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Juli 2001
In Teufels Namen
von Michaela Grollegg

Zusammengesunken saß Joe auf dem wackligen Holzstuhl und starrte auf seine gefesselten Hände, als wären sie Fremdkörper, die gar nicht zu ihm gehörten..
Die Alkoholschwaden verzogen sich langsam aus seinem Gehirn und nur das heftige Pochen in seinem Kopf verhinderte seine Konzentration auf die Geschehnisse der vergangenen Nacht.
Der fette Polizist stand wie ein drohendes Ungetüm vor ihm. "Das ist die irrste Geschichte, die ich jemals im Leben gehört habe," meinte er grinsend und schob sich eine Zigarette in den Mund. Während er das tat, trat er näher an ihn heran. Joe wandte sich ekelerfüllt ab, als ihm der starke Schweißgeruch des Polizisten in die Nase stieg.
Das Grinsen verschwand aus dessen Gesicht. Er packte Joe am Kragen seines Hemdes und zwang ihn, ihm in die Augen zu sehen.
"Du kommst dir reichlich schlau vor, was! Aber damit wirst du nicht davon kommen, du kleines Arschloch!" Er ließ ihn so abrupt los, dass Joe beinahe vom Stuhl fiel. "Der Teufel soll dich holen", knurrte der Polizist und wollte sich schon abwenden, als Joe, wie von der Tarantel gestochen, hochfuhr. Seine Finger zitterten unkontrolliert, als sie sich in die Uniformjacke des Mannes vergruben.
"Der Teufel......- der Teufel? Der Teufel hat mich schon geholt", schrie er und brach plötzlich in hysterisches Gelächter aus.
Der Polizist schien angesichts des plötzlichen Aufbegehrens seines bisher eher lethargisch wirkenden Gefangen, irritiert und schüttelte ihn nur halbherzig ab. "Mann, du bist ja völlig durchgeknallt", murmelte er, als er in Joes weit aufgerissene Augen sah.

*

Joe erinnerte sich später, dass dieser Abend genauso öde begonnen hatte, wie schon viele zuvor in den letzten Wochen.
Seit Corinna ihm nach einem heftigen Streit gedroht hatte, sich scheiden zu lassen, herrschte sozusagen Funkstille zwischen ihnen.
Während sie sich nur noch vor den Fernseher zurückzog, hatte Joe es sich zur Angewohnheit gemacht, bis spät nachts bei Rosi in der Bar Whiskys zu kippen und dabei sein Leid zu klagen. Die mütterliche Rosi, als ehemalige Puffmutter mit solcherlei Problemen bestens vertraut, drückte ihn dann meist an ihre gewaltige Brust und schenkte noch einen Hochprozentigen nach. Es vermittelte Joe auf eine seltsame Weise das Gefühl von Geborgenheit, obgleich es meist nie länger anhielt und mit dem Kater am nächsten Morgen verschwunden war.
Doch an diesem Abend war irgendetwas anders. Joe spürte es schon, als er die Bar betrat.
Er war in besonders schlechter Stimmung und sehnte sich umso mehr nach Rosis Mitgefühl.
Eine Horde junger Nachtschwärmer, allesamt schon voll bis obenhin, hatte die Theke bevölkert und nichts anderes zu tun als ordinäre Witze durch das Lokal zu brüllen.
Joe blickte missmutig Rosis Richtung, die voller Freude über die spendierfreudigen Gäste, auch noch lauthals mitlachte.
Joe wurde, nachdem Rosi ihm nicht die gewünschte Aufmerksamkeit schenkte, immer gereizter und war nach wenigen Minuten in einen heftigen Streit mit einem der Burschen verwickelt.
Ein provozierender Blick hatte gereicht, um den Typen auf sich aufmerksam zu machen.
Es begann mit eher harmlosen Drohgebärden und Sprüchen.
Irgendwann jedoch standen sich die beiden Kontrahenten wie zwei konkurrierende Rüden gegenüber, die an den Baum pinkelnd ihr Revier zu verteidigen versuchten.
Joe, von der Statur her eher schmächtig geraten; und auch in seinem Wesen alles andere als aggressiv, kannte sich selbst nicht wieder.
Vermutlich lag es am permanent hohen Stresspegel der letzten Wochen, oder auch an den übermäßig genossenen Jack Daniel`s, dass er plötzlich ausrastete.
Während Rosi die Situation mit Humor zu entschärfen versuchte, kam Joe jener verhängnisvolle Satz über die Lippen, der diese Nacht in einen Albtraum verwandeln sollte.
"Ich fahr mit dir zur Hölle und lehr` dir noch das fürchten, Bürschchen!"

