Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Juli 2001
Nachtfieber
von Angelika Walk

Eine einzige Nacht hatte sein Leben total verändert. Er wiederholte diese Nacht immer wieder. So auch an jenem Abend.

Er lebte auf, wenn es dunkel wurde. Die Müdigkeit des Tages fiel von ihm ab und das Blut pulsierte in seinen Adern. Das Blut floss schneller und trieb ihn an. Sobald die Dunkelheit hervorkroch, die Lampen der Straßen brannten, begann ihn eine Unruhe zu erfassen, die ihn dazu zwang, schnellstens unter die Dusche zu gehen, danach seine Lederkluft überzuschmeißen und sich auf seine Harley Davidson zu setzen. Bevor er die Maschine startet, streichelte er sie und begann zu grinsen. "Eher verkauf ich meine Großmutter als meine Harley!" war ein Satz, den er sehr oft in den letzten Wochen gesagt hatte, wenn die Jungs versuchten ihm die Harley abzukaufen.

Die Harley war sehr hilfreich, um Zugang zu den Motorradgangs zu finden. Es war schwer, ihr Vertrauen zu wecken, zumal sie bald merkten, das er ANDERS war, eben ganz anders als sie selbst. Aber die "noch unverdorbenen" unter ihnen akzeptierten ihn schnell. Die "weniger" guten, ließen ihn in gewähren, solange sie die Harley bewundern und auch ab zu zu mal fahren konnten.
Er schaute auf seine Uhr, ließ die Maschine an und lauschte dem unverkennbaren, heiß geliebten Harley Sound. Dann gab er Gas.

Er fuhr in gemächlichem Tempo durch die Stadt Page, bis er den Highway erreichte. Auf der breiten, freien Straße schien sich jedesmal die Harley zu verselbstständigen, bis sie die Höchstgeschwindigkeit erreicht hatte. Bei Monument Valley, an einem heruntergekommenem Motel, warteten die anderen Kumpel auf ihn. Zu fünft sausten sie den Highway weiter entlang. Sie fuhren langsam, dann schneller. Der eine gab Gas um die anderen zu überholen, verlangsamte um dann wieder von den anderen überholt zu werden.. Die Nacht war nicht schwül, der Himmel klar, so das sie die Fahrt genießen konnten. So zogen sich die Meilen dahin, während es in seinen Ohren dröhnte. Sie verließen den Highway und fuhren durch staubige Straßen in eine Gott verlassene Gegend, bis sie in eine kleine Ortschaft in der Nähe des Navaho Reservates angelangt waren. Es gab ein schäbiges Drive-Inn. Weiter Mitglieder der Gang hatten inzwischen schon die Gegend unsicher gemacht.Ihn wunderte, das die State-Trooper noch nicht eingegriffen hatte, aber der Radau hielt sich noch in Grenzen und schien in dieser Gegend niemanden wirklich zu stören, oder man war es bereits gewohnt. Jedes Wochenende trafen sie sich hier.
Seit drei Monaten war er nun schon in dieser Gang und hatte sein Ziel noch nicht erreicht. Es schien schwieriger als erwartet. Doch er hatte Geduld. Wie so oft in den letzten Jahren. Vier mal hatte er inzwischen die Motorradgang gewechselt.Den Staat brauchte er nie zu wechseln, denn er war immer unter falschem Namen unterwegs und keiner kannte seine wahre Identität. Wenn er dies hier erledigt hätte, wäre es wieder an der Zeit sich eine neue zu suchen. Er hatte sich inzwischen einen Kaffee besorgt. Angewidert schlürfte er die scheinbar wieder aufgewärmte Brühe. Eine fette, ungepflegte und schmutzig bekleidete Bedienung hatte ihm den Pappbecher überreicht und darauf hingewiesen, das das " gute" Geschirr nur für das Restaurant gedacht sei. Er krauste die Stirn bei diesem Wort und rümpfte die Nase, während er sich nach draußen begab. Es roch unangenehm nach altem Fett und verbranntem Fleisch und er war froh, als er raus trat und die frische Luft einsaugen konnte. Er stand abseits der Gruppe und beobachtete die jungen Burschen der Gang. Es gab einige anständige unter ihnen, die nur den richtigen Weg noch nicht gefunden hatten, und solche wie Hank.
Die Gang hatten sich um Hank versammelt. Ab und zu ließen sie die Motoren dröhnen, um die Aufmerksamkeit der Mädels auf sich zu ziehen. Er hätte gern den Geräuschen der Natur in dieser klaren Nacht gelauscht, doch der Krach der Truppe übertönte alles. Sie schrien, lachten und sangen. schmissen achtlos die leeren Bierflaschen hinter sich, die mit einem unschönen Geräusch auf dem Asphalt zerschellten. Er schüttelte missmutig den Kopf. Er sehnte sich nach dem frischen Fahrtwind und dem Geruch einer schönen Frau. Fast hätte er sich entschlossen sich auf seine Harley zu schwingen und zu verschwinden.
Doch dann kam "Sie"
Sie hieß Susan, war knapp 19 Jahre alt und süß. Fast so süß wie... Er schüttelte den Kopf um die lästigen Gedanken, die ihn befielen abzuschütteln. Er hatte keine Zeit jetzt an die Vergangenheit zu denken. Er wollte sich nur auf Susan konzentrieren.
"SIE" war der Grund für sein momentanes Nachtfieber. "Sie" war der Grund dafür, dass er sich dieser Gang angeschlossen hatte. Er lächelte sie an, doch sie ging ohne ein Wort an ihm vorbei und schlenderte lässig Richtung Hank. Sie wollte Hank.

