Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Juli 2001
Nur eine Nacht
von Olaf Deutz

Wie aus 1001 Nacht

Jasuf schluchzte. Warum gerade sie, fragte er sich immer wieder. Sie war doch noch so jung und sie beide hatten noch ihr ganzes Leben vor sich gehabt. Doch dann war sie plötzlich sehr krank geworden.
Jasuf arbeitete Tag und Nacht, bis er genug Geld für den Kräuterheiler verdient hatte, doch dieser hatte nur mit dem Kopf geschüttelt und gesagt, daß er ihr nicht mehr helfen könne. Ihre Krankheit war einfach zu weit fortgeschritten.
Warum er nicht früher zu ihm gekommen sei, hatte der Kräuterkundler gefragt, und Jasuf gestand ihn unter Tränen, daß er einfach noch nicht genug Geld zusammen. Der Heiler hatte nur mit dem Kopf geschüttelt. Dann ging er. Einfach so, und das Geld hatte er mitgenommen. Jasuf blieb nichts anderes übrig, als am Bett seiner Frau zu wachen, ihre Hand zu halten und hilflos mit anzusehen, wie sie den Kampf gegen die Krankheit verlor.
Nach drei Tagen der Trauer versuchte er, sich von seinem Kummer abzulenken, indem er das Haus säuberte und in Ordnung brachte.
Eines Tages wusch er die alte, einstmals weiße Farbe von den Wänden, als einige dunkle Flecken unter dem schmutzigen Grau hervortraten. Zunächst dachte er sich noch nichts dabei, doch nach und nach tauchten immer mehr Flecken auf und bildeten allmählich ein regelmäßiges Muster. Jasuf stutzte. Neugierig geworden, trat er ein paar Schritte zurück und betrachtete die Wand aufs Neue. Er blinzelte ungläubig. Einige der Flecken schienen sich zu Schriftzeichen zu verdichten. Vorsichtig kratzte er weiter die Farbe von der Wand und förderte so tatsächlich ein Schriftzeichen zu Tage.
Stück für Stück wusch und schrubbte er die seltsamen Schriftzeichen aus der Vergessenheit empor. Er arbeitete fast den ganzen Tag, bis in die Nacht hinein. Endlich legte er Bürste und Lumpen aus der Hand und betrachtete gespannt das gesamte Werk.
Oben, nahe der vom Öllampenruß geschwärzten Decke, hatte jemand vor langer Zeit einmal einige Schriftzeichen an die Wand gemalt. Jasuf hatte nie richtig Lesen und Schreiben gelernt. Er hätte schon raten müssen, also wandte er sich dem Karte zu.
Wenn er die Symbole hier richtig deutete, wiesen sie den Weg zu einem bestimmten Punkt einer nahen Oase.
Er glaubte nun, zu verstehen, daß von einem sagenhaften Schatz die Rede war, der an jener Stelle, welche auf der Karte markiert war, begraben lag.
Doch was sollte er, jetzt wo seine geliebte Frau nicht mehr unter den Lebenden weilte, mit einem Schatz anfangen?
Jasuf kämpfte gegen die aufsteigenden Tränen, dann faßte er einen Entschluß. Er würde diesen Schatz suchen und finden. Dann würde er seiner Lieben Frau einen Palast neben ihr Grabmal bauen lassen, schöner und prachtvoller als der Palast des Sultans. Genau so, wie sie es verdient hatte.
Kurz entschlossen griff sich Jasuf einen Wasserschlauch, eine Fackel und eine hölzerne Schaufel und machte sich auf den Weg zur nahen Oase. Mit ein bißchen Glück hatte noch niemand die Reichtümer entdeckt, denn schließlich war diese grüne Insel inmitten der Wüste schon seit Langem verlassen. Irgendwann hatte man festgestellt, daß das Wasser verdorben war. Menschen und Tiere wurden krank, so daß man die Oase einfach verlassen hatte. Nur noch die schon längst verfallenen Hütten zeugten von besseren Tagen.

