Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Juli 2001
Abflug nach Rom 6 Uhr 45
von Mara Martin

Eigentlich sollte es ein fr├Âhlicher Abend mit seinen Kollegen werden, die schon lange darauf gedrungen hatten, dass er doch einmal mitgehe. Er hatte immer Vorw├Ąnde gefunden, dies ab zu schlagen, Familie, Geburtstag der Gro├čmutter, Hochzeitstag seiner Frau und schlie├člich sogar der Abschlussball seines ├Ąltesten Sohnes ÔÇô nur, er kannte weder seine Gro├čmutter, noch hatte er eine Frau. Und einen Sohn konnte er auch nicht bieten.

Er hatte Angst vor ihren Fragen an einem solchen Abend, er h├Ątte weitere Ausreden erfinden m├╝ssen, L├╝gengeschichten, die so wieso schon ein ganzes Buch auf seinem Kaminsims f├╝llten, weil er sich mit der Zeit die Bausteine seiner Phantasiegeb├Ąude nicht mehr merken konnte und sie morgens, wie andere die Zeitung, noch einmal rasch ├╝berflog, bevor er sich auf seinen zweist├╝ndigen Weg zur Arbeit machte. Niemand wusste, wo er wirklich wohnte, eine kleine vom ihm im Nachbarort seiner Firma angemietete Wohnung war Alibi genug f├╝r die Post, Telefonate wurden umgeleitet, man kannte ihn dort nur als Vertreter, der viel unterwegs war und dessen Familie in S├╝ddeutschland lebte und wegen des schulpflichtigen Sohnes nicht hierher umziehen wollte.

Die Abgeschiedenheit seines Besitzes, zu dem er nie auf direktem Wege nach seiner Arbeit fuhr, bewahrte ihn vor jeglichen Besuchern, das Personal wurde f├╝r seine Verschwiegenheit f├╝rstlich entlohnt.

Ein m├Ąchtiger Widerwillen durchfuhr ihn, wenn er daran dachte, wie anders man ihn behandeln w├╝rde, wenn sie sein hochherrschaftliches Haus kennen, wenn sie die Nummern seiner Schweizer Konten gen├╝sslich von Ohr zu Ohr tuscheln w├╝rden.

Das Erbe seines verschollenen Vaters hatte er erst nach dem Ablauf von f├╝nf Jahren antreten k├Ânnen. Wie sehr hatte man ihn mit der m├Âglichen Aussicht auf Teilhabe an diesem Verm├Âgen umgarnt und beschmeichelt.

Ja, er hatte sie wirklich geliebt.
Mit ihm im Alter in Italien leben, das sei ihr Traum.
Er mochte ihre kecke Fr├Âhlichkeit, sah nicht dahinter die k├╝hle Berechnung, hinter ihrer Sanftheit nicht den diebisch versteckten brutalen Egoismus. Angesichts ihrer, allerdings nur perfekt zur Schau gestellten, fast kindlichen Hilflosigkeit f├╝hlte er sich als Besch├╝tzer, ohne zu merken, dass er das ungesch├╝tzte Opfer war, was, l├Ącherlich stolz auf seine F├╝rsorge, ergeben diente mit dem Ziel, Vollkommenheit zu finden in der Harmonie ihrer beider Seelen.

Erst als er ganz ohne Argwohn und Absicht ihre stichwortartigen Aufzeichnungen fand, nicht einmal genial versteckt im Futter ihrer Reisetasche, ├╝ber die bisherige Strategie ihrer Verf├╝hrung und ihre zuk├╝nftigen Pl├Ąne, wie ihn weiter an ihr Ziel zu treiben, st├╝rzte seine Welt in sich zusammen. Ein Paul H., wohl schon seit geraumer Zeit ihr Vertrauter, sollte dabei eine Rolle spielen, die wohl darin bestanden h├Ątte, ihn aus seinem Leben zu verabschieden. Als er feststellte, dass sich hinter den aufgekritzelten Telefonnummern auch der ortsans├Ąssige Bestattungsunternehmer verbarg, st├╝rzte er blind davon.

