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Juli 2001
Schwarzer Engel
von Marc Bornée

Sie setzte sich zu ihm, als hätte er auf sie gewartet. Er hob den Blick von seiner Zeitung und schaute ihr ins Gesicht. Sie blickte ihm unverfroren in die Augen, mit einer fordernden Art, die keine Fragen zuließ. Er orientierte sich kurz in dem Flughafenrestaurant, einem fast leeren, kalten Saal, mit wenigen runden Holztischen, und er bemerkte, dass außer ihm nur noch zwei weitere Gäste an einem Tisch neben der offen Eingangstür saßen. Die brasilianische Hitze wurde von vier Ventilatoren, weit oben an der Decke, gleichmäßig im Raum verteilt. Bisher hatte er ihr Summen nicht wahrgenommen. Jetzt, als er wieder ihren Blick fand, war ihm, als schlüge ihm der Luftzug aller Ventilatoren gemeinsam gegen die Ohren. Er musste schlucken und merkte, dass kein Speichel seiner plötzlich trockenen Kehle zur Verfügung stand. Ein Ersatzreflex.
"Olà!", sagte sie langsam und ihre Zunge entfernte sich nur zögernd von ihrer oberen Zahnreihe. Sie sprach diese Begrüßung so bedächtig wie das 'Amen' nach einem langen, ernstgemeinten Gebet. Er nickte zustimmend und nahm einen großen Schluck Wasser, ohne den Blick von ihr zu lassen. Sie sah nicht besonders brasilianisch aus, obwohl ihr dunkler Hauttyp und ihre fast schwarzen Augen ihre genetische Zugehörigkeit zu diesem Land mehr als rechtfertigte.
"Sie möchten abreisen?", fragte sie mit einer übertriebenen Bewegung ihrer Augenbrauen, die mehr fraglicher Überraschung denn echter Fragenuntermahlung zuzuordnen war.
"Ja."
-Vielleicht zu kurz und zu hart hatte er diese zwei Buchstaben ausgesprochen. Er hatte Angst, mit dieser Antwort abweisend gewirkt zu haben.
"Ich würde gerne noch bleiben; Ihr Land ist eines der schönsten und interessantesten, das ich jemals gesehen habe."
Fast hastig hörte er sich diese Worte sprechen. Ein Lächeln erschien auf ihren Lippen.
"Dies ist nicht mein Land! Ich wurde auf Malta geboren. Mein Vater war Brasilianer, meine Mutter Malteserin."
"Aber Sie leben hier...?" Sie unterbrach ihn durch die Art ihrer Bewegung: Im Zurücklehnen, gewiss, die gerade erst begonnene Unterhaltung dauere noch länger, ordnete sie ihr dunkles Haar mit beiden Händen, legte es hinter ihre Schultern und schlug die Beine übereinander. Ein kombinierter Bewegungsablauf, den er glaubte, noch nie so gesehen zu haben. Erneute spürte er seinen Reflex und griff zum Glas. Während er trank, blickte er nach oben und sah den langsam über ihr kreisenden Ventilator. Ihm wurde schwindlig. Unvermittelt hatte er das Gefühl der Unwirklichkeit, des traumhaften Wattegefühls unter den Füßen und an den Schläfen. Einen Tunnelblick mit kontrastreichen Bildern. Er war irritiert.
Auf ihre Fragen antwortete er, als müsse er Rechenschaft ablegen. Er erzählte ihr von seinem Projekt, Medizinpersonal im Ausland fit für ein neues Narkoseverfahren zu machen, das er als Anästhesist mitentwickelt hatte. Mehr Sicherheit, schönere Träume, weniger Nebenwirkungen, bessere Steuerung der Narkosetiefe, erholsamer Schlaf...
Während er all dies erzählte, bewegte sie sich kaum, blickte ihm aufmerksam abwechselnd in die Augen und auf den Mund. Bei jedem Wechsel schlossen und öffneten sich langsam ihre Lider.

