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Juli 2001
Mein Nachtbuch
von Andreas Schröter

Ich bin soeben auf die Welt gekommen. Es war genau 21.47 Uhr. Jeder weiß, dass das der denkbar ungünstigste Zeitpunkt für diesen einzigartigen Moment ist. Es ist zu spät für den Glanz des vergangenen Tages und zu früh für das Licht des neuen Morgens. Deswegen bin ich zu dem Entschluss gekommen, kein Tagebuch zu führen - wie die meisten meiner Verwandten und Freunde - sondern ein Nachtbuch.

***

Ich lebe nun seit einer Stunde und habe die gesamte Tragweite meiner überaus traurigen Situation erfasst. Doch ich will kämpfen. Neben vielem anderen, was ich in meinem hoffentlich langen Leben erreichen will, nehme ich mir eines besonders fest vor: Ich will die Sonne sehen.
Das heißt, ich habe die Sonne natürlich schon gesehen. Auf Bildern, die ich in den Hinterlassenschaften meiner Eltern gefunden habe. Es muss herrlich sein, wenn sie scheint. Alles, was jetzt schwarz und bedrohlich wirkt, muss dann freundlich und optimistisch erscheinen. Was für eine wunderbare und doch so wenig glaubhafte Vorstellung!

***

Es ist 0.15 Uhr. Ich habe geheiratet. Meine Frau und ich haben uns entschieden, die Kinder so zu zeugen, dass sie um 8 Uhr auf die Welt kommen. Ihnen soll es einmal besser gehen als uns. Das heißt, meine Frau hat gute Chancen, die Sonne noch zu sehen. Sie ist erst um 23.45 Uhr geboren.

***

Es ist 4.13 Uhr. Ich spüre, wie meine Kräfte schwinden. Länger als ein oder zwei Stunden werde ich es nicht mehr aushalten. In zwei Stunden und 15 Minuten geht die Sonne auf. Oder kann ich es vielleicht doch noch schaffen? Wieder und wieder greife ich mir das Bild, das meine Eltern mir hinterlassen haben, und schaue mir bei Kerzenlicht diese prachtvolle Landschaft mit dem im Sonnenlicht glitzernden Flussbett an. Was haben sie doch für einen herrlichen Tag erwischt. Fast bin ich ein bisschen sauer auf sie, dass sie mein Leben nicht besser geplant haben.
Meine Frau und ich haben nun die notwendigen Vorbereitungen für die Geburt unserer Kinder um 8 Uhr in die Wege geleitet.

***

5.59 Uhr. ... schwach. Leben ... gelebt. Ausgefüllt und ... nicht beschweren ... aber die ...

Sonne

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6,27 Uhr ... Ich

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"Meine Damen und Herren, an dieser Stelle reißt dieses erschütternde Dokument ab. Um 6.28 Uhr ist die Sonne aufgegangen. Wir wissen nicht, ob der Autor dieses Nachtbuches sie tatsächlich noch vor seinem Tode gesehen hat. Aber eines wissen wir durch dieses und andere vergleichbare Funde nun mit Gewissheit: Die im brasilianischen Regenwald lebende und erst im Jahre 2002 entdeckte Halbtagsfliege (Ephemeroptera halbtagiensis) - eine Untergattung der bekannteren Eintagsfliege (Ephemeroptera)- gehört zu den intelligentesten Lebewesen unserer Erde."

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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