Wenn jemand meinte, die Wüste sei heiß, so hat er sie wahrscheinlich noch nie bei Nacht durchquert. Eisig war es, der Wind schneidend kalt, als Jasuf durch den Sand stapfte. Er fröstelte unter seinem dünnen Gewand, aber was war schon dieses bißchen Kälte gegen das Schicksal, das seine Frau erlitten hatte.
Er brauchte kaum mehr als zwei Stunden, bis sich einige Palmen vor dem dunklen Nachthimmel abhoben. Er hatte sein Ziel erreicht.
Die einstmals prächtige Oase, ein Hort des Lebens in der unwegsamen, menschenfeindlichen Wüste, war mittlerweile kaum mehr als ein verlassener Trümmerhaufen. Die Ruinen reichten gerade noch aus, daß Jasuf sich orientieren konnte. Trotzdem erschwerte die Dunkelheit die Suche nach der Stelle, an der nach dem Schatz gegraben werden sollte. So verschwendete er viele kostbare Minuten mit Suchen. Denn er wollte die Wüste wieder hinter sich gelassen haben, bevor die Sonne aufging.
Endlich entdeckte er hinter einigen Büschen eine behauene Steinplatte, die wie eine gigantische Münze, aufrecht an einem Felsen lehnte. Jasuf hatte ein altes Grabmal gefunden.
Um den Stein zu bewegen, mußte der junge Schatzsucher sämtliche Kräfte mobilisieren, zu denen er fähig war.
Knirschend bewegte sich der schwere Fels, Zentimeter für Zentimeter von jenem Ort weg, an dem man ihn vor sehr vielen Jahren plaziert hatte. Ein warmer, modriger Geruch wehte ihm aus der entstandenen Öffnung entgegen und ließ ihn unwillkürlich erschauern.
Als die Öffnung groß genug war, entzündete Jasuf die Fackel und zwängte sich in das Innere der Höhle. Im matten, flackernden Schein der Flamme erkannte er einen grob behauenen Gang, der in die Tiefe führte. Vorsichtig folgte er ihm ins Ungewisse. Nach wenigen Metern wurde der Gang merklich breiter und öffnete sich schließlich in ein Gewölbe, das wie die reich verzierte Grabkammer einer Pyramide aussah.
Das Gewölbe war bis auf einen geöffneten Sarkophag leer. Kein Schatz war weit und breit zu sehen. Im Sarkophag lag nicht einmal mehr ein Leichnam. Gerade wollte er sich enttäuscht dem Ausgang zuwenden, als ihn etwas stutzig machte. In den Boden des steinernen Sargs war eine Holzplatte eingelassen, die unter dem Druck seiner Hände nachgab und zerfiel. Als sich der Staub wieder gelegt hatte, gab er den Blick auf einen Durchgang frei, der durch den Boden des Sarkophag in die Tiefe führte. Als Jasuf sich durch die Öffnung ins Ungewisse gleiten ließ, breitete sich ein flaues Gefühl der Angst in seiner Magengegend aus. Was würde er dort unten nur finden?
Der Schacht war um einiges enger als der Gang weiter oben und vermutlich sehr viel älter, da er bei weitem nicht so feine bearbeitet war. Der Fels hier war bei weitem nicht so Jasuf rutschte mehr hinab, als daß er kletterte. Morgen würde sein Körper wahrscheinlich mit blauen Flecken übersäht sein, doch was kümmerte ihn das. Endlich endete die Rutschpartie in einer Höhle, deren Wände im Fackelschein glitzerten, als wären sie von Goldstaub durchzogen. Doch Jasuf schenkte dem verführerischen Leuchten und Blinken keinerlei Beachtung. Seine Blicke hafteten auf einem prächtigen, reich verzierten Torbogen, der die kleine Höhle nahezu ausfüllte.
