Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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Juli 2001
Der Astronom
von Klaus Eylmann

Zischend schlossen sich die Tueren und der gelbe Postbus fuhr an. Eine alte, dunkelgekleidete Frau hielt sich krampfhaft am Haltegriff fest, als sie muehsam die Stufen zum Gang emporstieg. Sie war der einzige Fahrgast, der An der Moehle, der letzten Haltestelle vor der Endstation in Horsdorp an der Wuemme, zugestiegen war. Kalt war es in dem Bus, der nun Fahrt aufnahm und die von Kastanienbaeumen umsaeumte Landstrasse entlangratterte. Die alte Frau blickte zum Fenster hinaus. Behaebig floss neben der Strasse in einiger Entfernung die Wuemme dahin, wurde von der Fahrbahn ueberquert und setzte den Weg links von ihr fort, bog dann nach Westen ab und verlor sich am Horizont. Das gelbe Schild mit der Aufschrift Horsdorp an der Wuemme, Kreis Duenkelskirchen kam in Sicht, der Bus verringerte seine Geschwindigkeit, fuhr am Autohaendler sowie an der Apotheke vorbei und hielt vor dem Gasthof Zum Roten Ochsen. - Endstation.
Der Fahrer drueckte einen Knopf, es zischte und die Tueren des Busses oeffneten sich. Die alte Frau stieg unbeholfen aus dem Fahrzeug, waehrend der Fahrer sich erhob und das Richtungsschild von Horsdorp durch das von Duenkelskirchen ersetzte. Danach kletterte auch er aus dem Bus und ging in die Gaststube. Durch die Butzenscheiben drang gedaempftes Tageslicht, warf die Schatten der Fensterkreuze auf den Tresen, hinter dem eine verhaermt aussehende Frau wirtschaftete.
Der Fahrer blickte um sich, bevor er sich an einen Tisch setzte. Er war der einzige Gast.
"Guten Tag, Anna. Einen Kaffee bitte. Wie gehts denn so?"
"Frag mich nicht, Otto." Anne goss den Kaffee in eine Tasse und nahm ein Stueck Kuchen aus der Glasvitrine.
"Frag mich nicht."
"Ich weiss, du trauerst immer noch deinem Ex hinterher. Das solltest du dir langsam abgewoehnen. Denk an etwas anderes, schaff dir doch ein paar Hobbies an."
Anna schien schlecht gelaunt, als sie die Tasse mit dem Kaffee und den Teller mit dem Kuchen vor ihn auf den Tisch stellte. Ihr muerrisches Gesicht hellte sich auch nicht auf, als Otto seinen Arm um sie legte.
"Anna, du weisst, auch ich bin allein. Aber ich habe immer etwas um die Ohren. Der Astronomiekurs an der Volkshochschule von Duenkelskirchen ist so interessant und man lernt nette Leute kennen. So etwas solltest du auch mal machen."
"Ja, zwei mal die Woche dreissig Kilometer nach Duenkelskirchen, das hat mir gerade noch gefehlt."
"Und," Anna loeste sich aus seinem Griff. "Und ausserdem habe ich keine Zeit. Auch wenn hier nur am Wochenende Betrieb ist, wir machen erst gegen Mitternacht Schluss. Wenn ich dann nach Hause komme, bin ich noch so aufgedreht, dass ich nicht einschlafen kann. Der Kuchen ist von mir. Den brauchst du nicht zu bezahlen."
"Danke," erwiderte Otto mit vollem Mund. "Du bist so nett zu mir. Was haeltst du davon, wenn ich dich mal an deinem freien Abend besuche?"
"Ich weiss nicht recht."
Sie sagt nicht nein, dachte Otto.
"Nun sag schon ja. Fuer mich sind dreissig Kilometer ein Klacks. Ich bin das Autofahren gewohnt."
Anna blickte Otto pruefend ins Gesicht.
"Nun gut, dann sagen wir naechsten Dienstag gegen sieben Uhr abends. Ich schreibe dir noch meine Adresse auf." Anna zog einen Kugelschreiber aus der Schuerzentasche, griff nach einem Bierdeckel und schrieb ihre Adresse darauf.
"Hier ist sie. Du brauchst zu Hause nichts zu essen. Ich werde dir etwas kochen."
Otto steckte den Bierdeckel ein und sah auf die Uhr. "Ich muss los, Anna und noch mal vielen Dank fuer den Kuchen." Dann war Otto verschwunden. Anna hoerte noch, wie der Postbus anfuhr und sich Richtung Duenkelskirchen entfernte. Sie war wieder allein in der Gaststube, allein mit ihren Gedanken. Otto strahlte Zuverlaessigkeit aus. Er war zwar kein Beau, aber wer war das noch mit fuenfzig. So alt war er wohl, und sie selbst war ja auch keine Schoenheit. Ihr schien, als sei Otto jemand, mit dem man sich bei einem Glas Wein angenehm unterhalten, der die Spinnweben ihrer trueben Gedanken, die sie umhuellten, wenn sie allein war, durch seine Anwesenheit einfach wegpusten konnte.