Obwohl es beinahe lächerlich wirkte wie Joe in seinem gepflegten Anzug und mit einer Größe von knapp einssiebenundsechzig zwischen den, in Lederkluft gleich noch brutaler wirkenden, Jungs stand und seine Drohung förmlich ausspuckte; schienen seine Worte ihre Wirkung nicht verfehlt zu haben. Wahrscheinlicher war jedoch, dass sie sich gerade von ihm alles andere als bedroht fühlten, und so zogen sie sich, allen voran sein Kontrahent, maulend zurück. Joe hingegen fühlte sich mächtig stark und freute sich in einer Art kindischem Stolz über den Triumph.
Als er jedoch Rosis strafenden Blick auffing, wandte er sich wieder voller Selbstmitleid seinem leeren Glas zu.
Später konnte Joe nicht mehr genau sagen wie lange er in stumpfsinnigen Gedanken versunken an der Theke gesessen hatte, als sich eine Gestalt neben ihn auf dem Barhocker niederließ. Erst als er diese sonore Stimme vernahm, wurde ihm seine neue Gesellschaft bewusst. "Darf ich dich auf einen Whisky einladen, mein Freund?"
Joe blickte auf. "Ein Glückstag für Rosi; wieder ein spendabler Gast", dachte er, den teuer aussehenden, dunklen Anzug des Mannes betrachtend.
"Ich habe keine Freunde", sagte er laut und schob, verärgert über den neuen Störenfried, sein Glas beiseite.
Als der Fremde Rosi herbeiwinkte und zwei Whisky bestellte, wollte Joe schon protestieren. In diesem Moment wandte der Mann ihm sein Gesicht zu und Joe erstarrte förmlich. Ein Paar stahlblaue Augen fesselte seinen Blick. Unwillkürlich rann ihm ein kalter Schauer über den Rücken, aber er schaffte es nicht sich von ihnen abzuwenden.
Bis an sein Lebensende würde er diese Augen nicht vergessen. Sogar später vor Gericht faselte er immer wieder von "brechendem Eis", das er darin gesehen haben wollte.

