Mainhattan Moments
Mainhattan Moments
Susanne Ruitenberg und Julia Breiten├Âder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Olaf Deutz IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Mai 2001
Jagderlebnisse
von Olaf Deutz

"Verdammte Schei├če!" fluchte George und zog mit einem unappetitlich schmatzenden Ger├Ąusch seinen Fu├č aus einem der Schlamml├Âcher, die in den Schottischen Highlands zuhauf unter dem Gras lauerten.
"Das war jetzt das dritte Mal hintereinander", schimpfte George weiter.
"Wieso latschst du eigentlich nie in diese L├Âcher?" wollte er von seinem Gegen├╝ber wissen. Dieser lachte schallend.
"Keine Ahnung, warum gerade du dir die F├╝├če immer einsauen mu├čt."
"H├Ąh├Ą" witzelte George, "sehr lustig."
Arthur gab seinem Freund einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter, der George fast wieder in das Schlammloch bef├Ârdert h├Ątte.
Arthur war schon eine beeindruckende Gestalt. Ann├Ąhernd sechseinhalb Fu├č gro├č und der beste Rugbyspieler seines Jahrgangs. Sein sportlicher Erfolg schlug sich nat├╝rlich auch in der Beliebtheit bei den M├Ądchen nieder.
George hingegen wirkte eher wie der geborene Verlierer. Er war von seiner Statur her schm├Ąchtig und bei weitem nicht so sportlich wie sein Freund.
Wenn Arthur meist ausgelassen und fr├Âhlich wirkte, machte George eigentlich immer einen nachdenklichen Eindruck.
Nachdem George sich den gr├Â├čten Teil des Schlammes von seinem Schuh gewischt hatte, machten sich beide wieder auf den Weg. Arthur grinste, als er h├Ârte, wie sein Freund hinter seinem R├╝cken leise vor sich hin fluchte.

Gegen Mittag erreichten sie den kleinen Ort Braemar. Hier hatten sie w├Ąhrend der n├Ąchsten Woche vor, sich die ber├╝hmten Highland Games anzusehen, zu denen selbst Mitglieder der k├Âniglichen Familie erwartet wurden und das, so waren sich die beiden Freunde einig, h├Ątte man diesem Provinznest gar nicht zugetraut.
George und Arthur atmeten noch einmal tief durch und machten sich auf die Suche nach einer geeigneten Unterkunft f├╝r die n├Ąchsten Tage.
├ťber die D├Ącher des St├Ądtchens ragten die alten, modrigen Mauern von Braemar Castle empor. Einen Moment lang verharrten beide und sahen voller Ehrfurcht zu diesem einstmals prunkvollen, doch mittlerweile heruntergekommenen Bauwerk, empor. W├Ąhrend Arthur sich schon anschickte, ihren Weg fortzusetzen, konnte George seine Blicke nur m├╝hsam von diesem alten Gem├Ąuer abwenden.
Sie folgten weiterhin der holprigen Hauptstra├če, bis sie auf ein Haus zuschlenderten, an dem, ein altes, rostiges Schild prangte, auf dem zu lesen war: "Braemar Batcave - Pub and Bed & Breakfast"
Als sie sich dem Geb├Ąude n├Ąherten, wurde unvermittelt die T├╝r zum Schankraum aufgerissen. Ein mit einer schmuddeligen Sch├╝rze bekleideter, grimmig aussehender Mann stapfte auf die Stra├če hinaus. Eilig kramte er in seinen Taschen herum und f├Ârderte einen Schl├╝ssel zu Tage.
"Hallo, Sir", sprach ihn Arthur sofort an. Doch nachdem der Wirt die T├╝r zum Gasthaus verschlossen hatte, eilte er an den verdutzt dreinblickenden Freunden vorbei, ohne sie zu beachten.
Arthurs sonst so fr├Âhliche Miene verd├╝sterte sich zusehends.
"Was ist denn hier los? Haben die hier was gegen Stadtmenschen?"