Otto kam auch die anderen Tage vorbei, immer dann, wenn sein Bus in Horsdorp vor dem Roten Ochsen auf Fahrgaeste wartete. Er sprach mit Anna ueber dieses und jenes, nur nicht ueber seinen bevorstehenden Besuch, bis Anna es nicht mehr aushielt: "Otto, du kommst doch am Dienstag?"
"Natuerlich komme ich. Ich freue mich schon darauf. Bei euch ist es so schoen dunkel."
Was soll das denn nun wieder heissen? fragte sich Anna.

Dienstag, am Gaststaettenruhetag war es soweit. Es war Annas freier Tag und sie hatte einige Stunden damit verbracht, das Abendessen zuzubereiten.
Als Otto aus seinem kleinen Ford stieg und mit einem Strauss gelber Rosen auf Annas Haus zuging, war es bereits dunkel geworden. Die Tuer oeffnete sich, als ob Anna hinter der Gardine auf ihn gewartet haette.
"Otto, komm herein. Und was fuer schoene Rosen, die werde ich gleich ins Wasser stellen. Das waere doch wirklich nicht noetig gewesen." Anna vergrub ihr Gesicht in dem Blumenstrauss.
"Es ist verflucht kalt draussen, Anna, was duftet denn hier so verfuehrerisch?"
"Boeuf a la Mode."
"Boef was?"
Otto nahm im Wohnzimmer am Esstisch Platz, waehrend Anna auftrug.
Sie setzte sich ihm gegenueber und schenkte sein Glas voll.
"Prost Anna. Was ist das fuer ein Roter?" Otto griff nach der Rotweinflasche und las: "DOC. DOC ist immer gut. Da hast du was Gutes ausgesucht. Und das Boef, wie es duftet!" Otto fuellte seinen Teller und schlang das Essen hinunter. Nach einigen Minuten war er damit fertig.
"Also, ich habe eine Ueberraschung." Otto erhob sich. "Ich muss nur schnell zum Wagen. Bin gleich wieder zurueck."
Anna blickte zum Fenster hinaus. Es war zu dunkel, um zu erkennen, was Otto anschleppte. Er kam auch gar nicht ins Haus, sondern setzte seine Last im Vorgarten ab.
Anna riss die Tuer auf. "Otto, was hast du da?"
"Komm her, und sieh dir das an, aber zieh dir was ueber. Es ist verdammt kalt hier draussen!"
Anna zog einen Mantel an und ging zu Otto hinaus.
"Sieh dir das Teleskop an. Ist es nicht ein Prachtstueck? Es hat einen 25 cm Spiegel. Ich habe vor, mir von hier aus die Sterne anzusehen. In Duenkelskirchen ist es einfach zu hell, da sieht man nicht viel. Und in dieser kalten, sternenklaren Nacht sind die Sterne am Himmel ganz deutlich zu erkennen.
Anna stell bitte die Klappstuehle auf, waehrend ich das Teleskop richte."
Wie benommen baute Anna die beiden Klappstuehle auf, die Otto aus dem Kofferraum seines Wagens gezogen und auf den Rasen gelegt hatte.
Otto setzte sich auf einen der beiden Stuehle und justierte das Teleskop, dann stand er wieder auf.
"So, ich habe das Fernrohr auf den Mond gerichtet. Setze dich auf diesen Stuhl und sieh mal durch das Okular. Ist es nicht wunderbar, wie deutlich die Krater und die Berge zu sehen sind?"
Anna blickte durch das Teleskop, sah die Krater Tycho, Langrenius und die Mare Nubium, Crisium. Sie sagten ihr nichts.
"Na, was meinst du, Anna? Ist das nicht phantastisch? Und sieh dir mal den Sternenhimmel an. Fuer die Sternbilder braucht man nicht unbedingt ein Teleskop." Otto setzte sich auf den Stuhl neben ihr und zeigte nach oben.
"Oben im Norden siehst du den Grossen Baeren und rechts daneben den Kleinen Baeren. Noch weiter rechts haben wir den Drachen und das Sternbild des Herkules. Siehst du die vier Sterne dort, die ein Rechteck bilden, vom dem aus drei andere Sterne nach oben zeigen? Also das ist der Kleine Baer oder Ursa Minor, dessen hellste Sterne den kleinen Wagen bilden, wo drei Sterne wie eine Deichsel aussehen, und der oberste Stern, der besonders hell leuchtet, ist der Polarstern. Wenn du den siehst, dann weisst du, wo Norden liegt.
Das Sternbild rechts davon ist der Drachen. Drei Sterne des Drachens, die wie ein Dreieck aussehen, haben einen Nachbarstern, der heisst Kuma. Sieh dir den einmal durch das Teleskop an. Warte, ich stelle es dir mal ein." Otto kniete sich neben Anna auf den Boden und machte sich am Fernrohr zu schaffen. "So, sieh jetzt mal durch." Anna starrte in das Okular.
