Der Tod aus der Teekiste
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"Viele Autoren können schreiben, aber nur wenige können originell schreiben. Wir präsentieren Ihnen die Stecknadeln aus dem Heuhaufen."
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Juni 2001
Spurensuche
von Brigitte Tholen

In der feuchtwarmen Luft hing der Geruch nach frischen Kräutern wie Bärlauch, Zinnkraut und Rosmarin, die ordentlich gebündelt von den Balken der Decke herunterhingen. Das magere Pferd in dem kleinen Stall nebenan stampfte unruhig mit den Hufen und wieherte, als wittere es Gefahr. Dunkle Wolken als Vorboten des Gewitters hingen direkt über der Hütte.
Sie hockte auf ihrem Strohlager und spürte, wie die Angst in ihr hochkroch. Doch es war nicht das Gewitter, vor dem sie sich fürchtete, sondern das Trommeln von Fäusten an der Holztüre der kleinen Hütte und das Schreien und Grölen der Hexenjäger. Mit zitternden Gliedern stand sie auf und kroch verängstigt unter die Schaffelle und Stoffe, die Mutter einen Tag vorher in der Schlafkammer verstaut hatte, um sie für den Verkauf auszusortieren. Ihr Herz klopfte laut in den Ohren und sie befürchtete, die Männer, die jetzt in die Stube stürmten, würden sie hören. "Na du alte Hexe, bald wirst du auf dem Scheiterhaufen brennen", schrien sie die Mutter an. "Wo hast du denn deine Brut versteckt?" Gelächter ertönte. "Wir werden sie sowieso finden", höhnten sie und stürmten lärmend in die Schlafkammer.
Stühle fielen polternd um, Schränke wurden aufgerissen, Regale umgeworfen und jemand machte sich auch an dem Berg Decken zu schaffen, unter dem sie lag.
Plötzlich ertönte ein gewaltiger Donnerschlag und sekundenlang waren die Männer irritiert, abgelenkt. Ihre Mutter musste sich diesen Augenblick zu Nutze gemacht haben. Sie schien ihren Peinigern entwischt zu sein, denn die Männer eilten fluchend hinter ihr her.
Nur undeutlich hörte sie unter dem dicken Stoff den Lärm und das Gepolter von schweren Schritten, lautes Scheppern von Zinkbechern und einen schrillen Schrei. Der Schrei wiederholte sich gellend. Das Bersten von Holz war zu hören und immer wieder das Grollen des Donners. Sie wusste nicht, wie lange es gedauert hatte.
Bald waren nur noch gedämpfte Rufe und sich entfernendes Galoppieren zu hören. Dann war es still. Sie wagte nicht, sich zu rühren, bis ein merkwürdiger Geruch in ihre Nase drang. Vorsichtig kroch sie unter den Decken hervor. Das Zimmer war erfüllt mit stickigem, grauschwarzem Qualm. Hastig riss sie eine der Decken vor Mund und Nase. Züngelnde Flammen fraßen sich gierig durch das Holz. Eine höllische Hitze herrschte im Raum. Sie hustete und würgte, glaubte vor Entsetzen wahnsinnig zu werden. Voller Panik rannte sie zu dem kleinen Fenster, riss es auf und kletterte hinaus...

"Julia..., ganz ruhig. Sie sind vollkommen entspannt. Atmen Sie tief ein und aus. Ich schnippe jetzt mit den Fingern, dann öffnen Sie die Augen." Dr. Pechler hob seine Hand und schnalzte geräuschvoll mit Daumen und Zeigefinger. "Öffnen Sie jetzt Ihre Augen..."
Die Patientin rührte sich nicht. Ihre Augen blieben geschlossen, zuckten nur unruhig unter den Lidern. Leichter Schweiß stand auf ihrer Stirn. Irritiert stand Dr. Pechler auf und klopfte leicht auf ihre Wangen. "Kommen Sie, Julia, es ist vorbei. Wachen Sie auf!"
Sie rührte sich noch immer nicht. Nervös überprüfte der Arzt den Puls. Er raste und ihre Hände zuckten, als wolle sie ihn abwehren. "Julia, öffnen Sie jetzt Ihre Augen! Es geht Ihnen gut, Sie sind in meiner Klinik. Ihnen kann nichts passieren."
Die Patientin zeigte noch immer keine Reaktion. Ratlos fuhr er mit seinen Händen durch das Haar. Er hatte Julia Wittich seit drei Wochen auf seiner Station. Sie war Privatpatientin und litt jedes Mal unter Angst-Attacken, wenn der Geruch bestimmter Kräuter in ihre Nase kam. Schon zweimal hatte er es mit einer Rückführung in frühere Leben versucht. Eine Spurensuche nach dem Auslöser dieser Reaktionen.
Warum wachte sie diesmal nicht auf?
Er fühlte Panik aufsteigen, ging zum Schreibtisch und drückte auf den Knopf der Gegensprechanlage: "Schwester Agnes, bitte kommen Sie in den Behandlungsraum drei."
Die Patientin musste in ihr Zimmer gebracht werden. Er würde sich mit seinen Kollegen beraten. Im Augenblick blieb nur banges Warten und Hoffen. Körper und Seele waren fünfhundert Jahre voneinander entfernt...

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