George zuckte mit den Schultern. "Kann doch sein, da├č hier etwas passiert ist, denn sehr fr├Âhlich sah der Wirt eben doch wirklich nicht aus."
"Wahrscheinlich hast du recht", stimmte ihm Arthur zu und marschierte los.
George sah ihm nach. "Wo willst du hin?"
Arthur wandte sich um. In seinem Gesicht spiegelte sich erneut jene Fr├Âhlichkeit und Zuversicht wieder, die George kurz zuvor noch vermi├čt hatte.
Seufzend sah George zu, wie Arthur mit langen Schritten, dem Wirt auf den Fersen, ihm in eine Seitenstra├če folgte. George sch├╝ttelte resigniert den Kopf, als er seinem Freund langsam hinterher ging.

George erreichte einen kopfsteinbepflasterten Marktplatz. In dessen Mitte hatte man, vor einigen hundert Jahren oder so, einen Brunnen errichtet, auf dessen Rand nun ein grimmig aussehender Mann stand. Er hielt ein M├Ądchen in den Armen, welches kaum mehr als zehn Jahre alt sein konnte. Man hatte ihm die Handgelenke bandagiert, wie bei einer, die sich selbst die Pulsadern aufgeschnitten hat. Um die beiden hatte sich nahezu die H├Ąlfte der Bewohner dieses Nestes versammelt. Endlich entdeckte George seinen gro├čen Freund, der etwas abseits stand und das Treiben der Menge aus sicherer Entfernung beobachtete.
"Was ist denn hier los?", fragte George. Die Neugier schien ihn nun ebenfalls gepackt zu haben.
"Wei├č nicht genau." Arthur sah immer noch gespannt dem Treiben auf dem Marktplatz zu. "Soviel ich verstanden habe, hat irgend ein Verr├╝ckter versucht die Kleine da oben ausbluten zu lassen. Ihre Handgelenke sollen wirklich ├╝bel ausgesehen haben." George verzog das Gesicht, als sei ihm auf einmal schlecht geworden.
"Du meinst, hier treibt ein irrer M├Ârder sein Unwesen?" George sah ungl├Ąubig zu Arthur auf, der seine Aufmerksamkeit wieder dem Treiben auf dem Marktplatz widmete.
"So ungef├Ąhr. Und wenn mich nicht alles t├Ąuscht, will die ganze Bande jetzt losziehen, um diesen Bastard zu suchen."
Tats├Ąchlich rief der Mann mit dem Kind zur Hetzjagd auf.
Die Menge johlte, so als h├Ątte sie den T├Ąter schon so gut wie gefunden.
"Mensch George!" Da war es wieder, jenes h├Ąmische Grinsen, welches Arthur immer anhaftete, wenn er im Begriff war, etwas v├Âllig Irrsinniges zu tun. "Wir machen ganz einfach mit bei der Jagd." George stand die Skepsis, was diese Sache anging, f├Ârmlich ins Gesicht geschrieben.
"Was meinst du denn, was passiert, wenn sie ihn finden?"
"Keine Ahnung, wahrscheinlich werden sie ihn am n├Ąchsten Baum aufkn├╝pfen."
Wenn George gerade noch etwas kr├Ąnklich wirkte, sah es jetzt danach aus, als w├╝rde er sich jeden Moment ├╝bergeben. Er schluckte schwer, bevor er noch einmal nachhakte. "Meinst du wirklich?"
"Klar", lachte Arthur und gab George einen seiner freundschaftlichen Klapse, der seinen schm├Ąchtigen Gef├Ąhrten jedoch arg ins Wanken brachte.
Mit schmerzverzerrtem Gesicht rieb sich George die Schulter, als Bewegung in die Menschenmenge kam.
Georges Proteste ignorierend, zog Arthur ihn einfach mit.

Sie waren mittlerweile schon einige Stunden unterwegs, und die D├Ąmmerung war nicht mehr fern. Dunkle Wolken zogen auf und k├╝ndigten einen nahen Wetterumschwung an.