Es entstand eine unangenehme Pause, in der sie ihren Blick nicht von ihm nahm. Das machte ihm Pausen so unangenehm. Erwartungsvolle Stille. Zu lange wortlose Blicke. Er griff nach seinem Glas, um der schon wieder trockenen Kehle den Reflex zu ersparen. Es war längst leer. Sein Kehlkopf knackte laut bei der Schluckbewegung und mit einem Räuspern bestellte er bei dem Herrn mit der Fliege einen Whiskey mit viel Eis. "Und Sie...?!"

Erst jetzt sagte sie ihm, wie sie hieß: Masha. Er solle sie doch bitte duzen. Sie fühle sich aus unerklärlichen Gründen schon so vertraut mit ihm, dass Siezen eine unangemessene Distanzschaffung sei. Eine vollkommen überflüssige dazu. Also Masha, bitte. Sein Kehlkopf knackte wieder. "Armin", sagte er, und sie lächelte zufrieden.

Beide tranken bereits ihren zweiten Whiskey. Er hatte in dieser Zeit mehr von ihr erfahren, als er erhofft hatte: Sie sei für eine Weile in dieses Land gekommen, um ihrem väterlichen Ursprung nachzuforschen. Ihr Vater sei vor einem halben Jahr gestorben, an Herzversagen. "Zuviel Zigaretten und zuviel hiervon". Dabei hob sie das Glas und nahm einen großen Schluck.

Er überlegte, wie alt sie wohl sein möge. Die jungen, warmen Augen irritierten ihn bei seiner Schätzung. Sie hob ihre rechte Augenbraue, als ahne sie seine Gedanken. Er nahm einen Schluck und hob ebenfalls seine rechte Augenbraue. Das gleiche Minenspiel machte sie zu Verbündeten eines gemeinsamen Gedanken. Es war plötzlich unwichtig, worüber sie sprachen. Die Blicke, die sie austauschten, ließen ohnehin keine Konzentration auf Worte mehr zu.

Völlig unvermittelt beugte sie sich nach vorn und nahm ihm das Glas weg, aus dem er gerade getrunken hatte. Fest schloss sie seine Hand in ihre beiden. "Bleib", sagte sie, und ihre großen Augen formten sich mandelförmig. "Nur diese Nacht." Ihm gefiel dieser Imperativ und er rief nach dem Herrn mit der Fliege, ohne auf die Uhr zu sehen.

Er fühlte sich nicht richtig betrunken, als sie das Flughafengebäude verließen, er hatte nur das Gefühl, alles in einer stärkeren Intensität zu erleben. Die Bilder, die sich seinem Blick zeigten, waren wieder unwirklich kontrastiert. Sie ging neben ihm, etwa so groß wie er, und hielt seine kleine Reisetasche fest an die Brust gepresst. So, wie man sein Kind hält, das man gerade nach langer Abwesenheit in die Arme geschlossen hat. Seine beiden Koffer, die er vor gut zwei Stunden in den Flughafen hineingeschleppt hatte, ließen sich nun nicht mehr so schwer tragen. Sie rief nach einem Taxi.

Masha wohnte in einem großen Apartment am Stadtrand. Von der riesigen Fensterfront aus konnte er unten im Tal die Stadt sehen, das Flimmern der Hitze über den Dächern und Straßenschluchten. Ihm wurde wieder schwindlig bei der Weite, die sich seinem Blick bot. Sein Hemd war durchgeschwitzt und er fühlte sich klebrig. Masha schien seinen Wunsch zu erahnen und zeigte ihm das Bad. Er ging unter die Dusche und ließ sich das kalte Wasser über Kopf und Schultern laufen. Es tat fast weh, so kalt war es, aber es war unglaublich erfrischend.
Sie stand plötzlich hinter ihm und drückte sich an ihn. Er öffnete den Mund und trank das kalte Wasser. Seine Hände lösten sich vom Duschkopf über ihm und griffen nach ihrem warmen Körper.

