Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Mai 2001
Spukschloss – Ein Fragment
von Petra Brandenburg

"Mysteriös ist es schon..."
"Schatz, es ist seit Jahren ein gut florierendes Ferienhotel. Was soll daran mysteriös sein?"
"Du hast mir gar nicht zugehört, Simon! Ich sage nur, dass da eine riesige Lücke klafft, zwischen den Jahren 1950 und 1997. In diesem Buch über die Schlösser dieses Landstrichs, sind sämtliche Historien lückenlos aufgeführt. Nur was mit diesem Schloss passiert ist, nachdem es aus dem Familienbesitz ging, scheint keiner zu wissen. Das ist doch komisch!"
"Warum denn komisch?" Simon klang genervt. "Wahrscheinlich stand es schlicht und ergreifend leer, weil es keinen Käufer gab."
Mara blickte ihm wütend ins Gesicht, aber Simon konzentrierte sich weiterhin auf Lenkrad und Straße.
"Und WARUM stand es leer? Weil die Vorbesitzer seit Generationen samt und sonders auf ungeklärte Weise zu Tode gekommen sind!" Triumphierend lehnte sie sich im Beifahrersitz zurück.
Simon lachte auf. "Das nennst du ungeklärt? Wenn ich mich recht erinnere, hast du mir was von Herzanfall, Herzinfarkt, Unfällen im Haus und so fort, erzählt. Das sind doch ganz normale Todesursachen. Und Anfang des Jahrhunderts ist man an diesen Herzgeschichten ja auch noch viel schneller gestorben als heutzutage dank des Medizinfortschritts!"
Mara schlug die Augen nach oben, trotz des Wissens das Simon das nicht sehen konnte.
"Ich geb’s auf. Ich FINDE es mysteriös. Basta. Alle waren noch zu jung zum Sterben und am Ende war gar die ganze Familie ausgerottet, die Jahrhunderte zuvor dieses gigantische Schloss in Scharen bewohnt hat.
In dem Schlossführer steht außerdem schwarz auf weiß, dass sich danach kein Käufer fand, weil es in dem Schloss spukt."
"Spukte, mein Schatz, nicht spukt." Simon lächelte nachsichtig. "Außerdem sind das doch alles nur die üblichen Schauergeschichtchen, die sich um solch leerstehende Gemäuer ranken. Und, ich geb' ja zu, äußerlich ist es wirklich ein Spukschloss wie gemalt."
Beide schwiegen.
Mara lehnte den Kopf zurück und dachte an das Gelesene. Es war ja auch wirklich nicht wichtig, warum das Schloss solange leergestanden hatte. Nachdem der letzte des alteingesessenen Geschlechts der von Rothensteins gestorben war, hatte es mehrere Kaufinteressenten gegeben, die allerdings alle abgesprungen waren ohne dafür konkrete Gründe nennen zu wollen. Seitdem rankte sich um das Schloss die Legende, dass dort dunkle Mächte am Werk waren.
Mara schloss die Augen. Ja, Simon hatte wohl recht. Eigentlich war es ja schon ein Klischee, dass so ein leerstehendes Gemäuer natürlich ein Spukschloss sein musste.
Es war überhaupt nicht wichtig. Sie wollte sich dort erholen, nichts weiter. Zusammen mit Simon eine Auszeit nehmen, einen Tapetenwechsel um Abstand zu gewinnen von den traurigen Erlebnissen der letzten Wochen.
Sie dachte zurück an ihre erste Schwangerschaft, von der sie vor einem halben Jahr erfahren hatte und die so traumatisch nach vielen Komplikationen in einer späten Fehlgeburt geendet war. Mara und Simon hatten ihren kleinen Jungen, der in der 22. Woche geboren war, noch im Arm halten dürfen, wo er dann nach einer Viertelstunde, ohne den Hauch einer Chance, verstarb.
Das Ganze war erst ein paar Wochen her, aber ihre Umwelt schien zu erwarten, dass sie bereits wieder wie die alte Mara funktionierte. Dabei fühlte sich Mara völlig gefangen in ihrer Trauer und Simon hatte in seiner Hilflosigkeit ihr zur helfen und aus seiner eigenen Trauer heraus, diese Reise geplant.