Die Euphorie der M├Ąnner war bei vielen der Resignation gewichen. Die ersten hatten sich bereits auf den R├╝ckweg gemacht, um vor Einbruch der Nacht bei ihren Familien zu sein.
Was die Konversation mit den Dorfbewohnern anging, so hatten sich die letzten Stunden f├╝r George und Arthur als wenig ergiebig erwiesen. Irgendwie schien man hier den Menschen aus der Stadt nicht so recht ├╝ber den Weg zu trauen. Aber wenigstens hatte man sie noch nicht verjagt.
Dann kam der Regen. Erst war es wenig mehr als ein kaum sp├╝rbares Nieseln, das sich jedoch binnen einer halben Stunde zu einem waschechten Wolkenbruch entwickelte. Schwere Tropfen pladderten herunter. Nach nur wenigen Sekunden war ein jeder na├č bis auf die Haut.
Die Moral der Truppe schien nun endg├╝ltig gebrochen. Selbst George und Arthur sehnten sich nach einem warmen Zimmer und trockener Kleidung.
"Vielleicht hat dieser omin├Âse Gasthof ja noch ge├Âffnet, wenn wir wieder in Braemar sind", sagte George, der m├╝de hinter seinem Freund herstapfte.
"Dann k├Ânnt ihr zwei auch gleich hier bleiben."
George sah sich ├╝berrascht um. Der R├Ądelsf├╝hrer der M├Ąnner hatte sich zum ersten Mal an sie gewandt. "Ben m├╝├čte bereits zu Hause sein und wird friedlich schlummern, wenn wir zur├╝ck sind. Er wird euch also kaum die T├╝r ├Âffnen oder die Zimmer herrichten."
"Vielleicht findet sich jemand anders, der uns f├╝r eine Nacht bei sich aufnimmt", hakte Arthur nach.
"Das glaube ich kaum", meinte der Mann, "oder w├╝rdet ihr jemand in euer Haus bitten, wenn ihr w├╝├čtet, da├č sich in dieser Gegend ein Vampir herumtreibt?"
"Was!?" George starrte den Mann ungl├Ąubig an, w├Ąhrend Arthur herzhaft zu lachen begann.
Jetzt war es an ihrem Gegen├╝ber, die beiden verdutzt anzusehen. "Was dachtet ihr denn, was wir hier jagen?"
"Und was jetzt?", wollte George wissen.
"Ich wei├č ja nicht , was ihr noch vorhabt", entgegnete der Mann, "aber wir gehen jetzt nach Hause."
W├Ąhrend Arthur noch immer Schwierigkeiten damit hatte, sich zu beruhigen, bohrte George weiter: "Aber wo sollen wir denn jetzt ├╝bernachten?"
Im Gehen wandte sich der Mann ein letztes Mal um. "Versucht es doch mal im Schlo├č!"
Die beiden Freunde sahen zu, wie sich die M├Ąnner immer weiter entfernten, um schlie├člich von einem undurchdringlichen Schleier aus Regen und Dunkelheit verschlungen zu werden. So langsam verging Arthur das Lachen. Scheinbar mi├čfiel ihm der Gedanke, da├č man sie buchst├Ąblich im Regen stehen gelassen hatte.
Beide sahen sich um. In welcher Richtung mochte das Schlo├č jetzt liegen? Schlie├člich entdeckten sie ├╝ber einem kleinen W├Ąldchen die Umrisse von Braemar Castle.

Als die beiden Freunde schlie├člich vor den Toren der Burg standen, waren sie sich eigentlich sicher, da├č sie kein einziges, trockenes Kleidungsst├╝ck mehr in ihren Rucks├Ącken finden w├╝rden.
Arthur suchte nach einem T├╝rklopfer oder etwas ├Ąhnlichem, fand jedoch nur einen neumodischen Klingelknopf mit eingebauter Kamera. "Na, wenigstens haben die hier Strom", witzelte er, als er den Knopf tief und lange dr├╝ckte.