Der Fremde hob das Whiskyglas an und prostete ihm mit einem Augenzwinkern zu.
Joes Blick löste sich endlich von ihm und fiel auf sein nun wieder gefülltes Glas.
Hastig nahm er einen Schluck. "Wer zum Teufel sind Sie", keuchte er schließlich und versuchte das plötzliche Brennen in der Magengegend zu ignorieren.
Die ebenmäßigen Gesichtszüge seines Gegenübers verzogen sich zu einem Lächeln. Ein Lächeln, das die Augen nicht erreichte.
"Dieser bin ich", antwortete er nur, was in Joe ein heftiges Panikgefühl auslöste.
Mit zitternden Händen griff er erneut nach dem Glas und leerte es in einem Zug.
"Warum bist du so nervös, Joe?" "Er kennt meinen Namen,, ... woher weiß er wer ich bin", dachte Joe irritiert, während ihm der Schweiß aus allen Poren brach.
"Ich sollte besser gehen....."
In gespielter Verwirrung zog der Fremde die linke Augenbraue hoch und neigte seinen Kopf etwas. "Dabei wolltest du heute doch noch eine Reise mit mir machen, Joe! Erinnerst du dich?"
Der brennende Schmerz in seinem Magen wurde heftiger und ließ ihn nach Luft schnappen.
"Nur meine Freunde nennen mich Joe", presste er in einer Art sinnloser Trotzreaktion hervor, "ich heiße Johannes."
"So, so. Ich dachte du hast keine Freunde", bemerkte die dunkle Gestalt mit einem Anflug von Sarkasmus in der Stimme.
Joe krümmte sich schwer atmend zusammen. Die Schmerzen wurden schlimmer.
Als er den Kopf hob verschwamm alles vor seinen Augen. "Nun gut -.......Johannes. Was für ein heiliger Name."
Die Gestalt beugte sich ein wenig zu ihm vor. "Dein Ruf nach dem Teufel hätte dem heiligen Johannes aber gar nicht gefallen."
Die Stimme des Mannes hallte in Joes Kopf wieder. Sie wirkte so verzerrt, als würde man ein Tonband in Zeitlupe abspielen.
Es klang wie ein dumpfes Raunen. "Das ist der Whisky, nur der verdammte Whisky", schoss es Joe durch den Kopf. Er versuchte aufzustehen, aber er schaffte es nicht. In einem plötzlichen Anfall von Panik, dachte er daran, wie er zumindest Rosi auf sich aufmerksam machen konnte. Aber sie hatte sich schon längst wieder den anderen Gästen zugewandt. Es war, als hätte dieser Fremde ihn in eine Art unsichtbaren Bann gezogen, aber es schien niemandem aufzufallen. Es konnte niemand bemerken.
Diese plötzliche Erkenntnis traf ihn wie einen Stromschlag.
"Du bist der Teufel....."
Die schlanken Finger des Mannes legten sich um seine Hand. "Du wolltest doch die Hölle sehen, mein Freund."
Seine Augen schienen Joe förmlich festzufrieren. Das Eis nahm ihn gefangen, zog ihn immer tiefer hinab.