Zwischen den Marmorsäulen des Bogens spannte sich ein nebliger Schleier, der in allen Facetten des Regenbogens schimmerte. Die Nebelwand waberte wie von einem leichten Windhauch bewegt, doch außerhalb des Bogens waren keine Schwaden zu sehen. Es war, als bildete der Dunst einen undurchsichtigen Vorhang. Etwas Vergleichbares hatte er noch nie zuvor gesehen. Irgendwie war ihm in der Gegenwart dieses merkwürdigen Torbogens, nicht sehr wohl zu Mute, und doch fühlte er sich auf eine seltsame, fast schon beängstigende Weise von ihm angezogen.
Er fragte sich, was wohl passieren würde, wenn er durch den Torbogen trat. Würde er auf der anderen Seite den Schatz finden? Oder den Tod? oder auch den Tod? Was hatte er schon zu verlieren? Sein Leben hatte jeglichen Sinn verloren. Langsam näherte sich der junge Witwer dem Tor. Der Nebel schien immer heftiger zu wabern und floß förmlich zwischen den Säulen hin und her, wie in freudiger Erwartung. Vorsichtig steckte Jasuf seine zitternde Hand aus und berührte den milchigen Schleier. Wohlige Wärme breitete sich über seinen ganzen Arm aus. Vogelgezwitscher und Blumenduft wehten ihm entgegen. Er atmete noch einmal tief durch und trat durch das Tor.
Schnell hatte ihn der milchige Dunst verschluckt. Plötzlich erschrak er, denn mit einem Mal konnte er nicht mehr atmen. Er bekam einfach keine Luft mehr, so als würde in diesem Raum so etwas nicht existieren. Hals über Kopf stürzte er zurück. Doch der Torbogen war verschwunden. Panik ergriff ihn. Wohin sollte er sich nur wenden? Doch genau so schnell, wie ihn der Schleier verschluckt hatte, löste dieser sich wieder auf und Jasuf bekam wieder Luft. Keuchend sank er auf die Knie und sah sich um. Vom Tor und dem Nebel war nichts mehr zu sehen.
Statt dessen kniete er auf einer wundervollen, saftig grünen Wiese und war umgeben von Bäumen und einem Meer von Blumen. Der junge Mann blinzelte ungläubig, während er den Duft, der ihn umgab, in sich hinein sog. Die Sonne lachte vom wolkenfreien Himmel, doch hier schien sie nichts zu verbrennen, sondern spendete gerade genug Wärme, damit man sich wohl fühlte. Beschwingt machte sich Jasuf auf, dieses Paradies zu erkunden.
Als er einen Hügel erklommen hatte, fiel sein Blick auf das nächste Wunder. Aus dem Tal vor ihm erhob sich ein atemberaubender Palast, prächtiger noch als der Palast des Kalifen. Ganz aus Marmor und Gold errichtet, ragte er in den Himmel und auf seinen Zinnen wehten bunte Fahnen.
Vor den Toren sah Jasuf eine Gestalt warten. Sie war ganz in Weiß gekleidet und schien dort regungslos zu verharren. Jasuf lächelte erfreut). Endlich hatte er jemanden gefunden, der ihm vielleicht sagen konnte, wo er sich hier befand. Wild mit den Armen rudernd stürzte er den Hügel hinab. Die weißgekleidete Gestalt winkte zurück. Zuerst zaghaft, dann immer stürmischer, als würde sie den Irren, der den Hügel hinablief, kennen. Auch Jasuf schienen die Bewegungen des Fremden seltsam vertraut.
Als er die Person schließlich erreicht hatte, traute er seinen Augen nicht, denn er kannte sie nur zu gut. Schließlich hatte er sie mal geheiratet.
Seine Frau sah so schön und strahlend aus wie vor ihrer Erkrankung. Sie schenkte ihm ihr warmes Lächeln, das er so sehr vermißte hatte.
"Endlich bist du nach Hause gekommen", sagte sie und breitete die Arme aus. Tränen der Freude füllten Jasuf Augen als er seine Frau zärtlich in den Arm nahm und an sich drückte.

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