"Wer wohnt hier eigentlich?", fragte Arthur.
"Wenn ich meiner triefend nassen Brosch├╝re trauen darf, dann geh├Ârt es heute den Farquharsons of Invercauld oder so." George wrang das bunte Heftchen demonstrativ aus.
Nach schier endlosen Minuten ├Âffneten sich die schweren Torfl├╝gel und ein alter, totenbleicher Mann in schwarzem Anzug be├Ąugte die durchn├Ą├čten Besucher.
"Wir haben geschlossen", verk├╝ndete er knapp, "die ├ľffnungszeiten k├Ânnen Sie der Plakette unten am Haupttor der Burgmauer entnehmen. Gute Nacht!" Sogleich schickte er sich an, die wuchtige T├╝r wieder ins Schlo├č zu schieben, doch Arthur kam ihm zuvor: "Sir, bitte warten Sie einen Augenblick!" Der Alte verharrte einen Moment, also holte Arthur weiter aus: "Sir, wir sind zwei Studenten aus London und wurden auf dem Weg nach Braemar von diesem Wolkenbruch ├╝berrascht. H├Ątten Sie freundlicherweise ein trockenes Pl├Ątzchen f├╝r die Nacht, das Sie uns anbieten k├Ânnen, Sir?"
Einen langen Moment sah der Alte die Beiden durchdringend an.
"Warten Sie hier." Mit diesen Worten schlo├č er die T├╝r.
Es schien eine halbe Ewigkeit zu dauern, bis endlich wieder jemand die T├╝r ├Âffnete. Diesmal begr├╝├čte sie ein deutlich j├╝ngerer Mann um einiges herzlicher als der Alte, obwohl er genau so bleich zu sein schien.
"Was kann ich f├╝r Sie tun, Gentlemen?"
Nachdem ihm Arthur ihre mi├čliche Lage dargelegt hatte, bat sie der bleichgesichtige Mann sofort herein.
Wie erwartet lie├č sich der Bleiche, der sich im nachhinein als Malcolm Farquharson vorstellte, zu einer kleinen F├╝hrung durch das alte Gem├Ąuer hinrei├čen, die in der K├╝che ihr Ende fand, wo es, wie selbstverst├Ąndlich, einen kleineren Imbi├č gab.
Gleich darauf brachte Malcolm die beiden Freunde auf ein eigens f├╝r sie hergerichtetes Zimmer.
Das Zimmer konnte man nur pomp├Âs nennen. And├Ąchtig sahen sich beide um. Neben reich verzierten Wandvert├Ąfelungen und einem ebensolchen Schrank, war das dominierende M├Âbelst├╝ck das Himmelbett. Die Liegefl├Ąche war nahezu quadratisch und so gro├č, da├č bequem vier Leute darin h├Ątten schlafen k├Ânnen. Der Fu├čboden bestand aus dunklem, polierten Fels. In die n├Ârdliche Wand hatte man einen Kamin eingelassen, in dem nun ein gerade entz├╝ndetes Feuer gem├╝tlich vor sich hin knisterte.
Schlie├člich brach Arthur das Schweigen. "Was h├Ąltst du von dem alten Kasten?"
"Im Moment versuche ich eigentlich gar nichts davon zu halten", platzte es aus George heraus, "ich w├╝rde dieses modrige Ding lieber heute als morgen verlassen." Es gelang ihm nicht, das Zittern in seiner Stimme zu unterdr├╝cken.
Arthur kicherte. "Nun mach aber mal halblang! Man k├Ânnte ja meinen, du seist mein j├╝ngerer Bruder oder so." Arthur sch├╝ttelte den Kopf. "Willst du mir etwa allen Ernstes weismachen, da├č du Schi├č vor diesem alten Schlo├č hast?"
