Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Juni 2001
Spurensuche – Innerer Monolog einer Autorin
von Karin Graf-Braun

So viel ist geschehen, so viel hat sich verändert, so vieles wäre erzählbar ...

Ich sitze vor einem leeren virtuellen Blatt Papier, die Worte im Kopf, aber sie finden den Weg zu den Fingern nicht, damit diese im harmonischen Einklang die Tastaturknöpfe niederdrücken könnten und ich bin niedergedrückt, nur dass diese Verben eine unterschiedliche Bedeutung beinhalten und nicht miteinander verglichen werden können. Nieder, eigentlich gefällt mir das englische Wort "down" besser. Es ist so schön neumodern und es verstehen mehrere Millionen Menschen meine Gefühlslage. Aber bleiben wir bei nieder, ein furchtbares Wort, so dumpf und dunkel, obwohl das niederdrücken der Tastaturknöpfe nichts über die Ergebnisse des Drückens aussagt. So könnte ich mich niedergedrückt fühlen und trotzdem eine humorvolle Satzkonstruktion niederdrücken. Leider suche ich immer noch nach den richtigen Worten und Sätzen und dabei klammere ich mich an dem Spruch fest: - Werfe den Füllfederhalter nicht weg, die Worte kommen eines Tages wieder-, eigentlich gibt es auch keinen Grund zur Besorgnis, denn mit dem Füllfederhalter schreibe ich schon lange nicht mehr und es gestaltet sich die Wegwerfaktion ein wenig schwieriger, wenn ich versuchen sollte meinen Computer in meinen kleinen Papierkorb zu entsorgen. Aber lassen wir das philosophieren.
Warum sträube ich mich meine Gedanken auf dem Monitor zu bringen? Will ich wie immer die Menschen nicht mit meinen Sorgen belasten? Bin ich eine zu gute Pokerspielerin, die sich nicht in die Karten schauen lässt? Oder fängt meine Schale, ich bezeichne mich immer als "breakfastegg", außen hart – innen weich, die ersten Sprünge aufzuzeigen? Und falls ich mich entscheide, alles was mich bewegt niederzudrücken, wie soll ich Wahrheit und Fiktion, denn das erlaubt mir die schriftstellerische Freiheit in einem Roman, in Einklang bringen, ohne dass ich mich selbst an die Wand drücke? Außerdem ist es ja auch eine Zeitfrage, denn da ich mich selbst zur Workaholic berufen gefühlt hatte und habe, fehlt mir die Zeit für wirklich wichtige Sachen, wie zum Beispiel dem Schreiben. Was ist mit dem Exposé, das zu jedem gutem Werk gehört? Müßig, zeitaufwendig und schon wieder bildet das Wort Zeit eine Schlüsselfunktion. Warum sollte ich das Kurzgeschichten schreiben aufgeben und etwas umfangreiches erarbeiten, denn meine Shortstories waren doch gut. In der Kürze liegt die Würze, ein Leitspruch, der nicht mehr gelten sollte? Fragen über Fragen, die wohl kaum jemanden richtig interessieren werden, nur habe ich beschlossen, sie einfach stehen zu lassen, eventuell brauche ich sie noch einmal. Und wie es einmal so mit Texten ist, man kann sie einfach überlesen, nicht lesen, brutal überblättern, wie es beliebt.
Ich hatte schon einmal angefangen meine Lebensgeschichte niederzudrücken. Es war in der Zeit, wo mein Vater noch lebte. Ich wollte abrechnen mit ihm, einfach alles rauslassen, was in mir schlummerte, ab und zu wach wurde und mich vergiftete. Dieses Gift setzte ich nie gegen andere Menschen ein, ich benutzte es gegen mich selbst. Ich flüchtete in eine Scheinwelt, die real war, aber nicht meine Welt. Auch haben mir meine Handlungsweisen in diesem Land, was nicht mein Land ist, einiges Ansehen eingebracht. Man akzeptiert mich, man kennt mich, man mag meine gradlinige Vorgehensweise, man lobt mich und das ist dann immer der Zeitpunkt den ich hasse, denn ich schäme mich, wenn man