Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Juli 2001
Nur noch eine Nacht
von André Wiesler

Es sollte wenigstens regnen. Der Himmel sollte grau sein und dicke Tropfen sollten auf dem Gefängnishof Pfützen zerreißen. Es sollte donnern und blitzen, der Kosmos selbst sollte seinen Protest herausschreien. Aber nichts von alledem.
Trocken war es. Trocken und heiß. Er saß in dem kleinen Besucherzimmer, eine Scheibe trennte ihn von seiner Frau und eine fette Fliege knallte immer wieder dagegen. Das bringt nichts Kumpel, du kommst hier ebenso wenig raus wie ich.
Der Ventilator summte, sonst war es still. Der Stuhl in der Ecke knirschte, als sich der Wärter zurechtsetzte. Er hatte noch eine Nacht zu leben, man sollte meinen, dass man in so einer Situation unendlich viel zu besprechen hätte, mit der Frau, mit der man siebzehn Jahre seines Lebens verbracht hatte. Aber alles Wichtige hatten sie in den vergangenen Jahren immer wieder besprochen und nur wenig erschien wirklich bedeutsam, wenn man sich nicht mehr liebte. In seinen letzten Stunden bekam man dafür einen scharfen Blick.
"Die Kinder?", fragte er.
"Sind bei meiner Mutter.", gab sie zurück.
"Na wenigstens die wird sich morgen freuen!"
Sie blickte erschrocken auf: "Warum sagst du so was?"
"Sie konnte mich nie leiden!", sagte er entschuldigend. Dann lehnte er sich vor, hätte gerne ihre Hand genommen. Aber die Scheibe verhinderte es. Der Gefängnisleitung waren drei Selbstmordversuche genug – sie wollten nicht riskieren, dass er Gelegenheit zu einem vierten bekam, weil seine Frau ihm etwas zusteckte.
Sie gab keine Antwort, blickte zu Boden, brachte es nicht fertig, ihn kurz vor seinem Tod anzulügen – ihre Mutter hasste ihn, und sie wussten es beide. Dass er im Gefängnis saß, war für sie nur eine Bestätigung ihrer Befürchtungen gewesen.
Die Türe hinter ihm öffnete sich und eine zweite Wache kam herein: "Besuchszeit ist zu Ende." Der andere Wärter erhob sich.
"Jetzt schon?" fragte seine Frau erschrocken. Tränen schossen ihr in die Augen.
Er stand auf und ließ sich die Handschellen anlegen.
"Nein, bitte! Noch nicht. Bitte!" Ihre Stimme überschlug sich und sie presste die eine Hand vor den Mund, die andere gegen die Scheibe.
"Gott Irene, reiß dich zusammen!" sagte er eindringlich.
Sie schrak zurück, das Schluchzen verstummte.
"Komm morgen nicht, ich will dich nicht sehen.", setzte er nach.
Ihre Tränen versiegten, ihr Gesicht wurde hart, verbittert. Gut. Sollte sie ihn hassen. Das würde ihr die Sache morgen leichter machen.
Er wurde aus dem Raum hinausgeführt. Er drehte sich nicht um, aber als die Türe sich hinter ihm schloss, wünschte er, er hätte es getan.
Verdammt, sie würden ihn hinrichten. Umbringen. Dies war die letzte Nacht seines Lebens. Er hatte gehofft, dass es leichter würde, wenn er es sich endlich eingestand. Aber es half nicht. Sie würden ihn töten, ob er sich damit abfand oder nicht.
Sie schoben ihn in die Zelle. Einer drückte seine Schulter und ein trauriges Lächeln zuckte über die Lippen des Wärters. Dann schloss sich die Türe.
Nur noch eine Nacht. Aber das hieß auch: nur noch eine Nacht in dieser winzigen Zelle. Dafür war er dankbar. In der ersten Zeit hatte er gedacht, er würde verrückt werden. Wer weiß, vielleicht war er das ja sogar. Aber nein – so wie er sich kannte, wären seine Wahnvorstellungen viel besser als dieser Scheiß.
Sollte er versuchen zu schlafen? Vielleicht würden sie ihn ja morgen früh wecken und ihm seine Begnadigung mitteilen. Ja, sicher. Oder die Zahnfee kam heute Nacht und befreite ihn. Nein, schlafen hatte wohl wenig Sinn – immerhin konnte er ab morgen für immer schlafen.
Sein Blick fiel auf das dicke Buch. Er hatte sich vorgenommen, es zu Ende zu lesen. Einhundert Seiten hatte er noch vor sich. Das könnte er schaffen. Er war kein geübter Leser, aber hundert Seiten bis morgen früh um neun, das war drin. Er nahm es und schlug es auf, begann zu lesen.
Konzentration! Er wollte wenigstens einmal im Leben etwas ganz zu Ende bringen, und das war seine letzte Gelegenheit. Hoffentlich hatte wenigstens das Buch ein Happy-End – seine Geschichte hatte mit Sicherheit keines.

Als sie ihn holten, war er auf der vorletzten Seite.

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