Erst sah er nur ein Inferno an Farben, die grell leuchteten und dann wie Farbpatronen vor seinen Augen platzten.
Dazwischen tauchten Bilder auf. Er wollte wegsehen, den Blick abwenden, doch sie liefen wie ein Film vor ihm ab.
Bilder, die aus seinem Inneren zu kommen schienen. Da war seine Mutter, die plötzlich vor ihm stand, Vaters Gürtel zum Schlagen bereit in der Hand hielt, wie immer, wenn er nicht artig gewesen war.
Er sah sich selbst in dieser vertraut demütigen Pose auf dem Boden kniend als Kind; doch nicht wie sonst immer angsterfüllt und wissend um das unausweichliche, das passieren würde.
Nein, dieses Kind ("das bin nicht ich, nein – das kann nicht ich sein"...) hatte ein höhnisches Lachen auf den Lippen, die spitze Schere hinter dem Rücken versteckt und bereit zuzustechen.....("oh Gott, ich habe mir wirklich gewünscht die Macht zu haben"...) .
Dann, wie ein Schnappschuss vor seinem geistigen Auge auftauchend, das Bild seiner Frau. Es begann sich zu bewegen, Szenen freizusetzen.
Er sah sie. Seine Hände um ihren Hals gelegt und zudrückend, bis ihr zartes Gesicht sich bläulich verfärbte; den Mund geöffnet zu einem stummen Schrei.
"NEIN! Ich kann doch nur ihr Gezeter nicht mehr ertragen..." Er wollte die Bilder vertreiben, die Abgründe nicht sehen müssen; aber jede Szene brannte sich gnadenlos in seine Gedanken.
Verzweifelt schlug er mit den Händen um sich, als wolle er die Geister seiner Seele vertreiben.
Da war nicht nur Verzweiflung, er fühlte noch etwas anderes. – Er spürte diese tiefe Wut tief in seinem Inneren. Ein abgrundtiefer Hass gegen seine eigene Hilflosigkeit.
Inmitten der Szenerie tauchte plötzlich die Gruppe Jugendlicher aus dem Lokal vor ihm auch; darunter auch der Junge; dieses kleine provokante Arschloch, das ihm den Abend verdorben hatte. Er blieb nicht, wie die anderen, auf dem Gehweg, sondern torkelte mitten auf die Straße. Joe sah sich selbst wie in einem riesigen Zerrspiegel; wie er in seinem Wagen saß und und ihn anvisierte. Die Scheinwerfer seines Autos erfassten ihn. Der Motor heulte auf. Sein Fuß schien auf dem Gaspedal wie festgenagelt, seinen Blick starr auf den Rücken des Jungen gerichtet, der sich in dem Moment umdrehte.
"Das könnte ich nie tun, niemals..!"
Er sah, wie der Wagen den Körper erfasste und wie eine Puppe durch die Luft schleuderte.
"Neeeiiiiin!"
Doch diesen Film sah er bis zu Ende. Joe, nein es war nicht er selbst, es musste ein anderer Joe sein; legte eine Vollbremsung ein und brachte das Auto mit quietschenden Reifen zum Stillstand – Sah den toten Jungen in einer Blutlache am Straßenrand liegen, die Augen weit aufgerissen, gen Himmel gerichtet. Im Licht der Scheinwerfer sah er die entsetzten Gesichter der anderen, als er den Wagen wendete und noch einmal über den leblosen Körper rollen ließ. Joe wusste nicht mehr ob er träumte, als das knackende Geräusch brechender Knochen zu vernehmen glaubte.
Das Bild nahm eine seltsam reale Form an, als wäre es eine Erinnerung an ein wirkliches Geschehen, das sich nur ein Stück mit seiner Phantasie vermischt hätte.
"Manchmal, Joe – manchmal werden Wünsche wahr. Ich hoffe, du hattest eine angenehme Reise. Gute Nacht, mein Freund."
Die sonore Stimme wurde leiser und verschwand schließlich.
Joe versuchte krampfhaft sich zu orientieren, aber es gelang ihm nicht.
Die Bilder waren verschwunden, aber der Nebel in seinem Gehirn wollte nicht weichen.
Er hatte das Gefühl, als hätte er eben einen Horrortrip hinter sich, als er völlig verwirrt und desorientiert von einem Beamten der Bundespolizei in seinem Wagen aufgegriffen wurde.
Im ersten Moment wusste er nicht einmal wie er überhaupt in sein Auto gekommen war, aber Sekunden später überfiel ihn eine unsägliche Erleichterung, als er die Polizeistreife sah.
Gegen den Albtraum von vorhin war eine Alkoholkontrolle, sogar in seinem besoffenen Zustand, ein wahres Freudenfest.
Als der Beamte ihn jedoch unsanft aus dem Wagen zerrte, fiel sein Blick auf die von Blaulichtern erhellte Straße.
"So ein Aufwand wegen ein paar Whisky zuviel", dachte er noch verwundert und protestierte lautstark, als man ihm Handschellen anlegte.
Sein Blick wurde langsam klarer und der Schock durchfuhr ihn wie ein Blitzschlag, als er den reglosen Körper des Jungen im zuckenden Blaulicht eines Streifenwagens auf dem nackten Asphalt liegen sah.

*

"Was ist mit dem da?" fragte ein Beamter, der gerade ins Dienstzimmer der Wache gekommen war.
Der fette Polizist hatte Joe wieder auf den Stuhl gedrückt und stand nun breitbeinig vor ihm.
"Ein beschissener kleiner Satansjünger," antwortete er und kaute lässig auf dem Glimmstängel herum. "Wollte mir eine Geschichte reindrücken, dass der Teufel den Jungen überfahren hätte." Joe hielt den Blick gesenkt und starrte mit ausdrucksloser Miene auf die Handschellen.
Der jüngere Beamte grinste. "Das war glatter Mord. Gibt sicher lebenslänglich, so wie der draufgehalten hat."

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