Das Schloss lag nur eine vierstündige Autoreise entfernt, aber Mara genügte das. Auf Palmen und Strand hätte sie sich gar nicht einlassen können.
In dem Schlosshotel wurde ein umfangreiches Wellness-Programm angeboten, mit Massagen, Sauna etc. und das war genau das was Mara sich jetzt wünschte – ihren Gedanken nachhängen und nichts tun müssen.

Das Schloss präsentierte sich äußerlich klassisch, aber im Inneren fiel es schwer sich zu gruseln. Alles war modern restauriert und die überwiegend weiblichen Mitarbeiter liefen geschäftig in klinisch weißen Kitteln durch die Räume. An den Wänden hingen zahlreiche Poster mit aktueller Werbung für Kosmetikfirmen und Fitnessprodukte.
Nachdem sie ausgepackt hatten, begab sich Simon gleich in den Saunabereich und Mara ließ sich von der Kosmetikern verwöhnen. Seit langer Zeit gelang es ihr sich wieder völlig zu entspannen als die Frau ihr sanft massierend eine kräuterduftende Gesichtsmaske auftrug.
Maras Gedanken gingen endlich mal nicht zwanghaft zu ihrem kleinen toten Jungen Jonas, sondern wohltuend in das Nichts belangloser, unzusammenhängender Kleinigkeiten.
Sie würde gleich einschlafen.

"Eine schwere Zeit für sie...", riss die Stimme der Kosmetikerin Mara aus dem Dösen.
Sie erschrak und spürte einen Schmerz, der wie ein Messer in ihr Herz stach.
Was meinte die Frau? Sie konnte doch nicht.....
"In welcher Woche waren sie als ihr Sohn starb?" fragte die Frau, ohne ihre sanft massierenden Bewegungen zu unterbrechen.
Mara setzte sich ruckartig auf und starrte ihr Gegenüber fassungslos an.
"Woher wissen sie? Wer hat...."
Die Weißbekittelte lächelte nachsichtig.
"Die Frauen glauben alle, sie seien ganz zufällig hier hergekommen. Sie stehen nicht alleine da."
"Was meinem sie damit, um Himmels Willen? Natürlich sind wir nicht zufällig hier, sondern um ein paar Tage Urlaub zu machen.", stammelte Mara.
"Das glauben sie nur, schauen sie sich mal in Ruhe hier um! Nehmen sie sich viel Zeit und sehen sie den Gästen hier in die Augen. Erst seit einigen Jahren verkehren hier wieder Menschen. Vorher stand das Schloss Jahrzehnte leer..."
"Ich weiß.", fiel Mara ihr ins Wort. "Aber was hat das mit mir zu tun?"
"Sie sind eine weise Frau, das erkenne ich. In Frauen, die ihr Kind verloren haben, wird immer diese Weisheit wach. Aber die Wahrheit müssen sie selbst herausfinden, die darf ich ihnen nicht verraten. Versuchen sie herauszufinden, warum hier wieder Menschen leben können und seien sie nicht erschreckt. In der Erkenntnis liegt der Keim für die Zukunft, für ihre und die aller anderen hier. Gehen Sie nun!"
Mara wurde mit sanftem Druck von der Liege befördert und die Kosmetikerin entfernte sich geräuschlos.

Mara ging wie in Trance durch die Gänge und fühlte sich merkwürdig gefangen. Ihr erster Impuls war die Flucht zu ergreifen. Simon finden und nur weg von hier! Etwas ging nicht mir rechten Dingen zu und Mara war auch so schon zu dünnhäutig, als dass sie jetzt noch irgendwelchen Schrecken hätte ertragen können.
Aber etwas hielt sie hier und als sie wieder einen klaren Gedanken fassen konnte, wusste sie was es war. Wie sollte sie fort gehen können, wenn doch hinter dem geheimnisvollen Reden der Frau ein Wissen stehen musste? Ein Wissen um den Tod ihres Kindes. Irgendetwas, das Mara vielleicht weiterhelfen konnte.