"Du etwa nicht?", schnauze George zur├╝ck. "Drau├čen l├Ąuft ein Vampir frei herum, und wir sitzen hier in einem alten, dunklen Schlo├č. Au├čerdem laufen hier nur merkw├╝rdige Typen herum, die so aussehen, als h├Ątten sie noch nie das Tageslicht gesehen. Und da soll man sich keine Sorgen machen?!"
Arthur winkte ab: "Ach, krieg dich wieder ein und geh schlafen!"

Des Nachts fuhr George unvermittelt auf. Jemand hatte das Licht gel├Âscht! Dabei hatte er es doch extra brennen lassen. Wie von einer Feder geschnellt, scho├č Georges Hand zum Lichtschalter. Er blinzelte, denn im ersten Moment hatte das matte Licht die gleiche Wirkung auf ihn, als h├Ątte er in einen 200 Watt Halogenscheinwerfer geblickt. Allm├Ąhlich gew├Âhnten sich seine Augen an die ver├Ąnderten Lichtverh├Ąltnisse. Niemand war zu sehen.
Doch was hatte ihn geweckt?
Ein Poltern lie├č ihn pl├Âtzlich herumfahren und die Bettdecke bis zum Kinn ziehen. Er kam sich nun selbst ein wenig albern vor.
"L├Ącherlich", zischte er und schwang seine Beine ├╝ber die Bettkante. Wenn er es jetzt wagen w├╝rde, seinen Freund aus dem Schlaf zu rei├čen, nur weil er ein merkw├╝rdiges Ger├Ąusch geh├Ârt hatte, so w├╝rde Arthur ihn wahrscheinlich wieder nur auslachen, bevor er ihm einen seiner ber├╝hmten freundschaftlichen Klapse verpa├čte. Da war es wahrscheinlich besser, sich vor Angst in die Hose zu machen.
Immer wieder horchend, stand George auf und schlich zur T├╝r. Nichts... alles blieb still.
Als er gerade nach der Klinke greifen wollte, h├Ârte er erneut das Poltern, diesmal deutlich n├Ąher. Hastig zog George seine Hand zur├╝ck, als h├Ątte er sich die Finger verbrannt. Einen Moment lang verharrte er und ├╝berlegte, was als n├Ąchstes zu tun sei.
Schlie├člich rollte er genervt mit den Augen und stie├č einige Verw├╝nschungen aus. Dann ri├č er mit einem Ruck die T├╝r zum Korridor auf.
Der Gang selbst war etwas dunkler, so da├č George die Einzelheiten der Verzierungen auf den Vert├Ąfelungen nur erahnen konnte. Die meisten der Nischen lagen in v├Âlliger Finsternis.
George gab sich alle M├╝he, das Zittern seiner Knie zu unterdr├╝cken.
"Hallo, ist da wer?", rief er zaghaft in den Flur hinaus, doch nichts r├╝hrte sich. Niemand schien in der N├Ąhe zu sein. "Ich finde das ├╝berhaupt nicht witzig!", setzte er nach, "ich versuche hier zu schlafen!" Vorsichtig tat George einen Schritt in den Korridor. Ein neuerliches Poltern lie├č ihn zusammenzucken. Jetzt reichte es George. Er nahm all seinen Mut zusammen und machte sich auf, der Quelle dieser Ger├Ąusche auf den Grund zu gehen.
George war nur wenige Meter weit gekommen, als er hinter sich ein schlurfendes Ger├Ąusch vernahm. Er wirbelte herum, konnte jedoch in den tiefen Schatten des Ganges nichts erkennen. Da war es schon wieder; dieses Ger├Ąusch, das sich anh├Ârte, als ob jemand ein Bein nachziehen w├╝rde.
