalten mit verschwommenen Konturen und lustigen, schwarzen Augen. Eigentlich sahen sie gar nicht so furchterregend aus, wenn da nicht diese Ger├Ąusche gewesen w├Ąren.
Nina zuckte zusammen und rieb sich ├╝ber die Arme. Sie war ja so aufgeregt und neugierig. Vor Spannung hielt sie es kaum aus. Nerv├Âs kaute sie auf ihrer Unterlippe. Gebannt spitze sie die Ohren.
Rasselnde Ketten, ein Pfeifen, ├Ąchzen und heulen und ein unheimliches St├Âhnen. So, als wenn jemand starke Schmerzen hat. Doch die Gespenster sahen alle recht munter aus und schienen sich zu am├╝sieren. Die Spuren auf dem Boden nahmen zu, aber ganz verwischt. Sie h├Ârte das Trappeln, obwohl sie sicher war, dass sie ├╝ber dem Boden schwebten.
Vor Aufregung biss sie sich auf die Zunge.
"Aua", entfuhr es ihr leise.
Schnell legte Nina das Kinn auf ihre Knie und sa├č ganz still, um nichts zu verpassen. Ihre Augen hatte sie weit ge├Âffnet und ihre Pupillen funkelten.
Es polterte und schepperte ├╝berall in dem alten Schloss und der eiserne T├╝rklopfer ert├Ânte ohne Unterlass.
Immer mehr Geister huschten durch die gro├če Halle. Einige trugen gro├če Weidenk├Ârbe, gef├╝llt mit bunten P├Ąckchen. Andere schleppten alte Kessel, gef├╝llt mit kochendem Wasser. Wieder andere brachten stapelweise Laken herein. Geschwind wurden die T├╝cher und das Wasser die Treppe hinauf gebracht, w├Ąhrend die P├Ąckchen auf einem Tisch dekoriert wurden. Die meisten Pakete waren in blaues oder rosa Papier eingewickelt, aber einige waren auch sehr bunt. Auf einem Geschenk war ein Babyschnuller befestigt.
Nina lachte laut auf. "Ein Schnuller, wie witzig", dachte sie. "Was die Gespenster wohl vorhaben?"
In der Halle herrschte eine gro├če Betriebsamkeit. M├Âbel schwebten durch die Luft und der Saal wurde ausger├Ąumt. An den W├Ąnden wurden brennende Fackeln in die Halter gesetzt und ├╝berall standen silberne Leuchter mit Kerzen. Der Wind pfiff durch das alte Gem├Ąuer und die Flammen warfen flackernde Schatten auf die W├Ąnde.
Alle eilten gesch├Ąftig hin und her. Eine festliche Tafel wurde gedeckt. Es sah lustig aus, ein langer Tisch mit silbernem Besteck und wei├čem Porzellan. Alles bewegte sich und wurde arrangiert, nur von wem war nicht zu sehen.
Nina hielt sich die Hand vor den Mund und unterdr├╝ckte ein Prusten. Aufgeregt wippte sie mit den Zehenspitzen. Dann hatte sie ihren Heiterkeitsausbruch unter Kontrolle und lehnte sich zur├╝ck.
Der Saal sah jetzt sehr schick aus und der T├╝rklopfer ert├Ânte auch nicht mehr, scheinbar waren alle eingetroffen. Langsam wurde es ruhiger und die Hektik lies nach. Nur auf der Treppe blieb es rege. Gespannt wurden die Gespenster erwartet, die treppab schwebten. Doch immer sch├╝ttelten sie fast unmerklich den Kopf. Entt├Ąuschung machte sich auf den Gesichtern breit.
Doch da war es pl├Âtzlich wieder, das Heulen. Lauter und schauriger als zuvor. Ein Wimmern, zu sp├╝ren wie ein Schmerz.
Nina zuckte zusammen und zitterte etwas. Fest presste sie die H├Ąnde aneinander. Die Anspannung stand ihr ins Gesicht geschrieben und ihre Augen gl├Ąnzten.
Das Heulen nahm zu, langgezogen, wehm├╝tig, wie ein trauriges Lied. Sp├╝rbar nahm sie die Unruhe der Gespenster war. An den Spuren im Staub sah es aus, als w├╝rden sie unruhig hin und her wandern. Pl├Âtzlich schlug die alte Standuhr. Zw├Âlfmal schlug sie aus. Mitternacht. Au├čer der Uhr war kein Ger├Ąusch mehr zu h├Âren. Atemlose Stille. Nachdem der letzte Gong verhallt war, erklang noch einmal das Seufzen. Es ging durch Mark und Bein, als wolle es nie mehr enden. Doch dann war es vorbei. Kein Laut war mehr zu h├Âren, Totenstille.
Nerv├Âs wickelte Nina eine Haarstr├Ąhne um ihren Finger. Sie traute sich kaum sich zu Bewegen, um kein Ger├Ąusch zu verursachen.
Dann ein Schrei und ein lautes Rascheln. So, als wenn alle Gespenster sich in eine Richtung bewegten. Lautes Lachen und Glucksen. Langsam wurden die Nebelschwaden sichtbar. Eine Gespensterschar schwebte die Treppe hinab. Sie strahlten und nickten. Das war das Zeichen, fr├Âhliche Musik erklang und die Gespenster fassten sich an den H├Ąnden. Sie bildeten einen Kreis und begannen zu tanzen.
Ein L├Ącheln huschte ├╝ber Ninas Gesicht und sie entspannte sich merklich. Sie befeuchtete ihre Lippen und ihre Augen strahlten. Gerne h├Ątte sie sich jetzt dazu gestellt und mit den Geistern getanzt. Sie stellte sich das wunderbar vor.
Pl├Âtzlich ein lautes Knarren und die schwere Holzt├╝r wurde ge├Âffnet. Ein l├Ąchelndes Gespenst schwebte durch die T├╝r. Es hielt ein B├╝ndel im Arm und strahlte ├╝ber das ganze Gesicht. Die schwarzen Augen funkelten. Das B├╝ndel begann sich zu bewegen und ein lautes Br├╝llen t├Ânte durch den Saal. Die Gespenster fielen sich in die Arme und lachten und klatschten und freuten sich. Ein Gespensterbaby war geboren.
Auch Nina musste jetzt herzlich Lachen. Nun wusste sie endlich, wof├╝r Gespenster einen Schnuller brauchen.
Dann beugte sie sich zur Seite und gab ihm einen dicken Kuss auf die Wange. "Opa, deine Geschichten sind wirklich spitze."

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