Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Juli 2001
Scherben
von Katja Nathalie Obring

Als ich nach dem Tode meiner Mutter ihr Photoalbum durchblättere, stoße ich auf ein Photo, das ich nie zuvor gesehen habe. Es ist eine Schwarzweißaufnahme, auf der man zwei junge Frauen sieht. Die beiden sind wohl Anfang zwanzig, und sie tragen ausgeblichene Jeanshosen, deren Schenkel aufgemalte Peace-Zeichen zieren.
Ich erkenne meine Mutter; die andere muß ihre Freundin Esther sein. Ich studiere das Bild und versuche, die sympathische junge Frau dieser Aufnahme mit meiner Erinnerung in Einklang zu bringen. Es geling mir nicht. Hartnäckig taucht dieses andere Bild auf. Meine Mutter, schmallippig, wie sie mir entgegenschleudert: "Und damals, da hast du nicht geträumt – dein ach so toller Vater hat mich tatsächlich in deinem Zimmer, vor deinen Augen verprügelt. Na, was sagst du jetzt?!"
Ich sagte gar nichts, und ich hätte auch nicht gewußt zu wem, denn meine Mutter war rausgerannt und hatte sich im Schlafzimmer eingeschlossen. Ich saß wie betäubt da – nicht, daß ich es nicht längst schon gewußt hätte; was mich wirkich verletzte war die unnötige Bosheit.
Denn eigentlich hatten wir uns nur über die Art wie ich mich kleidete gestritten. Ich war achtzehn, zehn Monate vorher ausgezogen, und nach einer anfänglichen Komplettpause hatten meine Mutter und ich gerade wieder angefangen, miteinander zu reden. Ich stand auf, zog meine Jacke an und verließ das Haus, in das ich bis heute nicht zurückgekehrt war.
Ich blättere zum nächsten Blatt, und da ist ein Photo, das uns alle beim Essen zeigt. Ich sehe an den Frisuren, daß es vor dem Tode meines Vaters aufgenommen wurde. Er ist nicht auf dem Photo, also ist er wohl der Photograph. Ein Fest; das gute Geschirr steht auf dem Tisch, Rosenthal, Weinlaub. Ich stehe auf und gehe in die Küche. Da ist das Geschirr im Schrank, ich zähle: sechs Suppentassen, sieben dazu passende Unterteller. An jenem Tag hatte ich meiner Mutter beim Abtrocknen geholfen. Ich wollte mit ihr reden, über die vorangegangene Nacht.
Während ich mich schlaflos vor Aufregung im Bett hin- und herwältzte wurde im Wohnzimmer der Fernseher immer lauter aufgedreht. Ich wußte, meine Eltern taten das, damit ich nicht hören könnte, wie sie sich anschrieen. Ich zog mir die Decke über die Ohren und versuchte einzuschlafen. Ich versank in einen Dämmerzustand, halb wach, halb schlafend. Als plötzlich die Tür aufgeflogen war und meine Mutter ins Zimmer torkelte, wähnt ich mich im Traum. Mein Vater stürmte hinterher und schlug unaufhörlich auf meine Mutter ein. Sie floh in die entfernteste Ecke, wo sie sich unter dem Schreibtisch zusammen kauerte. Mein Vater versuchte, sie hervorzerren, doch es gelang ihm nicht. Meine Mutter wimmerte unaufhörlich: "Nicht vor dem Kind, nicht vor dem Kind, oh Gott, denk doch an das Kind!" Schließlich gab mein Vater auf und verließ das Zimmer. Meine Mutter blieb unter dem Schreibtisch sitzen. Ich wußte nicht, was tun, und als ich am nächsten Morgen aufwachte, sah mein Zimmer aus wie immer.
Meine Mutter hatte mich geweckt, und als ich ihr von meinem nächtlichen Erlebnis erzähte, strich sie mir über den Kopf und sagte: "Aber nein, das hast du nur geträumt, ein Albtraum, von der Aufregung." Es war Heiligabend, und es ergab sich keine Gelegenheit mehr, allein mit meiner Mutter zu sprechen – bis zum Abwasch. Im Wohnzimmer saßen meine Großmutter, meine beiden Onkel, mein Vater, meine Tante. In der Küche dann, endlich, die langersehnte Gelegenheit: "Du, Mami?"
"Was denn? Geschenke gibt's nach dem Essen, aber die warten auf uns, keine Sorge."
Ich traute mich einfach nicht, ich konnte die Frage nicht heraus bekommen. Fieberhaft überlegte ich. Ich stellte die Suppentasse, die ich eben abtrocknete, auf den Boden, denn zuerst mußten die Teller eingeräumt werden, und die hatte meine Mutter noch nicht gespült. Während ich wartete, sah ich meiner Mutter zu, wie sie mit hochgekrempelten Ärmeln im schaumigen Wassser wühlte. Da wußte ich es: "Was hast du denn da am Arm?"
Meine Mutter fuhr herum und sagte hastig: "Ach, das ist nichts." Nun fiel mir ihre geschwollenene Lippe auf. Ich sah zu Boden, doch mein Blick blieb an ihrem Bein hängen: bei der Bewegung war ihr Rock heraufgerutscht, und ich sah ein riesiges, beinahe schwarzes Hämatom an ihrem Oberschenkel. Ich deutet darauf und fragte: "Und das?" Meine Mutter schoß vor, um mir auf den Finger zu hauen, man zeigt nicht mit nacktem Finger auf angzogenen Leute, dabei stolperte sie und machte eine Ausfallschritt nach vorn. Sie knallte gegen die Schranktür, diese gegen die Suppentasse, die mit lautem Klirren zerbrach. Statt des Klapses auf die Hand bekam ich eine Ohrfeige, und meine Mutter schrie mich an: "Weißt du, was so eine Tasse kostet? Sechzig Mark! Du bekommst solange kein Taschengeld, bis die neue bezahlt ist!"
Mir blieb die Luft weg – hatte ich etwa gegen die Schranktür getreten? Ich sagte: "Aber ich hab' doch gar nichts gemacht."
Meine Mutter lief puterrot an, rief meinen Vater in die Küche und erteilte ihm den Auftrag, mit mir in mein Zimmer zu gehen und mir den Hintern zu versohlen. Er führte mich wortlos ab. In meinem Zimmer angekommen, lehnte er die Tür an, schloß sie aber nicht.
"Damit sie uns gut hören kann," flüsterte er mir zu, dann kniff er ein Auge zu und fing an, in die Hände zu klatschen. Langsam. Laut. Ich starrte ihn aus tellergroßen Augen an – mein Hirn stand einfach still.
"Nun schrei doch endlich!" zischte mein Vater. Ich öffnete den Mund, doch heraus kam irres Gekicher.
"Du sollst schreien! Gleich fliegen wir auf!" Wie recht er hatte: in diesem Moment kam meine Mutter herein, sah mich lachen, meinen Vater, in der Hüfte gebeugt, wie er in die Hände klatschte, genau in dem Moment: "Klatsch!", und sie kniff den Mund zusammen und ging schweigend wieder hinaus. Den Rest des Tages sprach sie kein Wort mehr mit mit, und eine Woche später bekam ich kommentarlos und ganz wie immer mein Taschengeld ausbezahlt.
Zwanzig Jahre später stehe ich in ihrer Küche mit dem siebten Unterteller in der Hand. Ich höre ein Geräusch hinter mir: Klaus, der zweite Ehemann meiner Mutter. "Wißt ihr denn nicht, daß Unterteller ohne Tasse wertlos sind?" frage ich und lasse den Teller fallen. Er fällt zu Boden, doch er zerbricht nicht.

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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