Sie blickte die Menschen an, die ihr vereinzelt entgegenkamen. Es waren nur Frauen, die sich hier in dem Trakt aufhielten, der den kosmetischen Anwendungen vorbehalten war.
Mara spürte keinerlei Scheu vor diesen Frauen. Sie blickte in Augen, die genauso glanzlos blickten wie ihre eigenen... Verblüfft setzte sie sich auf eine Bank an der Wand und dachte nach. Wie oft war sie in den letzten Wochen auf ihren traurigen Blick angesprochen worden, so als hätte sie kein Recht so zu schauen. Sie dachte mit Entsetzen an ihre eigene Mutter, die vor wenigen Tagen noch meinte, es müsse jetzt Schluss sein mit der Trauer. Jede dritte Frau würde in ihrem Leben eine Fehlgeburt erleiden, beim nächsten Mal würde es schon gutgehen.
Mara seufzte. Toll, von seiner Mutter zu einem Teil der Statistik degradiert zu werden....

"Mara!" Simon kam den Gang entlanggeeilt. "Ich suche Dich schon!"
Mara stand auf. "Hier hast Du mich ja."
Simon sah verstört aus. "Mara, vielleicht ist das nicht das Richtige für uns hier. Vielleicht sollten wir wieder fahren."
"Wieso das denn?", Mara wurde zu ihrer eigenen Überraschung flau bei dem Gedanken wieder fort von hier zu müssen.
"Schatz reg‘ Dich nicht auf! In der Sauna hat mir ein Mann von der Geschichte des Schlosses hier erzählt und ich glaube nicht, dass es das richtige Ambiente ist in unserer Situation..."
"Erzähl`nur..."
Sie gingen langsam weiter.
"Vielleicht hattest Du recht mit Deinen Vermutungen..."
Mara unterbrach ihn.
"Aber es war etwas anderes, nicht die Herzanfälle, nicht die Unfälle...". Mara wusste nicht, woher sie die Gewissheit nahm.
Simon fuhr fort mit seiner Erzählung
"Nein, es sind immer wieder Kinder gestorben. Noch in der Schwangerschaft oder in der frühen Kindheit. So wurde das Geschlecht der von Rothenburg immer ärmer an Nachkommen. Die Frau des letzten Rothenburgs nahm sich das Leben nachdem sie ihr letztes Kind verloren hatte und das trieb ihren armen Mann in den Wahnsinn, sagt man.
Mara, all dieses Unheil trug sich in diesen Hause zu. Nicht, dass ich an schlechte Omen glaube, aber möchtest Du hier bleiben? Wir sollten uns besser etwas anderes suchen."
Mara fröstelte. Sie schlang die Arme um sich. "Erzähl mir den Rest!", forderte sie leise.
"Mara, lass uns einfach fahren!"
"Erzähl es mir!"
"Schatz...es heißt, der letzte von Rothenburg hat vor seinem Tod geschworen, jeden Menschen hier zu vertreiben, der nicht das gleiche Schicksal erlitten hatte, wie seine Frau und er selbst. Aber Mara, ich GLAUBE nicht an Gespenster. Es ist nur, dass ich nicht glaube, das diese Geschichten zu Deiner Erholung beitragen. Ich denke, wir sollten fahren."
"Nein!", flüsterte sie.

Eine Frau kam vorbei. Mara stellte sich ihr in den Weg.
"Haben sie ihr Kind verloren? Bitte, sagen sie mir..."
"Ja. Es ist schon gut, sie können ruhig fragen. Alle hier haben ihr Kind verloren. Eines oder mehrere. Sie kommen alle irgendwann hier her. Es gibt kein Entkommen. Es ist der Grund, warum dieses Schlosshotel immer gut besucht ist. Und da draußen weiß niemand die Wahrheit."
"Aber, in Gottes Namen, WARUM NICHT?" polterte Simon los.
"Weil sie dann niemals ein lebendes Kind bekommen werden. NIEMALS. Verstehen sie?"
Mara erstarrte. Was sollte das alles bedeuten? Sie unterdrückte den Drang einfach loszuschreien und hielt sich an Simon fest.

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