Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Juli 2001
Nachts
von Ines Heckmann

Drei Uhr früh, erst drei Uhr früh. Wie konnte ich die Nächte überstehen? Vier Nächte! Ich weiß es nicht. Ich weiß nur: Ich möchte schlafen, schlafen, schlafen. Ich bin todmüde, meine Augenlider sind schwer, und doch kann ich nicht schlafen. Ich starre in die Nacht. Warum sind in der Dunkelheit alle Gegenstände größer als sie wirklich sind? Alles ist verzerrt. Die Schubladengriffe sind grinsende Fratzen, das Hemd an der Tür ein bedrohlicher Fremder. Geh weg Angst! Ich hab dich nicht gerufen! Geh einfach weg, laß mich doch endlich allein.
Was war das? Still! Ich spüre, wie sich Schweiß in meinen Achselhöhlen sammelt und als kleines Rinnsal hinab stürzt. Was war das für ein Geräusch? Ein Krachen, als hätte jemand den Stuhl draußen umgeworfen. Ich lausche, doch jetzt bleibt alles ruhig. Allmählich entspanne ich mich. Da! Schon wieder! Die Holzstufen im Treppenhaus knarren so laut. Jemand schleicht zu mir nach oben. Ich spüre es, ich kann es fast körperlich spüren, und ich rieche es. Ja, so riecht Angst. Warum schlafe ich nicht einfach ein?
Vielleicht rauche ich eine Zigarette. Ich habe ja alles hier. Zigarette, Feuerzeug. Dann könnte ich glühende Zeichen in die Nacht kritzeln. Nein, das werde ich nicht tun. Ich werde mich nicht verraten mit dem Geruch des Rauches. Nein, wer auch immer im Haus umherschleicht, soll denken, es sei niemand da. Ich werde mich ganz ruhig verhalten. Ganz ruhig. Jetzt hämmer doch nicht so laut, Herz! Du verrätst uns noch! Ruhig! Schlaf doch einfach. Schlafen, schlafen. Welch Sehnsucht dieses Wort in mir weckt!
Woher rührt dieses Plätschern? Wasserleitung gurgeln nicht einfach so. Der Einbrecher ist es. Bestimmt! Bestimmt ist er es! Vielleicht war er durstig und hat ein Glas Wasser getrunken. Ich habe einen trockenen Mund. Ich will etwas trinken, aber ich kann nicht. Ich kann ja nicht heraus aus dem Schlafzimmer, dann sieht er mich ja, der Eindringling. Was ist mit der Flasche neben meinem Bett? Vorsichtig taste ich danach. Jetzt nur nicht die Nerven verlieren. Bloß nicht umstoßen! Das Poltern auf den Fliesen würde Tote wecken. Vorsichtig strecke ich meine Hand aus, ziehe sie wieder zurück und wische den Schweißfilm an meinem T-Shirt ab. Dann probiere ich es erneut. Doch bis meine Hand die Flasche erreicht, hat sich wieder Feuchtigkeit wie beschlagender Nebel darauf abgesetzt. Ich muß an diese Flasche. Meine Kehle ist ausgedörrt. Langsam schlage ich die Bettdecke zurück, stelle vorsichtig die Füße auf die kalten Fliesen und erstarre. Wieso wurde es draußen plötzlich heller? Langsam drehe ich mich um und starre zum Fenster hinaus. Draußen wartet die Nacht. Von meinem Bett aus kann ich nur den Himmel sehen. Wolken segeln wie Galeonen nach Norden. Der fast volle Mond leuchtet abwechselnd schwach und hell. Seltsam, in der Nacht sind Wolken schwarz. Bedrohlich. Erdrückend. Fast kann ich ihren starren Blick fühlen.
Langsam erhebe ich mich, tappe einen vorsichtigen Schritt zur Seite, hocke mich dann vor das Bett und fühle aus dieser Stellung nach der Wasserflasche. Im Schatten des Bettes verborgen, ahne ich nur, wo sie steht. Jetzt berühre ich sie und umklammere ihren Hals mit feuchten Fingern. Nachdem ich meine Hände erneut abgewischt habe, gelingt es mir sogar, den metallenen Verschluß zu drehen. Mit überlautem Zischen entweicht das Gas. Schnell drehe ich wieder etwas zu und lausche in die Nacht. Wie ein Preßlufthammer arbeitet mein Herz in der Brust. Außer diesen dumpfen Schlägen höre ich nichts. Der Einbrecher hat sich nicht gerührt. Langsam drehe ich wieder die Kappe, dann endlich ist die Flasche offen, und ich trinke gierig den kleinen Rest darin aus.
Jetzt geht es mir besser. Gott sei Dank!
Zwanzig Minuten! Erst zwanzig Minuten vorbei. Wie lange zieht sich diese Nacht denn noch? Gott, ich kann nicht mehr! Dieser Einbrecher macht mich verrückt. Es ist die vierte verdammte Nacht, die er sich in meinem Haus aufhält!