Mit der Aussicht auf sein Erbe bewilligte die Bank ihm bereitwillig den gro├čz├╝gigen Kredit, so dass er alles ├╝ber Mittelsm├Ąnner abwickeln konnte.
Seine Nase, die Form seiner Augenbrauen und die seiner Lippen hatten ihm noch nie gefallen. Der Zufall erhielt keine Chance.

Der angeblich angetretene Urlaub m├╝ndete in ein anderes Leben in einer fremden Stadt.
Seine wenig abwechslungsreiche T├Ątigkeit als kaufm├Ąnnischer Angestellter in der kleinen Speditionsfirma langweilte ihn zu weilen betr├Ąchtlich. Doch vor die manchmal tats├Ąchlich wehm├╝tigen Erinnerungen an die kreativen H├Âhenfl├╝ge seines Architektendaseins in der Vergangenheit schoben sich Bilder seiner abgrundtiefen Trauer, die ihn noch Jahre nach der Aufdeckung seines Trugbildes begleitet hatte und seine Wehmut jedes Mal abrupt unterbrach.

"Nun kommen Sie schon, stehen Sie auf, Sie k├Ânnen hier nicht liegen bleiben!"
Die Stimme drang nur m├╝hsam durch den blassblauen Nebel, der vor seinen Augen lag. Sein Arm schmerzte, doch er wusste im n├Ąchsten Moment nicht, ob es nicht doch das Bein war, dass irgendwie akrobatisch unter seinen K├Ârper geschoben schien. "Soll ich ein Taxi holen, wo wohnen Sie? Wie hei├čen Sie? Soll ich jemanden benachrichtigen?" Sein Mund formte nur ein ├ächzen, Schmerz durchzuckte seinen K├Ârper und Schmerz durchzuckte sein Denken.

'Weg, ich muss hier weg,... bitte veranlassen Sie alles... ich gehe nicht zur├╝ck...nein, verkaufen sie das Haus...nein, keine Entsch├Ądigung...meine pers├Ânlichen Sachen ben├Âtige ich nicht mehr...keine pers├Ânlichen Kontakte...`.

"Kommen Sie, ich helfe Ihnen auf, st├╝tzen Sie sich auf mich."
Ihre weiteren Worte nahm er nur undeutlich wahr. In seine Nase stieg der billig herbe Duft eines Parfums, der nicht zusammen passte mit dieser Stimme, deren besorgter Tonfall ihm fremd, in einzelnen Wortkombinationen doch so vertraut, schmerzlich vertraut erschien.
Seine Abwehr m├╝ndete nur in ein schmerzvolles Wimmern. Widerwillig, ohne wirksamen Wiederstand schleppte er sich, ungeschickt auf ihre Schulter gest├╝tzt, Schritt f├╝r Schritt vorw├Ąrts, benommen, mit noch immer blassen, m├╝hevoll nach Orientierung suchenden Augen. Der sie verschleiernde Nebel l├Âste sich nur langsam und gab seinen Blick frei auf eine sp├Ąrlich beleuchtete Stra├če und abweisend aufragende Hausfassaden.

"Gleich sind wir da, geht es noch, kommen Sie, leider wohne ich im zweiten Stock."
Das `Nein` schaffte nicht den Weg ├╝ber seine Lippen und bei der fast unertr├Ąglichen Anstrengung die Treppen hinauf, ├╝berlie├č er sich ergeben ihren Worten und der helfenden Kraft ihres K├Ârpers.