Auf einmal sch├Ąlte sich eine Gestalt aus der Dunkelheit. Auf den ersten Blick hatte sie fast ├ähnlichkeit mit dem Alten, der sie am fr├╝hen Abend an der T├╝r begr├╝├čt hatte. Doch diese Gestalt zog wirklich ein Bein nach. Langsam humpelte dieses Etwas vorw├Ąrts und geriet dabei zusehends in den Lichtschein, der aus Arthurs Zimmer drang. George stockte der Atem. Das Wesen, das da auf ihn zugewankt kam, waren wohl kaum als menschlich zu bezeichnen. Seine Z├╝ge waren zwar menschlich, aber dennoch schienen seine Gesichtsz├╝ge auf das Entsetzlichste entstellt zu sein, und es hielt genau auf ihn zu, langsam und unerbittlich. George tat das einzig Richtige. Er wirbelte herum und suchte sein Heil in der Flucht.
Fieberhaft suchte George nach einer M├Âglichkeit, dieses Wesen abzusch├╝tteln. Er r├╝ttelte an jeder T├╝r. Nichts! Alle waren verschlossen.
Er wollte schon aufgeben und weiter den Gang hinunterrennen, als eine der T├╝ren unter seinem Druck nachgab und quietschend nach innen aufschwang. Schnell schl├╝pfte er durch den Spalt ins Zimmer und schob die T├╝r wieder vorsichtig ins Schlo├č.
Als Georges Finger im Halbdunkeln einen Schl├╝ssel ertasteten, stie├č er einen Seufzer der Erleichterung aus.
Er schlo├č die T├╝r ab und sah sich im Zimmer um. Ein weiteres G├Ąstezimmer, wie George vermutete, denn es war ├Ąhnlich dem eingerichtet, in dem er zuvor noch geschlafen hatte.
"Guten Abend", begr├╝├čte ihn eine fremde Stimme. George schrie vor Schreck auf. Unf├Ąhig sich zu bewegen, verharrte er mitten im Raum. Aus dem Ohrensessel am Fenster erhob sich eine dunkle Gestalt. Langsam, einer Raubkatze gleich, schlich der Fremde um George herum.
"Entschuldigung, Sir", stammelte George verlegen, "es war nicht meine Absicht, Sie zu st├Âren. Ich werde Sie sofort wieder verlassen, wenn..."
"Das wird nicht n├Âtig sein", unterbrach ihn der Mann und zog im Vorbeigehen den Schl├╝ssel aus dem T├╝rschlo├č.
"Was soll das", wollte George wissen, "wollen Sie mir Angst einjagen? Lassen Sie mich einfach gehen!"
"Ich f├╝rchte, das kann ich nicht zulassen." Eine Eisesk├Ąlte lag in der Stimme des Fremden, die George vor Angst schlottern lie├č.
Der Mann hatte seine Runde mittlerweile fast vollendet, als er ins Mondlicht trat. Seine Z├╝ge ├Ąhnelten denen von Malcolm Farquharson und waren doch irgendwie anders. Als er l├Ąchelte, entbl├Â├čte er zwei m├Ąchtige F├Ąnge.
"Ein Vampir", entfuhr es George.
"Ganz recht, mein junger Freund", entgegnete der Vampir, "und was glaubt Ihr, welche Rolle f├╝r euch gedacht ist?" Die letzten Worte waren kaum mehr als ein Fauchen.
George schrie. Er schrie aus Leibeskr├Ąften um Hilfe, w├Ąhrend er zu T├╝r st├╝rzte und verzweifelt an ihr zerrte, als versuche er, sie aus den Angeln zu rei├čen. Fieberhaft sah er sich nach einer Fluchtm├Âglichkeit um. Im halbdunkeln sah er jedoch nicht, wohin er trat und geriet ins straucheln. George prallte hart auf den steinernen Fu├čboden. Hinter sich h├Ârte er das h├Ąmische Lachen des Vampirs, der langsam auf ihn zu kam. Von nackter Panik getrieben, robbte George von der T├╝r weg, immer bestrebt, den Abstand zu dem Blutsauger so gro├č wie m├Âglich zu halten. Immer noch rief er verzweifelt um Hilfe.