Hank war der Boss!

Er sah ihr traurig nach. Was fand sie nur an Hank? Hank war ein Arschloch. Zugegeben er war ein gut aussehender Bursche, aber er prügelte sich ständig, soff wie ein Loch, nahm Drogen und hatte fast monatlich ein neues Mädchen, die er, nachdem er sie ins Bett gezerrt hatte, in den Wind schoss. Er benutzte die Mädchen, brachte sie irgendwie auch an die Drogen und oft endeten sie auf dem Strich.Man konnte Hank nie etwas nachweisen, aber er wusste, das er auch als Zuhälter eine Menge an Kohle verdiente. Er verstand einfach nicht, was die Frauen an ihm fanden, denn außer das er den Vorteil hatte, gut auszusehen, hatte Hank nichts.
Er überlegte, ob er die Gang verlassen sollte. Doch dann sah er in ihr Gesicht. Sah die noch unschuldigen, braunen Augen, die gepflegten Hände, die noch keine wirkliche Arbeit gesehen hatten. Trotz der entsetzlichen Familienverhältnisse schien sie sich eine Unschuld bewahrt zu haben, die ihn faszinierte. Und dann ihr ansteckendes, ehrliches Lachen.
"Nein, ich kann jetzt noch nicht aufgeben. Jetzt noch nicht!"
Er wollte irgendwie verhindern, das sie sich ins Unglück stürzte.
Er hatte Gesprächsfetzen mitbekommen, wenn sie sich mal mit Hank unterhalten hatte. Doch meistens ließ Hank sie abblitzen. Hanks Methode, sich interessant zu machen. Wieso dies meist funktionierte verstand er nicht.


Hank zeigte zum wiederholten Male kein Interesse an ihr und ließ sie links liegen, beachtete sie einfach nicht. Hanks Augen wanderten in seine Richtung. Als sich ihre Blicke trafen, begann Hank breit zu grinsen und deutete ein Kopfnicken an. "Hatte Hank hin und wieder doch noch sowas wie Skrupel?" dachte er. Doch bevor er sich weiter darum Gedanken machen konnte, witterte er seine Chance und sprach sie an. Sie ließ sich auf ein Gespräch mit ihm ein. Sie wollte etwas erleben. Sie wollte raus aus diesem Nest. Der Vater schlug sie, seit die Mutter vor kurzem gestorben war. Ihr Bruder war ein Säufer.Wenn er richtig zu war, versuchte er sie zu vergewaltigen, seit sie frauliche Formen angenommen hatte. Nach drei Stunden Gespräch ging sie nach Hause, packte ihre Tasche und brach alle Brücken hinter sich ab. Sie fuhr mit ihm in eine andere Welt. Vertrauensvoll lehnte sie sich an seinen Rücken, während sie den Highway zurück brausten. Er roch ihr dezentes Parfüm. Er kannte diesen Geruch.
Auch seine kleine Schwester hatte dieses Parfüm benutzt. Ein wehmütiges, tieftrauriges Gefühl bekroch ihn. Erst als Susan mit ihm vor seiner Ranch stand und munter drauf losplapperte, verschwanden diese, ihn bedrückenden Gefühle wieder. Es wich einem Gefühl der tiefen Befriedigung, wenn er ihrer klaren Stimme und und ihrem Lachen lauschte.

Bei ihm war sie gut aufgehoben. Besser als sonst wo auf dieser Welt. Er sorgte für sie. Er zahlte ihre Ausbildung und ein Studium. Sein Nachtfieber war schon eine ganze Weile gesunken. Einige Jahre nach dieser Nacht verabschiedete sie sich von ihm:
"Bye Grandpa! Und vielen Dank für alles!"
Er war 67 Jahre alt, eigentlich schon in Rente, doch immernoch ein Streetworker der besonderen Art. Er kam, wie man so sagt, aus gutem Haus, hatte Grundstücke geerbt und somit die finanziellen Möglichkeiten, sich den Luxus zu leisten, junge Mädchen zu retten. Seit er vor 35 Jahren, seine kleine Schwester aus einer Motorradgang rauskämpfte, und zusehen musste, wie seine Schwester an den Folgen des Drogenkonsums starb, hatte er sich dem Milieu verschrieben. Als ausgebildeter Jugendpsychologe fand er schnell einen Job der ihn zum Streetworker machte. Doch auch nach seinem wohlverdienten Ruhestand ließ ihn diese Unruhe, die ihn in unregelmäßigen Abständen befiel nicht los.

Kaum hatte sie die Türe geschlossen, dachte er an seinen ehemaligen Kollegen. Er hatte ihm von einer neuen Motorradbande erzählt, die sich bevorzugt an noch minderjährige Mädchen heranmachte.
Er wartete auf die Dämmerung.

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