'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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Das Ruhrgebiet ist etwas besonderes, weil zwischen Dortmund und Duisburg, zwischen Marl und Witten ganz besondere Menschen leben. Wir haben diesem Geist nachgespürt.
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Juli 2001
Die eine Nacht
von Petra Lehrmann

Jens sah sich in der Wohnung um. In den Boden waren vor kurzer Zeit neue Dielenbretter eingelegt worden. Der Vermieter hatte gesagt, der Mieter vor ihm hätte Farbe ausgeschüttet und die wäre nicht mehr weggegangen.
>Immer diese Künstler!< hatte er gesagt, >Tun nix für Vaterland und Hitler, aber groß rumposaunen, daß ihnen nix gefällt! Da lob' ich mir doch schon die deutsche HJ!<
Doch der alte Mann hatte auch auf die Falltüre hingewiesen und auf den Stauraum zu seinen Füßen.
Jens setzte sich an den Tisch. Er hatte keinen Grund zur Annahme, daß sein Vermieter lügen würde. Aber irgendwie komisch war er doch schon gewesen. Jens zog eine Schublade auf. In ihr befand sich ein Artikel über die Reichskristallnacht. Daneben lag ein Foto von einem jungen Mann und einer Frau. Sie sahen glücklich aus, doch ein Hakenkreuz verdeckte ihr Gesicht. Jens überlegte, was das Foto und der Artikel in einer frisch vermieteten Wohnung mit gerade ausgewechselten Dielenbrettern zu suchen hatte. Er schloss die Augen und legte eine Hand auf das Foto. Jens fühlte das verknickte Papier und die Rillen, wo das Hakenkreuz hingemalt worden war. Vor seinem inneren Auge formte sich ein Bild. Das Bild des Fotomannes in dieser Wohnung...

Auf den Straßen rufen und schreien Deutsche. Ich ziehe den Vorhang meines Fensters zurück und werfe einen Blick auf die Straße. Es sind nicht nur ein paar Leute. Nein, immer mehr kommen aus den Häusern und schließen zu dem tobenden Mob auf. Viele haben Steine oder Besen in den Händen. Die Augen spiegeln ihre Seelen wider Haß, Wut, Angst.
Es klingelt. Ich gehe an die Tür und öffne. Draußen steht mein Freund Siegfried. Er will wissen, ob ich nicht mit rauskomme. Heute soll es ein großes Schauspiel geben. Innerlich sträubt sich etwas dagegen, aber ich muß. Ich will nicht auffliegen. Ich habe eine enge Freundin versteckt. Rebekka Schilling – Jüdin - wohnt unter meinen Füßen. Die Dielen knarren, als ich hastig über Sie weggehe. Wie sie sich wohl fühlen mag, dort unten in der Dunkelheit? Ich hole einen Besenstiel und gehe mit Siegfried aus dem Haus.
Siegfried ist mein "Parteifreund". Er folgt Hitler wie ein Hund. Und auch heute, am 9. November 1938, läßt er sich aufhetzen gegen die Juden. Die Schweine, die uns die Arbeit nehmen!, wie er immer sagt. Doch es waren schon die meisten Berufsverbote gegen Juden beschlossen.
Plötzlich sind wir in der Menschenmasse. Um uns herum Lärm unerträglich nach der kühlen Stille meiner Wohnung. Ich folge den Menschen. – Stille - Wie von Sinnen taumele ich weiter. – Lärm - Meine Beine sind taub, suchen sich tastend ihren Weg.
Ich stoße gegen etwas Weiches. Warm liegt es vor mir und klebrig naß. Es ist ein Mensch, rücksichtslos von dem Mob niedergetrampelt. Und schon wieder weiter.
Jetzt öffnen sich meine Augen zum ersten Mal. Die Dunkelheit der Nacht wird eigenartig erhellt. Rauch steigt mir in die Nase. Ich weiß, wo ich hingezogen und geschoben werde: zu der Synagoge. Einige Flammen züngeln vor mir auf. Sie steht in Brand. Die Synagoge brennt!
Dann bin ich befreit von dem Mob und falle kraftlos zu Boden. Ich sitze auf der breiten Wiese vor der flammenden Synagoge wie viele andere Menschen erschöpft.
Mir ist warm und ich ziehe meine Jacke aus.
Ein Mann fängt an zu singen. Andere stimmen ein. Ich verstehe den Text nicht. Nur Fetzen wie "Deutsche Brüder erhebt euch" oder "Gemeinsam sind wir stark".
Auf einmal kommt mir alles so sinnlos vor. Die Menschen, die ganze Umwelt. Auch der Hund, der hinkend um die Ecke kommt, ist mir egal. Obwohl ich tierlieb bin.
Wie es wohl ist, Jude zu sein? Sieht man die Welt mit anderen Augen?
Ich fühle mich auf einmal verloren auf der Wiese voller Menschen.
Die Synagoge ist weitestgehend abgebrannt. Zurück bleibt nur eine Ruine. Vereinzelt geht noch Rauch auf.
Mir ist kalt. Die kühle Morgenfrische des 10. Novembers 1938, der mir wie der Weltuntergang vorkommt, geht jedem durch die Knochen. Die restlichen verbliebenen Menschen machen sich langsam auf den Heimweg. Ich nehme die Jacke und kehre zu meiner Wohnung zurück. Ich komme gut durch die breiten Straßen, die Menschenmasse ist verebbt. Zurückgelassen hat sie ein Chaos der Zerstörung, welches in den frühen Morgenstunden die meisten Straßen zu zieren scheint. Die jüdischen Geschäfte sind verwüstet, die Scheiben der Wohnungen zerschlagen.
An einigen Glasscherben klebt angetrocknetes Blut.
Ich habe kein gutes Gefühl. Nein, überhaupt nicht.
Ich gehe schneller renne fast. An mir vorbei fliegen die von Nationalsozialisten geschmierten Sätze Juden raus oder Jude verrecke! Und dann komme ich zu meiner Wohnung. Die Tür ist aufgebrochen. Auf dem Boden liegen zerstreut Blätter und Bücher. Die Dielen stehen in grotesken Winkeln aus dem Boden ab, sie sind aufgehebelt worden. Alles ist voller Blut.
Und mitten in diesem Durcheinander liegt Rebekka.
Tot.
Ich stürze auf sie zu und knie mich neben ihr nieder. Rebekka!, flüstere ich den Tränen nahe, nehme ihren Kopf in die Hände und wiege ihn sanft, als könnte ich sie dadurch zurückholen, Ich liebe dich, Rebekka!
Es ist alle so sinnlos. So sinnlos.
Jemand tritt hinter mich. Ich sehe auf. Es ist Siegfried. Er sieht mich hart an. Warum?, fragt er, Du warst einer der Aufrechtesten Deutschen, Friedhelm! Schade um Dich. Aber Leute, die den Schweinen helfen, haben kein Recht auf Leben!
Er zieht eine Pistole.

Der Vermieter stand erschrocken in der Tür. Er habe noch etwas vergessen stammelte er und zog sanft aber bestimmt das Foto und den Artikel aus Jens' Händen.
"Warten Sie bitte! Waren es wirklich nur 91 eliminierte Judenschweine in dieser Nacht, mein Freund?"
Die Augen des Vermieters funkelten.
"Nein. Auch ein deutsches Schwein!"
Er wandte sich dem Ausgang zu und seine etwas behäbige Gestalt war kurz darauf verschwunden.

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