mich lobt und auf der anderen Seite bin ich bitterböse, wenn andere Menschen nicht für ihre guten Arbeiten gelobt werden. Paradox, aber es ist wohl das Gift in meiner Seele. Damit die Seele nicht so alleine in ihrer Vergiftungsphase dahin vegetiert rauche ich kräftig, Seele und Körper sollen ja im Einklang sein. Oder interpretiere ich da etwas falsch? Es wäre bestimmt befriedigender, wenn ich sexsüchtig wäre, nur muss man zum Genuss des Sex offen sein und dieses Loslassen ist mir fremd. Ich setze Sex gleich mit Liebe und ich habe Angst zu lieben, da ich immer enttäuscht wurde. Außerdem gibt es nur wenige Männer, die wirklich wissen, was Frauen unter Sex und Befriedigung verstehen. Frauensex ist anders als Männersex! Frauen wissen es und Männer bekommen es auch immer öfter mit, einige werden impotent oder meinen, sie müssen sich die blaue Wunderpille einschießen. Nur empfinde ich kaum Mitleid, denn sie hatten ja die Möglichkeit über Jahrhunderte hinweg den Macho raushängen zu lassen. Keine Angst, diese Seiten werden nicht mit Hasstiraden gegen Männer gefüllt sein, darüber gibt es genug Literatur und irgendwie mag ich das andere Geschlecht doch.
Ich schweife ab, ich merke es schon, es braucht mich niemand darauf aufmerksam zu machen.
Bei Vergiftung war ich im eigentlichem Text stehen geblieben, bevor meine vergiftete Seele mir das Beschreiben von Nebenhandlungen diktierte.
Mein Vater wollte eine hochbegabte, jungfräuliche Tochter haben, die über alles erhaben war und immer ihr Bestes gab. Er selbst war nur ein Durchschnittsbürger, sehr intelligent, ohne, dass er jemals aus dieser Tatsache Nutzen hatte ziehen können. Jugendjahre waren Kriegsjahre, kein Geld für eine höhere Bildung, despotischer Stiefvater, aufgewachsen in einem kleinen norddeutschen Kaff, wo heute noch die meisten Nazis leben, was man auch nicht verschweigen kann, da die Wahlergebnisse für sich sprechen. Er wurde so erzogen, dass er verklemmt durch das Leben lief und diese Komplexe nur durch den Konsum von Alkohol zeitweise verschwanden. Sehr oft denke ich an die Geschichte, die mir ein Freund von ihm erzählt hatte. Mein Vater musste, weil er mal wieder einen harmlosen Jugendstreich ausgeheckt und sich leider dabei erwischen hatte lassen, seine Zuchtkaninchen selbst abschlachten, sein Stiefvater hatte sich die Strafe ausgedacht. Mir wird immer ganz warm ums Herz und ich empfinde immer noch Mitleid. Vielleicht habe ich deshalb meinem Vater einiges vergeben, da er so eine Scheißjugend hatte. Aber hätte er nicht aus den Fehlern der Eltern lernen sollen? Er, der immer geprügelt worden war, musste er auch die Hand erheben? Wie gerne würde ich mit ihm darüber diskutieren, aber es geht nicht mehr, er hat mir die Chance genommen, er ist einfach verstorben. Dabei hatte ich mir drei Monate vor seinem ersten Herzinfarkt vorgenommen nach Deutschland zu fahren und mit ihm reinen Tisch zu machen, nur fehlte mir damals die Zeit. Wieder das Wort Zeit!
Wozu hatte ich die Zeit nur genutzt? Wie viel sinnvolle Zeit habe ich verschleudert um sinnlosem Spurenverwischen nachzugehen, damit ich hinterher feststellen darf, dass alles um mich herum nur Lug und Trug ist. Hunderte von Textfragmenten und Spontantexten bräuchte ich nur zusammenzufügen und der Befreiungsroman könnte geschrieben werden.
Und doch verzweifele ich daran, ob ich der Leserschaft dieses Drama zumuten soll, ob meine Spuren besser im Sand des Nichtgeschriebenen verlaufen sollten, damit andere nicht ihre Zeit damit vergeuden ...

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