"Nun siehst du, Anna, Kuma besteht in Wirklichkeit aus zwei nebeneinanderliegenden Sternen. Es ist ein Doppelstern. Ist das nicht aufregend?"
Anna sagte nichts. Wie versteinert sass sie auf dem Klappstuhl und fror. Was sollte das alles? In zehn Meter Entfernung lag ihr gemuetliches Wohnzimmer, standen Kerzen und ein Valpolicella auf dem Tisch. Und nun? Die Ereignisse dieser Nacht waren ihrer Kontrolle entglitten, hatten eine eigene Dynamik entwickelt. Hilflos fand sie sich Ottos Redeschwall ausgeliefert.
"In der Volkshochschule haben wir ja nicht nur die Sternbilder kennengelernt, sondern auch viel ueber die Geschichte der Astronomie gehoert. So hat zum Beispiel Galilei vier Monde gesehen, die den Jupiter umkreisten. Die Erde mit nur einem Mond konnte nicht der Mittelpunkt des Universums sein, wie damals angenommen wurde. Spaeter hatte Johannes Kepler entdeckt, dass die Planetenbahnen elliptisch sind. Darueber hinaus wurden wir auch in die Astrophysik eingefuehrt. Sagt dir der Begriff Hertzsprung-Russel Diagramm etwas?"
"Nein, Otto. Das sagt mir ueberhaupt nichts. Kannst du mir das nicht im Haus erklaeren? Mir wird kalt."
"Spaeter," meinte Otto und hantierte am Teleskop. "Ich stelle es jetzt auf die Zone zwischen Mars und Jupiter ein. Dort haben wir den Asteroidenguertel. Etwa eintausendeinhundert Asteroiden schwirren dort herum. – Lass mal sehen, ich glaube jetzt hab ich's. Ja, und etwa die Haelfte davon ist erst katalogisiert. Stelle dir mal vor, ich finde einen, der noch keinen Namen hat, den koennen wir nach dir oder nach mir benennen. Was meinst du dazu, Anna?"
Ottos Blick loeste sich vom Teleskop. Er sah zur Seite. Der zweite Stuhl war leer. Otto schuettelte den Kopf und versuchte einige Asteroiden zu erkennen. Es gelang ihm nicht. Sein Fernrohr war nicht stark genug. Er stellte es auf den Mars ein, der hellroetlich schimmernd am Nachthimmel stand.
Er dachte an die geplante Marsexpedition der NASA, an die siebenundfuenfzig Millionen Kilometer, die zurueckzulegen waren, an die zweihundertzwanzig Tage, die eine Besatzung im Raumschiff verbringen musste, und das wegen ein paar Bakterien, welche die NASA dort zu finden hoffte.
Nun, es ging auch um eine moegliche Kolonisierung. Otto waere gern dabei gewesen, doch er musste seinen Bus weiterfahren. Wenn er in einer Milliarde von Jahren in der Zukunft leben wuerde, dann waere es einfacher. Dann haetten sie weiter in den Raum hinaus gemusst, weil sich die Sonne zu einem Roten Riesen aufblaehen und alles auf der Erde verbrennen wuerde. Aber nun ja, dachte Otto resigniert, nun sass er des nachts in Annas Vorgarten, blickte durch das Teleskop und am naechsten Morgen wuerde er wieder seinen Bus lenken. Zum Glueck brauchte er erst nachmittags seinen Dienst anzutreten. War Anna schon schlafen gegangen? Auch ihm wurde kalt.
Otto erhob sich und trug die Stuehle und das Teleskop zum Wagen zurueck. Der Schein der Strassenlaternen spiegelte sich auf der Strasse. Sie war vereist. Otto blieb unschluessig vor dem Wagen stehen, dann ging er in den Vorgarten zurueck und auf das Haus zu. Zoegernd klopfte er ein paar mal an die Tuer. Sie oeffnete sich nicht. Otto versuchte es noch einmal. Die Tuer blieb verschlossen. Er schaute auf das Fenster des Wohnzimmers. Das Zimmer war dunkel.
Verdammter Mist. Da habe ich was falsch gemacht. Er blickte auf die Uhr: kurz nach Mitternacht - und stieg in seinen kleinen Wagen, mit dem er in quaelender Langsamkeit ueber die vereiste Landstrasse die dreissig Kilometer nach Duenkelskirchen zurueckfuhr.

Sie sprachen nicht mehr ueber diese Nacht miteinander. Sie sprachen ueberhaupt nicht mehr miteinander. Wann immer Otto im Roten Ochsen erschien, bestellte er seinen Kaffee, Anna knallte die Tasse auf seinen Tisch, kassierte und verschwand hinter dem Tresen.

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