Honigfalter
Honigfalter
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Mai 2001
Der k├╝rzeste Roman der Welt
von Angelika Brox

Prolog

Professor Raphael A. Muhr und seine Frau Carola liebten einander ├╝ber alles.
Als Carolas Gro├čtante Auguste ihnen eines Tages ein wundersch├Ânes Jugendstilhaus vererbte, schien das Gl├╝ck des jungen Paares perfekt.
Doch dann wurde Carola Muhr sehr krank und starb.
Professor Raphael A. Muhr konnte diesen Schicksalsschlag nicht verwinden und st├╝rzte sich in die Arbeit.
In jeder freien Minute schrieb er an seinem Grundlagenwerk "Die Produktion neuzeitlicher Kurzgeschichten am Beispiel der Internetliteratur unter besonderer Ber├╝cksichtigung der www.schreib-lust.de".

1. Kapitel

M├╝de kehrte Professor Raphael A. Muhr von der Universit├Ąt heim und wollte die Haust├╝r aufschlie├čen. Doch daraus wurde nichts, denn der Schl├╝ssel brach ab und eine H├Ąlfte blieb im Schloss stecken.
"Wie soll ich jetzt ins Haus kommen?", fragte der Professor. "Ich wollte doch heute Abend an meinem Buch weiter schreiben."
Seit Carola nicht mehr da war, hatte er begonnen, mit sich selbst zu sprechen.

Gl├╝cklicherweise war Raphael nicht nur klug, sondern auch handwerklich geschickt. So holte er den Werkzeugkasten aus der Garage und baute das T├╝rschloss aus.

2. Kapitel

Sogleich best├Ątigte sich die Richtigkeit von Murphys Chaosgesetz: Jedes gel├Âste Problem gebiert ein neues!
Raphael wurde klar, dass Einbrecher nun ohne weiteres in sein Haus eindringen und ihn bestehlen konnten. Um die Einrichtung w├Ąre es nicht schade gewesen, aber das Manuskript ... !
"Habe ich nicht k├╝rzlich auf dem Speicher so ein antiquarisches T├╝rschloss mit zugeh├Ârigem Schl├╝ssel gesehen?", fragte Raphael.

Er eilte auf den Dachboden und kramte in Gro├čtante Augustes Sammelsurium alter Sch├Ątze. Schlie├člich entdeckte er das Gesuchte: ein gro├čes, schweres Schloss mit einem geradezu riesigen eisernen Schl├╝ssel.
Eilig kehrte Raphael zur Haust├╝r zur├╝ck. Bisher schien noch kein Manuskriptdieb seine Chance erkannt zu haben.
Raphael baute das antike Schloss ein, lie├č die Haust├╝r zufallen und drehte probehalber den Schl├╝ssel nach links und nach rechts. Er lie├č sich ├╝berraschend leicht bewegen.
"Das habe ich ja prima hingekriegt", sagte Raphael und wandte sich in Richtung Arbeitszimmer, wo sein Manuskript auf ihn wartete.

3. Kapitel

"Das war alles?", rief eine emp├Ârte Stimme hinter ihm.
Raphael fuhr herum. Es war niemand zu sehen.
War etwa doch ein Fremder ins Haus eingedrungen, w├Ąhrend er auf dem Speicher nach dem Schloss gesucht hatte? Oder wurde er langsam wahnsinnig? Mit sich selbst sprechen, naja, das ging ja noch, aber Stimmen h├Âren ... !
"Raphael, du drehst langsam durch", sagte er streng.
"Ich hei├če nicht Raphael, du schnurriger Kauz! Wo ist Auguste?", fragte die Stimme.
Sie schien irgendwie aus der T├╝r zu kommen.
Raphael beschloss, h├Âflich zu sein.
"Auguste ist gestorben. ICH bin Raphael. Und wer bist DU, wenn ich fragen darf?"
"Ich hei├če SPUKSCHLOSS. SPUKSCHLOSS JUNIOR, um genau zu sein. Auguste hat mich einfach ausbauen lassen, weil ich ihr zu spukig war. Nett von dir, dass du mich wieder eingebaut hast! Mir wurde ganz sch├Ân langweilig auf dem Speicher."
Raphael sp├╝rte, wie auf Nacken und Armen pucklige G├Ąnsehaut entstand.
"Ich habe Halluzinationen", sagte er. "Ein Schloss, das einen Namen hat und sprechen kann!"
"Ich kann nicht nur sprechen, ich kann auch spuken", sagte Spukschloss beleidigt.
Raphael hielt es f├╝r kl├╝ger, darauf einzugehen.
"So? Wie sieht deine Spukerei denn so aus?"