Diese Angst, diese unsägliche Angst frißt mich auf. Still! Jetzt höre ich wieder etwas. Es klopft. Leise, unregelmäßig. Der Einbrecher? Was hat der zu klopfen? Es hört sich seltsam an. So weich, nicht wie die Knöchel eines Menschen an der Tür. Ist dieses Klopfen vielleicht in meinem Kopf? Wie lange braucht ein Mensch, ehe er irrsinnig wird? Reichen drei, vier Nächte so wie diese? Ich weiß, was es ist: Der Einbrecher trägt Handschuhe, dicke Lederhandschuhe. Bestimmt trägt er die. Er will ja keine Fingerabdrücke hinterlassen. Und es ist kalt. Tock, tock, tock. Immer noch klopft er.
Nein, meine Nerven spielen mir einen Streich. Sie brauchen einfach nur Schlaf. Schlafen, schlafen, schlafen. Zauberworte, doch unerreichbar für mich. Nicht solange dieser Einbrecher da draußen lauert, nicht solange dieses verdammte Klopfen anhält. Tock, tock, tock.
Langsam erhebe ich mich. Beine schmerzen, ich taumele kurz, kann mich aber noch fangen. Ich schaue mich um, und Sterbensangst packt mich. Ich kann zurück ins Bett. Schlafen. Nein, ich darf nicht schlafen. Im Bett ist der Mensch angreifbar, verletzlicher als sonst. Nein, ich gehe nicht ins Bett. Behutsam und leise stauche ich meine Bettdecke zusammen, bis sie so aussieht, als läge jemand darunter. Immer wieder lausche ich. Tock, tock, tock. Was ist das für ein Geräusch? Jetzt bin ich sicher, es ist nicht nur in meinem Kopf. Dazu ist es zu real. Ich weiß es: Der Einbrecher will mich verrückt machen. Er lauert neben der Schlafzimmertür und wartet, bis ich verzweifelt herausstürme. Dann wird er mich niederschlagen, verletzen oder gar töten. Aber den Gefallen tu ich ihm nicht! Ich bleibe schön brav hier drinnen und warte, bis er kommt. Warte, bis er kommt? Warum sollte ich auf ihn warten? Ich besitze keine Waffe. Oder? Suchend bohre ich meine Blicke durch die Nacht. Meine Fitneßbank zeichnet sich dunkel und unheimlich gegen das ständig wechselnde Mondlicht ab. Ob ich mit den Fingern Schrauben zu lösen vermag? Unsinn! Wie lange benötige ich allein mit Werkzeug, bis sich eine Schraube dreht? Was statt dessen? Ein Kleiderbügel? Ein Bettlaken, das ich ihm über den Kopf werfe?
Das Klopfen verstummt. Ich lausche. Eben beginnt es erneut. Panik prickelt in mir. Ich drücke mich in die Zimmerecke und lasse mich vorsichtig an der kalten Wand hinabgleiten. Vier Uhr früh. Mit nervenzehrender Langsamkeit vergeht die Zeit. Wie lange halte ich das noch aus? Jetzt knarrt die Holztreppe abermals, und das Gurgeln der Wasserleitung beginnt erneut. Ich presse die Hände gegen die Ohren. Jetzt höre ich zusätzlich noch mein Blut in den Adern rauschen.
Meine Nerven sind zum Zerreißen gespannt. Plötzlich höre ich deutlich, wie ein Schlüssel ins Schloß der Wohnungstür gesteckt wird. Ich fühle den Klammergriff der Panik. Mein Atem geht stoßweise, mein Herz flattert. Ich lausche angestrengt. Ein leises Klirren verrät mir: Du bist da! Endlich!
Ich schnelle aus meiner Position hoch, reiße die Schlafzimmertür auf und falle meiner erschreckten Frau in die Arme.
"Gott sei Dank ist die Woche ohne dich vorbei. Du hast mir so gefehlt!" stammelte ich und drücke sie fest an mich. Trotzdem ich mich jetzt sicher fühle, höre ich noch immer dieses seltsame Klopfen. Im Dunkeln suche ich nach der Richtung und sehe den Marienkäfer aus Pappmaché, der im Wind sanft gegen die Fensterscheibe schlägt. Ich unterdrücke ein hysterisches Kichern und geleite meine Frau zum Bett. In meinen Arm geschmiegt schläft sie ein. Während ich ihr Haar streichle, murmle ich: "Keine Angst, Kleines, ich werde dich beschützen und deinen Schlaf bewachen!" Einen Moment lang vernehme ich noch das harmlose Knacken des Holzes im Gebälk, gutmütiges Murmeln der Wasserleitung und das leise Knarren der Dielen. Dann fallen mir endlich die Lider zu.

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