Der Vampir r├╝ckte immer n├Ąher, als mit einem Mal die T├╝r aufflog. Das Schlie├čblech und Teile des T├╝rrahmens regneten in den Raum. Als n├Ąchstes flog eine bullig wirkende Gestalt herein und prallte auf den Vampir, so da├č beide zu Boden gingen. Sofort begann der Kerl, dem Vampir einen Arm auf den R├╝cken zu drehen, da├č dieser schmerzerf├╝llt aufheulte.
"Um Gottes Willen", jaulte der Vampir, "H├Âren Sie auf! Sie brechen mir ja noch den Arm!" Der Vampir wehrte sich immer noch verzweifelt gegen den sehr viel kr├Ąftigeren. "Ach ja?" Entgegnete dieser.
George stie├č einen Seufzer der Erleichterung aus, als er die Stimme seines Freundes erkannte.
Arthur hatte die j├Ąmmerliche Gestalt, voll unter Kontrolle, so da├č dieser merklich ruhiger wurde.
"Moment mal!" Arthur erhob sich und zog dabei den Mann mit auf die Beine. "Malcolm Farquharson?"
"Ja, verdammt! Lassen Sie mich endlich los!"
Nun taute auch George wieder auf. "Was zu H├Âlle sollte diese Vorstellung? Ist es nicht schon schlimm genug, da├č da drau├čen ein Vampir sein Unwesen treibt? Ich halte es f├╝r ├Ąu├čerst geschmacklos, hier drinnen eine derartige Show hinzulegen!"
Malcolm sch├╝ttelte den Kopf. "Ach, es gibt hier ├╝berhaupt keine Vampire! Das war alles eine Inszenierung der Dorfbewohner mit dem Ziel, diesen alten Kasten zu erhalten. Wir halten schon seit ├╝ber einer Woche nach St├Ądtern wie Ihnen Ausschau. Wir hatten die Hoffnung schon fast aufgegeben, als Ben, der Wirt aus dem Dorf, uns Ihre baldige Ankunft meldete." Malcolm fuhr sich mit beiden H├Ąnden durchs Gesicht, als k├Ânne er alle Anspannung der letzten Tage einfach wegwischen. "Alles weitere hatten wir schon von langer Hand vorbereitet."
"Aber warum dieser ganze Aufstand", fragte Arthur.
Malcolm Farquharson senkte besch├Ąmt seinen Kopf. "Haben Sie eine Ahnung, was es hei├čt, ein Schlo├č von dieser Gr├Â├če zu unterhalten? Einfach ein Hotel daraus zu machen reicht eben nicht aus. Von den wenigen Tagen, in denen hier die Highland Games stattfinden, k├Ânnen wir einfach nicht existieren!" Malcolm setzte sich resigniert auf das Bett. "Also haben wir uns ├╝berlegt, da├č wir Braemar Castle irgendwie interessanter gestalten m├╝├čten. Da lag es nat├╝rlich nahe, daraus ein Spukschlo├č zu machen."
"Tolle Idee! Aber haben Sie schon einmal daran gedacht, es mit Werbung zu versuchen?", wollte George wissen.
"Nat├╝rlich haben wir das", entgegnete Malcolm. "Nur wie glaubw├╝rdig w├╝rde das wirken? Der Schlo├čherr kann immer viel behaupten. Nein, solche Dinge erzielen nur dann Wirkung, wenn sie von Dritten berichtet werden." Malcolm atmete tief ein und stie├č die Luft mit einem inbr├╝nstigen Seufzer wieder aus. "Tja, und da kamen Sie uns gerade recht. Zwei Hauptst├Ądter, Fremde, denen man alles andere als Befangenheit nachsagen kann." Resigniert blickte er erst George und dann Arthur in die Augen. "Ich bin tief betr├╝bt, da├č wir Ihnen solche Unannehmlichkeiten bereitet haben."
Pl├Âtzlich prustete Arthur los und begann schallend zu lachen. Malcolm und George sahen sich verwundert an, doch schlie├člich konnten sie auch nicht anders und fielen in das Gel├Ąchter mit ein.

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
Dieser Text enthńlt 21016 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2022 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.