Statt einer Antwort begann das Schloss, blau zu leuchten und leise zu summen.
Raphael f├╝hlte eine magische Anziehungskraft von der T├╝rklinke ausgehen. Ohne es wirklich zu wollen, ├Âffnete er die Haust├╝r.
"Aaah", seufzte das Schloss zufrieden, "endlich mal wieder eine Abwechslung!"

Raphael schaute in seinen Vorgarten. Der hatte sich merkw├╝rdig ver├Ąndert. Wo die Rhododendron- und Forsythienb├╝sche h├Ątten stehen sollen, befanden sich prall gef├╝llte B├╝cherregale, und anstelle der Gartenpforte erblickte er einen Schreibtisch aus massivem Eichenholz.
Erschrocken knallte Raphael die T├╝r wieder zu.

4. Kapitel

Spukschloss junior lachte.
"Da staunst du, mein Lieber! Was sagst du nun?"
Raphael staunte tats├Ąchlich.
"Wie hast du das gemacht?"
"Ganz einfach", erkl├Ąrte Spukschloss. "Wenn du den Schl├╝ssel einmal nach links und einmal nach rechts drehst, erkenne ich deine Gedanken. Und wenn du anschlie├čend die T├╝r ├Âffnest, bringe ich dich dorthin, wo du dich am wohlsten f├╝hlst. Gut, nicht wahr?"
Raphael nickte beeindruckt, und es entstand eine Gespr├Ąchspause.

"├äh, sagÔÇś mal, Verehrtester", meldete sich Spukschloss nach einer Weile, "willst du eigentlich wirklich dein ganzes Leben mit B├╝chern verbringen?"
Raphael ├╝berlegte, und pl├Âtzlich standen Tr├Ąnen in seinen Augen. Er r├Ąusperte sich und sagte mit heiserer Stimme: "Seit Carola tot ist ..."

Wieder ging blaues Leuchten und leises Summen vom T├╝rschloss aus, und wie hypnotisiert streckte Raphael die Hand aus, drehte den Schl├╝ssel nach links und nach rechts und ├Âffnete die T├╝r.

5. Kapitel

Eine unfassbar weite Marmorhalle erstreckte sich vor seinen Augen, unterbrochen von Alabasters├Ąulen, vergoldeten Wasserbecken, leise pl├Ątschernden Springbrunnen und bestickten Diwanen. Farbenpr├Ąchtige Blumen in silbernen Schalen verstr├Âmten einen bet├Ârenden Duft. Angenehme Musik, deren Ursprung er nicht ausmachen konnte, umschmeichelte seine Ohren.
├ťberall lagerten oder wandelten anmutige Frauengestalten in seidenen Gew├Ąndern. Eine von ihnen kam l├Ąchelnd auf Raphael zu.
Ungl├Ąubig riss er die Augen auf.
"Carola?"
Sie schloss ihn in ihre Arme und fl├╝sterte in sein Ohr: "Raphael, wie sch├Ân, dass du da bist!"

Epilog

Professor Raphael A. Muhr hatte vergessen, den T├╝rschl├╝ssel mitzunehmen.
Er bemerkte es erst drei Tage sp├Ąter. Inzwischen war seine Haust├╝r nat├╝rlich zugefallen.
Als ihm klar wurde, dass er nicht mehr nach Hause zur├╝ck konnte, bedauerte er dies jedoch keinen Augenblick.

So sind Carola und Raphael A. Muhr wieder gl├╝cklich vereint, und die Fachwelt wartet noch heute auf das Standardwerk "Die Produktion neuzeitlicher Kurzgeschichten am Beispiel der Internetliteratur unter besonderer Ber├╝cksichtigung der www.schreib-lust.de".

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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