Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Juni 2001
Spurensuche
von Kaelo

Saufen k√∂nnte so lustig sein, wenn da blo√ü nicht immer dieser verdammte Dr√∂hnsch√§del am n√§chsten Morgen w√§re. Ungerechte Welt: Die Exzessiv-S√§ufer wissen nicht einmal wie man "Kater" schreibt, und ich arme Sau f√ľhle mich nach jedem mittelpr√§chtigen Alk-Genu√ü wie kurz vorm Abnippeln.
Ich halte die Augen fest geschlossen und bem√ľhe mich, meine Liegeposition um keinen Millimeter zu ver√§ndern. Jede Bewegung verursacht unmenschliche Schmerzen, ich kenne das mittlerweile. Und "Nie wieder saufen" denke ich schon lange nicht mehr, erstens hilft mir das im Moment auch nicht weiter, und zweitens klappt's ja sowieso nicht. Also leide ich, wie immer, still vor mich hin und hoffe, da√ü ich wenigstens nicht kotzen mu√ü.
Irgend etwas ist heute anders als sonst, aber was? Die Luft riecht so, hmm, sauber? Weichgesp√ľlt? Jedenfalls anders.
Und nebenbei: Wo bin ich hier √ľberhaupt?

Jetzt mal ruhig, ganz entspannt: Was war eigentlich gestern? Hauseinweihung bei Chrissie und Frannek. Viel Bier, gute Musik, die ganze Clique, und dann war da noch die l√§ndliche Verwandtschaft von Chrissie. Aus dem tiefsten Sauerland. Ich fand sie optisch ziemlich putzig, sie sahen aus wie eine Amish-Truppe, die sich von der Kelly-Family aktuelle Mode-Tips hatte aufhalsen lassen. Ich hatte urspr√ľnglich auch nur ein Gespr√§ch mit ihnen angefangen um herauszufinden, ob dieses zierliche Ger√§t mit den blonden Z√∂pfen, die bis zum Hintern reichten, mit Anhang gekommen war, oder ob es sich lohnte, die Schaufel auszupacken.
Nat√ľrlich war sie mit ihrem Gatten am Start, aber bei dieser Gelegenheit hatte ich festgestellt, da√ü die Sauerl√§nder total gut drauf waren, so da√ü ich den Rest des Abends mit ihnen verbracht habe. Sp√§ter hatten sich auch noch einige andere aus meiner Clique zu uns gesellt, und wir haben ein gemeinsames ruhrp√∂ttisch-sauerl√§ndisches Kampftrinken veranstaltet.

Der Sch√§del brummt immer noch, als wenn er daf√ľr bezahlt w√ľrde, ein K√∂nigreich f√ľr einen Aspirin-Doppelpack. Aber daf√ľr m√ľ√üte ich erstmal wissen, wo ich hier √ľberhaupt gelandet bin und wo ich meine Klamotten versteckt habe. Vorsichtig √∂ffne ich die Augen, zun√§chst einen kleinen Spalt breit. Es ist nicht besonders hell, und ich kann auch keine direkte Lichtquelle erkennen. Trotzdem hell genug, da√ü ich die Augen gleich wieder schlie√üe.
Woran erinnert mich dieser verdammte Duft?

Der Sauerländer als solcher hat offensichtlich den genetischen Defekt, daß er sich Bierkonsum partout nicht ohne zeitnahen Genuß härterer Drogen vorstellen kann, so daß wir Ruhries, nachdem wir uns anfangs ebenso energisch wie auch vergeblich dagegen gesträubt hatten, vor jedem Bierchen mit einem "Original Sauerländer Doppelkorn" anstoßen mußten. Von diesem Zeug hatte die Truppe scheinbar die gesamte Monatsproduktion einer Kornbrennerei mitgeschleppt, weil trotz unseres maximalen Einsatzes die Vorräte nicht zur Neige zu gehen schienen.

Ganz langsam gewöhne ich meine Augen durch vorsichtiges Blinzeln ans -Tageslicht? Nee, eher Neon, nur nicht so hell.
Wo mag ich hier gelandet sein? Im Gästezimmer von Chrissie und Frannek? Alles, was ich sehe, ist weiß. Keine Möbel im Blickfeld, aber sie sind ja auch gerade erst eingezogen.
Ob ich mal einen behutsamen Positionswechsel wagen soll? Vorsichtig drehe ich den Kopf ein wenig zur linken Seite. Schmerzhaft, aber erträglich. Jetzt den Rest des Körper langsam nachziehen... verdammt, sind meine Gliedmaßen alle gleichzeitig eingeschlafen? Es tut sich nichts!

Nach was-weiß-ich wie vielen Korn-Bier-Kombinationen kam Blondies Ehemann auf den glorreichen Gedanken, in der Ruhr schwimmen zu gehen. Dieses Gewässer fließt in nur ein paar Metern Entfernung am Haus vorbei, und der Vorschlag stieß gleich auf viel Gegenliebe.
Ich selbst verabscheue es, zu fortgeschrittener Stunde Fl√ľssigkeit von au√üen an meinen K√∂rper zu lassen, wollte aber nicht als Spielverderber gelten. Deshalb griff ich zu einer, wie ich glaubte, cleveren L√∂sung:
"Nur planschen ist √∂de. Wenn schon, dann la√üt und doch von der Kanalbr√ľcke springen, die ist nur einen Kilometer von hier entfernt."
Gehofft hatte ich eigentlich, daß die anderen keinen Bock auf einen mitternächtlichen Marsch hätten und ausschließlich schwimmen wollten. Ich wäre aus dem Schneider gewesen, weil ich ja grundsätzlich Bereitschaft signalisiert hatte, aber eben nur unter verschärften Bedingungen.
Ein vielstimmiges "Jaaa, super Idee!" signalisierte mir, da√ü ich eine weitere Arschkarte gezogen hatte, denn dr√ľcken konnte ich mich ja nun wirklich nicht.
Also trabten wir fast geschlossen und mit fl√ľssiger Marschverpflegung in ausreichender Menge ausgestattet, wozu selbstverst√§ndlich auch der Korn geh√∂rte, zur Br√ľcke, wo immerhin acht Mann, zu denen ich zwangsl√§ufig auch geh√∂rte, auf dem Gel√§nder Aufstellung nahmen.
Vor dem entscheidenden Sprung gab es neben dem spontan kreierten "Sprung-Gedeck", nat√ľrlich bestehend aus Korn und Bier, noch einen gutgemeinten Rat aus dem Hintergrund: "La√üt doch den Bl√∂dsinn, ihr wi√üt doch gar nicht, wie tief das Wasser hier ist. Ihr k√∂nnt euch das Genick brechen!"
"Ja, Mami", rufe ich lachend zur√ľck, "bei Drei geht's los: Eins, zwei, drei...!"

Wieso kann ich mich nicht auf die Seite drehen? Und warum habe ich das Gef√ľhl, da√ü mir mein ganzer K√∂rper nicht mehr gehorcht? Und dieser seltsame Geruch nach... Krankenhaus...

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