Er wagte es nicht auf diesen Mund, wagte es nicht auf die Schulter, die Arme zu gucken, die es geschafft hatten, ihn bis zu diesem Sofa zu bringen, auf dem er ersch├Âpft, verwirrt, hilflos, wie ein ├╝berm├╝detes Kind, zusammen sank.
Wie warm sich die Haut ihres nackten Unterarms anf├╝hlte, der ihn kurz ber├╝hrte bei ihrem Bem├╝hen, ihm etwas lauen Tee ein zu fl├Â├čen. Das schmerzvolle Wiederkennen lie├č ihn wie elektrisiert auf das Kissen zur├╝ck fallen. Nur wiederstrebend erlaubte er ihren H├Ąnden, ihm zu helfen, sein Hemd ├╝ber den Kopf zu ziehen. Als er in die W├Ąrme des Badewassers glitt und den sanften Druck der Seife auf seinem R├╝cken sp├╝rte, wich trotz der sich in seinem K├Ârper ausbreitenden Wohligkeit nur allm├Ąhlichen seine Abwehr und machte Platz f├╝r eine fast erstaunte ├ťbereinkunft mit ihrer F├╝rsorge.

Mit halboffenen Augen nahm er durch das winzige Badezimmerfenster wahr, dass es noch immer dunkel, also wohl sp├Ąt in der Nacht sein musste. Hatte er nicht noch eben mit den beiden Kollegen, die ihn nicht hatten nach Hause gehen lassen wollen, in diesem dubiosen Lokal gesessen? So sehr er auch versuchte, sich an Weiteres zu erinnern, es gelang ihm nicht.

In einen warmen Bademantel geh├╝llt, wagte er zum ersten Mal einen Blick in dieses Gesicht, vor dessen Anblick er sich geradezu f├╝rchtete. Das Haar gepflegt, durchaus, vielleicht etwas zu dunkel f├╝r die blasse Gesichtshaut, deren Durchsichtigkeit in ihm spontan eine vertraute Faszination ausl├Âste. Er vermied zun├Ąchst, ihr direkt in die Augen zu schauen, konnte aber, als sie ihm aufmerksam einen Teller mit dampfenden Nudeln hin stellte, doch nicht wiederstehen. Ein dunkler, fast mystisch anmutender Blick traf ihn und pl├Âtzlich glaubte er, ein kurzes ungl├Ąubiges Erstaunen aufblitzen zu sehen, dem er sich nur entziehen konnte, indem er seinen Kopf senkte.

Mit f├╝rsorglicher Gesch├Ąftigkeit machte sie sich daran, einen Rest einer nach frischen Himbeeren duftenden Nachspeise aus einer Sch├╝ssel zu kratzen und in ein Sch├Ąlchen vor ihm zu f├╝llen. "Es ist leider nur noch ein Rest", bemerkte sie mit leicht verhaltener Stimme und als er keine Anstalten machte zu essen, dr├╝ckte sie ihm wie eine Mutter ihrem Kind den L├Âffel in die Hand. Ihre gleichbleibenden beruhigenden Bem├╝hungen um ihn l├Âsten nach und nach seine Verkrampfung.

"Wissen Sie, es gef├Ąllt mir hier bei Ihnen", h├Ârte er sich mit fremder Stimme sagen und als er das zweite Glas des s├╝├člichen Weines getrunken hatte, gelang es ihm sogar ein wenig zu lachen ├╝ber ihre vorsichtigen Scherze. Sie stellten fest, dass sie in den letzten Jahren gleiche B├╝cher gelesen und dass beide eine Vorliebe f├╝r Italien hatten. Wenn sie l├Ąchelte, verschwand die strenge Falte zwischen ihren Augenbrauen und mit ihr nahezu der letzte Rest seiner schmerzlichen Erinnerung. Als sie die Decke ├╝ber ihn ausbreitete, durchfloss ihn ein uns├Ągliches Gef├╝hl euphorischer Ersch├Âpfung, einem Langstreckenl├Ąufer gleich, der gerade als Sieger die Ziellinie passiert hatte.
"Schlafen Sie gut, ich hole Br├Âtchen morgen fr├╝h."
Als die Ger├Ąusche aus dem Nebenzimmer verstummten, zog er sich leise an und schloss behutsam die Wohnungst├╝r hinter sich.

Die erste Maschine nach Rom hob im Morgengrauen vom Flugfeld ab, er l├Âste den Sicherheitsgurt und bat die Stewardess um eine Tasse Kaffee.

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