Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Mai 2001
Die Abrechnung
von Annemarie Nikolaus

Mit einem Aufschrei erwachte Bankdirektor Michele Perini.
"Oddio, Michele, was trĂ€umst Du nur wieder!" Seine Frau Carla schaltete seufzend ihre Nachttischlampe an. "Wenn das noch ein paar NĂ€chte so weitergeht, schlafe ich lieber im GĂ€stezimmer. Nicht nur, daß du wimmerst wie ein verlassenes Katzenbaby; jetzt schlĂ€gst du auch noch um dich." - Sie sah ihn besorgt an: "Wieder der gleiche Traum?"
"Ja; - und sie kommt jede Nacht nĂ€her! Ich laufe und laufe, aber ich kann ihr nicht entkommen. Diesmal hat sie schon ihre Arme nach mir ausgestreckt. Ich habe ihren Atem in meinem Nacken gespĂŒrt. Und dann, ein tiefer Abgrund - es gab keinen Ausweg. Entsetzlich! Nichts kann mich vor ihrem Zorn retten! - - Vielleicht sollte ich nicht mehr so viel essen, wenn ich erst spĂ€t nachhause komme."
"Vielleicht solltest du nicht mehr so spÀt nachhause kommen."
"Ach Liebes, ich kann doch meine Leute nicht mit dem Staatsanwalt alleine lassen. Das wÀre nicht fair. Ein paar Tage nur noch; dann ist dieser Alptraum vorbei. Ich bin sicher, niemand in der Bank war an der GeldwÀsche beteiligt."
"Dann könntest du doch eigentlich ruhig schlafen," entgegnete Carla. "Aber warum erscheint dir nie der Staatsanwalt im Traum; wieso wirst du von der GrÀfin verfolgt?"
Michele starrte aus dem Fenster: Der Vollmond ließ die beigen Mauern von Schloß Madruzzo wie einen Schattenriß auf dem Berg gegenĂŒber thronen.

Als Michele die Bank betrat, stĂŒrzte Conte Fernando de Negri auf ihn zu: "Direttore, ich warte schon seit einer Stunde; ich muß Sie unbedingt endlich sprechen."
"Ich bedaure es außerordentlich; das wissen Sie. Bitte, machen Sie sich doch nicht die MĂŒhe, jeden Morgen persönlich zu kommen. Sowie die Akten freigegeben werden, setze ich mich mit Ihnen in Verbindung."
Michele wandte sich eilig seinem BĂŒro zu. Einer der MĂ€nner von der Finanzpolizei fragte ihn: "Was will denn der junge Mann, der hier immer auf Sie wartet?"
"Geld," brummte Michele. "Was will man sonst von einer Bank?"

In der darauffolgenden Woche stieg der Bankdirektor schwer atmend die steile Porphyrtreppe zum ersten Stock von Schloß Madruzzo hoch. Die Familie des Grafen hatte die Etage zur HĂ€lfte restauriert und mit Bad und Heizung ausgestattet.
Die Treppe entlang hingen die Bilder der Vorfahren; dĂŒstere GemĂ€lde bis auf eines: Contessa Marcella de Eccher, die Großmutter Fernandos, war nicht nur mit einem Aquarell vertreten, das sie als junges MĂ€dchen zeigte, sondern auch mit einem PortrĂ€tfoto, das vermutlich kurz vor ihrem Tod aufgenommen worden war. Genauso sah sie immer in Micheles TrĂ€umen aus

"Sie wirken erschöpft, Direttore," hörte er die Stimme Fernandos aus dem Kaminzimmer. "Um so mehr bin ich Ihnen dankbar, daß Sie sich die MĂŒhe gemacht haben, so spĂ€t noch zu kommen."
"Nun, so sind wir wenigstens ungestört und können in aller Ruhe die Dokumente gemeinsam sichten. Sie werden sehen, Ihre geschĂ€tzte Großmutter hat leider ein wenig Unordnung hinterlassen. Ich habe mir daher erlaubt, die Akten ein wenig zu sortieren."
"Wichtig ist ja nur, daß die Unterlagen vollstĂ€ndig sind; alles andere wird sich finden."
Bis tief in die Nacht saßen sie ĂŒber den Belegen fĂŒr die umfangreichen AktiengeschĂ€fte, die die alte GrĂ€fin in den letzten Jahren getĂ€tigt hatte. Hin und wieder schauten sie einander verblĂŒfft an, wenn sie auf eine besonders gelungene Spekulation gestoßen waren.
"Es ist wirklich faszinierend;" sagte der Bankdirektor schließlich, "man möchte meinen, Ihre Großmutter habe einen Sechsten Sinn fĂŒrs AktiengeschĂ€ft gehabt."
"Aber was hat sie am Ende mit all dem Geld gemacht?" fragte Fernando.
"In unserer Bank befindet es sich jedenfalls nicht."
"Sie haben aber auch keine Belege dafĂŒr mitgebracht, daß ihr alles ausgezahlt worden ist."
"Es gibt kein Konto, auf dem die ĂŒbriggebliebenen Aktiengewinne verbucht sind; also ist das Geld auch nicht da."
Fernando seufzte: "Wir brauchen das Geld so dringend. Bis zum Herbst mĂŒssen wir das Dach und den TurmflĂŒgel restaurieren; ein weiterer Sturmwinter wie der letzte und es fĂ€llt alles ein. – Jedenfalls, so geht es nicht, Direttore. Es muß weitere Unterlagen geben; das, was Sie hier mitgebracht haben, kann nicht vollstĂ€ndig sein."
Michele schĂŒttelte den Kopf: "Sie wissen doch selbst, daß die Finanzpolizei in den letzten Wochen jedes StĂŒck Papier in der Bank dreimal umgedreht hat. Wenn weitere Unterlagen existierten, wĂ€ren sie auch gefunden worden."
"Aber nicht doch. Man findet nichts, wonach man nicht sucht!"

Am nÀchsten Morgen fand Carla., die seit einigen NÀchten im GÀstezimmer schlief, ihren Mann tot im Bett. "Herzschlag, " stellte der Hausarzt fest. "Dabei war er doch noch kerngesund!"
Einige Tage darauf brachte ihr Micheles SekretĂ€rin seine persönlichen Dinge aus der Bank. Als Carla sie durchsah, stieß sie auf einen schmalen Aktendeckel mit der Aufschrift "Marcella de Eccher".

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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