Es war bereits dunkel, als er aufwachte. Masha stand am Tisch und zündete zwei Kerzen an. "Komm, lass' uns etwas essen", sagte sie und setzte sich zu ihm auf den Bettrand. Während sie ihm durchs Haar fuhr, merkte er, dass jeder Muskel seines Körpers schmerzte. Für einen Kater hatte er, seiner Meinung nach, zu wenig getrunken. Sie hatten unter der Dusche und später auf dem Futon mehr angestellt, als er gewohnt war. Sein Magen knurrte und er hielt eine Stärkung für eine angemessene Idee. Masha hatte nur das weiße Bettlaken um ihren Körper geschlungen. Ein schöner Kontrast zu ihrer Hautfarbe. Er strich ihr über den Rücken und spürte durch das Laken die Wärme ihrer Haut. Die Nacht war noch jung. Er hatte Hunger.

Als er wach wurde, strahlte ihm die Sonne direkt ins Gesicht. Er blinzelte auf die Uhr: kurz nach zehn. Der Platz neben ihm war leer, Masha nicht da. Einen Augenblick lang starrte er in den blauen Himmel. Ihn fröstelte. Er stand auf. Keine Spur von ihr. Kein Zettel. Nirgendwo.
Er duschte so heiß, dass seine Schultern nach wenigen Augenblicken krebsrot waren. Sein Kopf dröhnte. Er starrte, die Arme verschränkt, durch den heißen Dampf hindurch auf die weißen Kacheln und fragte sich, was diese Nacht, diese Frau für ihn bedeutete. Man fällt jeden Tag Entscheidungen, dachte er, wichtige und weniger wichtige. Meistens allerdings für andere. Bei Entscheidungen, die sein eigenes Leben betrafen, war er in vielen Punkten hilflos wie ein Fußkranker ohne Krücken. Entscheidungen, die sein emotionales Leben betrafen, also auch Fragen, die sich auf Frauen bezogen, schienen seinem Leben, so war ihm, immer einen neuen Weg weisen zu wollen. Das passte ihm eigentlich nicht.
Er stellte das Wasser ab, nahm sich ein Handtuch und wischte den Spiegel frei. Er war, redete er sich ein, aus freien Stücken hiergeblieben; er hatte sie kennengelernt, nicht umgekehrt. Ihre Bitte, zu bleiben, war nur die logische Folge seines Verhaltens im Flughafenrestaurant. Er hatte nicht ihrer Bitte entsprochen, sondern seinem eigenen Wunsch stattgegeben. Er hatte sie erobert, nicht umgekehrt.

Als er sich näher im Badezimmer umsah, bemerkte er, dass Masha für eine Frau ausgesprochen wenig Utensilien zur Körperpflege besaß. Ein Lippenstift (ein dunkles Braun), eine Hautlotion von Pons, eine Zahnbürste. Sonst sah er außer einem Stapel zusammengelegter dunkelblauer Handtücher nichts. Kein Parfum, kein Haargummi, keine alten, leeren Duschlotionen. Jedesmal wenn er das Bad einer Frau betrat, gleichgültig ob fremd oder bekannt, hatte er das Gefühl, sich in einem Altarraum zu befinden, das Allerheiligste besuchen zu dürfen: den individuellen Raum ritualisierter Weiblichkeit. Es erregte ihn jedesmal, ohne dass er wusste, warum.
Bei diesem Bad war etwas anders. Es passte auf schwer erklärbare Art nicht zu Masha.

Aus dem Kühlschrank, der außer zwei Äpfeln und einer Tube Tomatenmark nicht viel hergab, holte er eine Flasche Mineralwasser, trank sie in einem Zug zur Hälfte aus und zog sich dann an. Als er den Schlüssel im Schloss hörte, wurde ihm bewusst, dass sie ihn in ihren Bann gezogen hatte. Endlich, dachte er.

