Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Juni 2001
Spurensuche
von Petra Lehrmann

Hier sitze ich nun – starre gegen die Decke und auf den weißen Schirm vor mir. Was mache ich hier? Dreht sich die Welt auch ohne mich weiter? Bestimmt – sonst wäre sie ja schon lange vor mir still stehen geblieben. Spätestens beim ersten Menschen, der starb.
Die Sonne scheint durch mein kleines Dachfenster auf den Monitor – warm wird mein Rücken. Erledigt ist der Tage Arbeit und ich sehne mich nach Ruhe. Ruhe vor dem Sturm. Welche Ruhe?
Der Sturm kommt näher – oder nicht?
Gedanken bahnen sich ihren Weg und erreichen meine Hände – oder nicht?
Sturm und Gedanken? Sturm und Drang? Der Drang, den Sturm fassen zu können. Gleich! Gleich hab ich ihn! Ruhe – nach dem Sturm.
Spuren hat dieser Sturm nicht hinterlassen. Wäre ja gelacht! Ein Sturm mit Spuren! Nein – nicht in diesem Leben. Dort vorne ist das Licht ganz am Ende des Tunnels – es kommt auf mich zu. Umarmt mich, nimmt den Sturm von mir. Ebnet den Weg.
Zittrig eine Zigarette zum Mund geführt und das Feuerzeug spendet auch erst beim vierten Versuch den sich regenden Flackerschein. Der Sturm kann mir gestohlen bleiben – soll er doch gehn! Ohne Spuren. Wozu auch? Mich kann niemand verletzten!
Wäre doch gelacht!
Gedanken wuchern weiter – Liebe bringt Tod. Leben bringt Tod. Den Tod könnte ich jetzt gut willkommen heißen.
Hallo Tod – komm herein!
Bring auch deinen Freund mit ein!
Tod und Pest – Pest und Tod.
Beides blutig und auch rot...
Leben macht nichts mehr aus – sterben ebenso wenig. Das Leben – eine Zigarettenlänge kurz. Schon ist es zur Hälfte verglommen, und der Sturm rafft die letzten Aschebröckchen hinfort. Aus. Tot. Die Spuren verweht der Wind. Das Leben endet auf dem Scheiterhaufen des Teufels.
Wer war er, der Gehörnte – auch einmal einer von uns. Ein Nachfahre der schlechten Menschen? Komme ich nach ihm oder nach einem Seraphim? Fürchten diese hohen Wesen auch den Sturm? Das Leben? Die Zigarette? Die Ruhe? Gibt es sie überhaupt?
Der Sturm rafft sie alle hinfort – die Zeichen gekerbt in das Holz. Stark ist der Mensch wie die Eiche, und treu. Spießt im Sommer und stirbt im Winter. Erreicht das Leben und den Tod kurz darauf mit Leichtigkeit. Seraphim und Teufel lachen darüber – doch auch sie welken. Spuren im Sand – im Feuer – im Schnee? In den Wolken. In den Wolken sieht man alle Formen der Engel und Teufel – der Menschen, Tiere, Pflanzen, Dinge...
Die Wolken ziehn weiter – der Tag geht nieder, die Sonne verbraucht – die Spuren weggewischt. Wie kann es sein, dass Zufriedenheit verblasst und plötzlich irgendwie gar nichts mehr passt? Die Spur zu finden unter diesen vielen. Die einzige Spur – die wahre. Kostet mich das Leben. Leben für die Spur der Spuren. Das, was mich ausmacht. Woher ich komme und wohin ich gehe ist mir egal – die Zigarette ausgedrückt wie ein ekeliges Insekt. Ich lache darüber – eine weitere Spur. Eine Suche, die bis zum Tode geht. Warum denke ich nur daran, das ich sterbe? Noch bin ich jung und kann alles machen, was ich will. Und morgen ist es schon vorbei – morgen bin ich alt und grau, tattrig und tot. Wie die Zigarette. Der Sturm rafft mich dahin. Der Sturm der Zeit. Die Ruhe dauert dann ewiglich – die Spur immer noch nicht zu ihrem Ende verfolgt.
Was war es doch gleich? Was wollte ich? Was suchte ich? Ich weiß es nicht mehr! Hände suchen nach etwas unfassbaren – fassen es nicht.
Wer findet das einzig wahre, allheilende Mittel gegen diesen Drang, alles zu erkunden? Die Frage auf die Antwort nach dem Leben, dem Universum und den ganzen Rest? 42 – sagte Douglas Adams. Den hat die Spur eingeholt. Oder er sie? Er schlummert jetzt mit dem Geheimnis tief im Grabe dahin.
Meine Spur soll mich auch so führen – ich setze das kalte Metall an meine Schläfe und drücke ab; höre die Englein singen und die Teufel lachen – Douglas Adams' Stift kratzt über Papier und schreibt die Antwort.
Ich will entgegennehmen, ich darf noch nicht! Der Sturm ist versiegt – er nimmt mich in seine Mitte. Flamme bin ich sicherlich. Die erwartete Ruhe kommt nicht. Noch nicht – versichert mir der Sturm. Sie wird kommen, wenn die Frage entziffert ist. Engel und Teufel kommen mir deutlich ins Blickfeld – es gibt sie, alte und junge. Auch sie den Gezeiten unterworfen. Die Zigarette thront wie ein Gott über allen und dirigiert die kleinen Gestalten hin und her. Der Schuss läuft langsam aus dem Lauf und die Kugel hinterlässt ein leicht kratzendes Geräusch auf der Innenseite des Metalls. Die Stimme aus dem Sturm flüstert und lacht - erzählt von längst vergangenen Zeiten und von kommenden Zeiten.
Ja, hier ist meine Spur. Eine Hand hält mir das Blatt hin, auf dem meine Spur steht – mein Lebenszweck – meine Frage auf die Antwort...
Ich entziffere. Versuche es zu Mindest. Nein – doch! Da steht etwas, klein und kriggelig.
...S...
Meine Spur, die ich so lange schon gesucht hatte...
...T...
Die Kugel nähert sich meiner Schläfe mich tödlicher Präzision.
...I...
Kein zurück mehr? Na und? Ich werde alles wissen – alles! Bin ich ein Gott? Mir wird so licht!
...R...
Freude wallt in mir auf! Am Ziel, gleich am Ziel!
...B...
Was? Mein Lebensziel? Dafür das rackern und raufen, das denken, martern, quälen, placken? Um zu erkennen, dass man am Ende stirbt? Ich will noch nicht sterben! Nicht mit dieser nüchternen Erkenntnis! Nicht, wenn meine Suche so unbefriedigend ist! Nein! Kugel, tritt deinen Rückzug an! Fort! Mache dich hinweg – ich will nicht. Ich bin noch nicht bereit! Lass ab, suche dir einen anderen Weg! Doch meine Hand bleibt unbeweglich in der Luft stehen.

Zu spät ... !

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