Der Tod aus der Teekiste
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Mai 2001
Zeitsprung
von Diana Hammermeister

"Christoph" – er flüsterte. Seine dünnen, langen Finger bohrten sich in das Fleisch meines Unterarms. – "Ich bin nicht verrückt, Du mußt mir glauben und es beweisen, Du mußt, hörst Du...".
Ich sah ihn mir genau an. Er sah schlecht aus. Seine tiefer liegenden Augen hatten ihren einstigen Glanz verloren. Tiefe, schwarze Furchen umrahmten sie, und ließen das angstverzerrte, bleiche Gesicht nur noch mehr wie eine Fratze erscheinen. Eine Fratze, wie sie Jack Nicholson in seinem glorreichen Auftritt in dem Film "Shining" nicht besser hätte schneiden können.
Ich merkte, wie ich zu schwitzen anfing. Seine Augen durchbohrten mich und lösten in mir ein Unwohlsein aus, das sich wie Zement auf meine Brust legte.
Er war mein Freund, er hatte mir immer geholfen...aber das hier schien absurd, geradezu wahnsinnig – ein Mittel, mit dem man in die Vergangenheit reisen konnte. Unmöglich!
Er mußte zuviel gearbeitet haben in letzter Zeit. Der Zusammenbruch sprach eindeutig dafür. Gut, er hatte schon immer extravagante Hobbies gehabt und viel herumexperimentiert, aber selbst ein genialer Wissenschaftler wie er konnte die Naturgesetze nicht überwinden, geschweige denn der Zeit ein Schnippchen schlagen.

"Die Besuchszeit ist vorbei", der Pfleger lugte durch die Zimmertür, "Sie müssen jetzt gehen. Die Patienten brauchen ihre Ruhe".
Endlich, da war er, der Grund, den Raum zu verlassen.
Ich erhob mich und ging langsam auf die Tür zu. Ich spürte seinen Blick im Nacken, spürte wie entschlossen er war, welche Hoffnungen er in mich setzte, und bekam eine Gänsehaut.
Scheiße, warum mußte sich mein Gewissen gerade jetzt melden?! Ich wollte und konnte ihm nicht helfen, das mußte er doch einsehen.
Vorsichtig drehte ich mich um.
Er blickte mich mit flehenden Augen an. "Bitte!" – nur bitte, sagte er...
Ich nickte ihm zu und verließ den Raum.

Die Tür war zu. Ich atmete auf. Meine Gedanken flogen wirr durch meinen Kopf. Und immer noch waren es seine Augen, die mich verfolgten, die sich in mein Gehirn brannten, als Ermahnung zur Hilfe. Erschöpft fuhr ich nach Hause.

Die folgenden Stunden gestalteten sich dementsprechend – schrecklich. Ich konnte mich vor den Fernseher setzen, Musik hören oder ein Buch anfangen – nichts, aber auch wirklich nichts, konnte mich ablenken.
Wie ein Gespenst spukte er in meinem Kopf herum, ernährte sich von meinen Gedanken und hinterließ eine unsagbare Leere, die es mir unmöglich machte, etwas anderes zu verfolgen, als sein Leben, mit all seinen Macken und Fehlern.
Dies hier schien der schlimmste von ihnen gewesen zu sein. Ein halbes Jahr Psychiatrie...wenn man nicht schon vorher bekloppt war, wurde man es hier mit Sicherheit. Aber was sollte ich tun?! Ich konnte doch unmöglich Teil seines Wahnsinns werden. Womöglich ereilte mich das gleiche Schicksal.
Aber wie lange würde ich das berühmte "Engelchen-Teufelchen-Spiel" noch durchhalten, ohne selbst kirre zu werden? So ein Irrsin!

Am Abend hielt ich es schließlich nicht mehr aus. Ich stieg in mein Auto und fuhr zu seinem Haus. Nicht ganz ohne schlechtes Gefühl.
Das alte Gemäuer hatte mich schon immer abgestoßen. Seit er es vor 20 Jahren gekauft hatte. "Ein Spuk-Schloß für den König der Spinner", hatte er damals gesagt, und gelacht.
"Spinner", bei dem Gedanken an diese Szene mußte ich unwillkürlich lachen. Einen 43-jährigen Mann, der Experimentieren, Dosenöffner sammeln sowie Flippers hören zu seinen Hobbies zählte, und zusätzlich noch Schalke-Fan war, konnte man wohl nur als Spinner bezeichnen.
Und doch, trotz all seiner Witze und Bekundungen beunruhigte mich das Haus. Es war, als würde es eine dunkle Vergangenheit beherbergen, die jeglichen Anflug an freundlicher Atmosphäre sofort zu verschlucken drohte.
Mich schauderte. Lieber nicht dran denken. Je schneller ich die Sache hinter mich brachte, desto schneller war ich wieder auf meinem gemütlichen Sofa. Hoffentlich dann, ohne schlechtes Gewissen.