Eine dicke Frau mit rotem Kopftuch und hellblauem Kittel kam herein, schob einen Wäschewagen vor sich her, hielt inne und sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Sie war sichtlich überrascht, ihn dort anzutreffen. Er war nicht minder verwundert, sich einer Putzfrau gegenüber zu sehen. "Senora Masha, wo ist sie?" Ein gleichgültiges Schulterzucken ihrerseits als Antwort konnte sowohl von Kommunikationsproblemen als auch von echter Unwissenheit zeugen. Er ging vor die Tür, suchte nach einem Namernsschild an der Klingel, das er nicht fand.

Zwei nachdenkliche Stunden später, nachdem ihm auch das Fehlen ihrer Schminkutensilien aufgefallen war und er weder Kleider noch sonstige persönlichen Gegenstände fand, entschloss er sich, das Warten aufzugeben.

Auf der Fahrt zum Flughafen erwischte er sich, wie er mit nervösem Blick auf den Straßen nach ihr suchte. Ihm kam die Situation noch unwirklicher vor als gestern. Wirklichlickeit, was ist das schon, dachte er resigniert. Das Empfinden in einer bestimmten Situation, gesteigert zum Affekt, wirkt ohnehin nicht lang. Der Versuch, sich an Gefühle zu erinnern, ist die vergebliche Suche nach verlorenem Glück. Hoffnungslos. Aufgebbar. Sinnfrei. Anders verhält es sich mit verdrängten Gefühlen. Sie zwängen sich regelmäßig auf, ungefragt. Sie suchen nach Verletzung, eitern zeitvergessen in die Gegenwart.

Am Airport herrschte reges Treiben. Versonnen stand er in der Reihe zu seinem Check-In-Terminal und starrte auf die kalten, glänzenden Steinfliesen vor sich. Ärger stieg in ihm auf, Ärger und Wut. Im Nachhinein, ja, im Nachhinein, dachte er. Suspekte Wirklichkeit, die sich stellt. Fragliche Wahrheit, weil nicht planmäßig erwartet. Nachsendung später Gedanken. Da hilft kein versonnenes Reiben am Daumen, kein Faltenschlagen der hohen Stirn, keine Träne, die nicht kommen will. Er kratzte sich am Hinterkopf und schob seine schwere Tasche mit dem Fuß einen Meter weiter. Seine Augen zogen weiter über die leeren, frisch geweißten Wände. Er dachte, er träume. Er träumte, er denke.

Nach zwei Stunden in der Luft ließ er beides. Mit müde gewordenen Blick starrte er auf die Wolkendecke, suchte nach Figuren, sah aber nur eine weiße Masse unter sich hinwegziehen, wie ein zeknülltes, weißes Blatt Papier, ein langer, leerer breiter Streifen...


Eine behutsame Hand berührt ihn. "Mister, wachen sie auf, in wenigen Minuten landen wir in Frankfurt. Es ist kurz vor 7 am Morgen. Würden Sie sich bitte anschnallen?!" Die Stimme klingt sehr weit entfernt, sehr vertraut, und er kommt nur langsam wieder zu sich. Er öffnet die Augen, nestelt nach seinem Gurt und blickt ihr direkt in die tiefschwarzen Augen, deren Wärme er nicht entrinnen kann. "Wirklich nur eine Nacht?" fragt sie schmunzelnd und zieht ihre rechte Augenbraue unmerklich hoch. "Wir treffen uns gleich im Flughafen-Bistro, wenn du möchtest", sagt sie, dreht sich um und läuft langsam den langen, schmalen Gang entlang. Er sieht ihr nach und bringt mit pochendem Herzen nur ein geflüstertes 'Amen' aus seiner trockenen Kehle hervor. Der Tag ist früh. Ihm ist, als hätte sie auf ihn gewartet.

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