Der Schlüssel befand sich wie gewohnt unter dem Blumenkübel an der Tür. Nichts schien darauf hinzuweisen, daß das Schloß Spielort komischer Vorgänge war. Aber so war es in Spielfilmen ja auch immer, bevor etwas passierte...
Vorsichtig tastete ich mich das Gewinde der Kellertreppe hinunter, durchquerte die große Halle und stand schließlich vor der Tür, hinter der sich das Geheimnis der Zeit verbergen sollte.
Mit zitternder Hand drückte ich die Klinke hinunter und betrat den Raum.
Was ich vorfand, war volkommene Dunkelheit und einen ziemlich fauligen Geruch, der mich zum Würgen brachte. Etwa so mußte sich der Typ aus der Vampir-Geschichte wohl auch gefühlt haben. Mein Beileid hatte er jetzt auf jeden Fall sicher.

Ich schüttelte mich. Bloß nicht verrückt machen lassen. Also, was hatte er gesagt?! Hinteres Regal rechts, dritte Fläschchen von oben. Ja, da war es – eine Sprudelflasche?!
Das konnte nicht wahr sein! Ein schlechter Witz vielleicht! Ich öffnete die Flasche, um an der farblosen Flüssigkeit zu richen...
...und roch, nichts!
Wasser, bloß Wasser. Ich lachte. Jetzt war er also wirklich verrückt geworden. "Na dann, Prost. Ich trinke auf den größten Spinner der Welt", schrie ich, und nahm einen tiefen Schluck.

Was folgte war ein starkes Schwindelgefühl, begleitet von einem stechenden Schmerz, der die Flüssigkeit zu verfolgen schien und sich schließlich auf meinen ganzen Körper ausbreitete.
Immer langsamer wurde meine Aufnahmefähigkeit. Der Raum verschwamm zu einer dreckigen Brühe, bis mir ganz Schwarz vor Augen wurde.

Als ich wieder zu mir kam, fielen schon die ersten Sonnenstrahlen durch das Kellerfenster. Scheiß Gesöff! – Wie konnte man nur so etwas trinken?! Kein Wunder, daß er so hinter dem Zeug her war. Auf dieses K.o.-Mittel hätte er bestimmt ein Patent anmelden können.
Wenn bloß nicht diese Kopfschmerzen wären...
Jetzt möglichst schnell nach Hause, eine Dusche nehmen. Seufzend stand ich auf und schleppte mich aus dem Zimmer. Ich mußte über Nacht um Jahrhunderte gealtert sein, so wie sich mein Körper anfühlte.
In der Halle blieb ich verdutzt stehen. Komisch, die alten Möbel hatte ich gestern gar nicht bemerkt. Generell schien das Haus irgendwie verändert zu sein.
Dicker Staub lag auf den Stufen und es roch, es roch nach Urin, eindeutig. Armer Teufel! Das es so schlimm um ihn stand, hätte ich nicht gedacht. Ich würde Frau Sebulke anrufen, sobald ich zu Hause war. Sie würde hier schon klar Schiff machen. Danach würde ich seine Ex-Frau benachrichtigen und...
Weiter kam ich nicht. Ein schriller Schrei drang durch das Gemäuer, gefolgt von Rufen und Johlen einer Menschenmenge. Es mußte etwas passiert sein. Hoffentlich waren es nicht wieder diese Rowdies, von denen er so oft erzählt hatte.
Ich hastete die Treppen hinauf. Die Stimmen wurden lauter. Es mußten Holländer sein, ich verstand nicht alles, was sie sagten. Ich rammte die Eingangstür auf ...
Und da sah ich sie. Eine Gruppe von zehn Männern zerrte eine junge Frau Richtung Wald. Sie schrie und wehrte sich, bettelte und ließ sich auf die Knie fallen.
Entsetzt blieb ich stehen. Es waren keine Rowdies. Die Männer trugen Strumpfhosen und ein einfaches, braunes Hemd. Einer von ihnen hatte eine Mönchskutte an, und gab die Befehle. Und auch die Frau sah nicht normal aus. Sie trug ein weißes Hemd, ihre Haare waren abrasiert. Blutige Striemen zogen sich durch ihr angstverzerrtes Gesicht.

Ich schluckte. Er hatte also Recht gehabt. Das konnte nicht wahr sein! Er hatte ein Mittel erfunden, mit dem man in die Vergangenheit reisen konnte...laut Kleidung der Akteure war ich wohl nun im Mittelalter gelandet...
Die Frau fing wieder an zu schreien. Die Männer hatten Holz aufgeschichtet und banden sie an einen Pfahl fest.
Ich mußte etwas tun! Aber was?! Instinktiv fing ich zu laufen an...

"Sollen wir es ihm sagen oder belastet es ihn nur zusätzlich?", der Pfleger schaute den Arzt ratlos an. "Er fragt schon die ganze Zeit nach ihm!" – "Lassen Sie uns die Obduktionsergebnisse abwarten. Die Polizei vermutet, daß der Mann unter starken Drogen stand als das Unglück passierte. Mensch, in der Haut des Pkw-Fahrers möchte ich jetzt echt nicht stecken..."

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