Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Juli 2001
Abflug nach Rom 6 Uhr 45
von Mara Martin

Eigentlich sollte es ein fröhlicher Abend mit seinen Kollegen werden, die schon lange darauf gedrungen hatten, dass er doch einmal mitgehe. Er hatte immer Vorwände gefunden, dies ab zu schlagen, Familie, Geburtstag der Großmutter, Hochzeitstag seiner Frau und schließlich sogar der Abschlussball seines ältesten Sohnes – nur, er kannte weder seine Großmutter, noch hatte er eine Frau. Und einen Sohn konnte er auch nicht bieten.

Er hatte Angst vor ihren Fragen an einem solchen Abend, er hätte weitere Ausreden erfinden müssen, Lügengeschichten, die so wieso schon ein ganzes Buch auf seinem Kaminsims füllten, weil er sich mit der Zeit die Bausteine seiner Phantasiegebäude nicht mehr merken konnte und sie morgens, wie andere die Zeitung, noch einmal rasch überflog, bevor er sich auf seinen zweistündigen Weg zur Arbeit machte. Niemand wusste, wo er wirklich wohnte, eine kleine vom ihm im Nachbarort seiner Firma angemietete Wohnung war Alibi genug für die Post, Telefonate wurden umgeleitet, man kannte ihn dort nur als Vertreter, der viel unterwegs war und dessen Familie in Süddeutschland lebte und wegen des schulpflichtigen Sohnes nicht hierher umziehen wollte.

Die Abgeschiedenheit seines Besitzes, zu dem er nie auf direktem Wege nach seiner Arbeit fuhr, bewahrte ihn vor jeglichen Besuchern, das Personal wurde für seine Verschwiegenheit fürstlich entlohnt.

Ein mächtiger Widerwillen durchfuhr ihn, wenn er daran dachte, wie anders man ihn behandeln würde, wenn sie sein hochherrschaftliches Haus kennen, wenn sie die Nummern seiner Schweizer Konten genüsslich von Ohr zu Ohr tuscheln würden.

Das Erbe seines verschollenen Vaters hatte er erst nach dem Ablauf von fünf Jahren antreten können. Wie sehr hatte man ihn mit der möglichen Aussicht auf Teilhabe an diesem Vermögen umgarnt und beschmeichelt.

Ja, er hatte sie wirklich geliebt.
Mit ihm im Alter in Italien leben, das sei ihr Traum.
Er mochte ihre kecke Fröhlichkeit, sah nicht dahinter die kühle Berechnung, hinter ihrer Sanftheit nicht den diebisch versteckten brutalen Egoismus. Angesichts ihrer, allerdings nur perfekt zur Schau gestellten, fast kindlichen Hilflosigkeit fühlte er sich als Beschützer, ohne zu merken, dass er das ungeschützte Opfer war, was, lächerlich stolz auf seine Fürsorge, ergeben diente mit dem Ziel, Vollkommenheit zu finden in der Harmonie ihrer beider Seelen.

Erst als er ganz ohne Argwohn und Absicht ihre stichwortartigen Aufzeichnungen fand, nicht einmal genial versteckt im Futter ihrer Reisetasche, über die bisherige Strategie ihrer Verführung und ihre zukünftigen Pläne, wie ihn weiter an ihr Ziel zu treiben, stürzte seine Welt in sich zusammen. Ein Paul H., wohl schon seit geraumer Zeit ihr Vertrauter, sollte dabei eine Rolle spielen, die wohl darin bestanden hätte, ihn aus seinem Leben zu verabschieden. Als er feststellte, dass sich hinter den aufgekritzelten Telefonnummern auch der ortsansässige Bestattungsunternehmer verbarg, stürzte er blind davon.

Mit der Aussicht auf sein Erbe bewilligte die Bank ihm bereitwillig den großzügigen Kredit, so dass er alles über Mittelsmänner abwickeln konnte.
Seine Nase, die Form seiner Augenbrauen und die seiner Lippen hatten ihm noch nie gefallen. Der Zufall erhielt keine Chance.

Der angeblich angetretene Urlaub mündete in ein anderes Leben in einer fremden Stadt.
Seine wenig abwechslungsreiche Tätigkeit als kaufmännischer Angestellter in der kleinen Speditionsfirma langweilte ihn zu weilen beträchtlich. Doch vor die manchmal tatsächlich wehmütigen Erinnerungen an die kreativen Höhenflüge seines Architektendaseins in der Vergangenheit schoben sich Bilder seiner abgrundtiefen Trauer, die ihn noch Jahre nach der Aufdeckung seines Trugbildes begleitet hatte und seine Wehmut jedes Mal abrupt unterbrach.

"Nun kommen Sie schon, stehen Sie auf, Sie können hier nicht liegen bleiben!"
Die Stimme drang nur mühsam durch den blassblauen Nebel, der vor seinen Augen lag. Sein Arm schmerzte, doch er wusste im nächsten Moment nicht, ob es nicht doch das Bein war, dass irgendwie akrobatisch unter seinen Körper geschoben schien. "Soll ich ein Taxi holen, wo wohnen Sie? Wie heißen Sie? Soll ich jemanden benachrichtigen?" Sein Mund formte nur ein Ächzen, Schmerz durchzuckte seinen Körper und Schmerz durchzuckte sein Denken.

'Weg, ich muss hier weg,... bitte veranlassen Sie alles... ich gehe nicht zurück...nein, verkaufen sie das Haus...nein, keine Entschädigung...meine persönlichen Sachen benötige ich nicht mehr...keine persönlichen Kontakte...`.

"Kommen Sie, ich helfe Ihnen auf, stützen Sie sich auf mich."
Ihre weiteren Worte nahm er nur undeutlich wahr. In seine Nase stieg der billig herbe Duft eines Parfums, der nicht zusammen passte mit dieser Stimme, deren besorgter Tonfall ihm fremd, in einzelnen Wortkombinationen doch so vertraut, schmerzlich vertraut erschien.
Seine Abwehr mündete nur in ein schmerzvolles Wimmern. Widerwillig, ohne wirksamen Wiederstand schleppte er sich, ungeschickt auf ihre Schulter gestützt, Schritt für Schritt vorwärts, benommen, mit noch immer blassen, mühevoll nach Orientierung suchenden Augen. Der sie verschleiernde Nebel löste sich nur langsam und gab seinen Blick frei auf eine spärlich beleuchtete Straße und abweisend aufragende Hausfassaden.

"Gleich sind wir da, geht es noch, kommen Sie, leider wohne ich im zweiten Stock."
Das `Nein` schaffte nicht den Weg über seine Lippen und bei der fast unerträglichen Anstrengung die Treppen hinauf, überließ er sich ergeben ihren Worten und der helfenden Kraft ihres Körpers.

Er wagte es nicht auf diesen Mund, wagte es nicht auf die Schulter, die Arme zu gucken, die es geschafft hatten, ihn bis zu diesem Sofa zu bringen, auf dem er erschöpft, verwirrt, hilflos, wie ein übermüdetes Kind, zusammen sank.
Wie warm sich die Haut ihres nackten Unterarms anfühlte, der ihn kurz berührte bei ihrem Bemühen, ihm etwas lauen Tee ein zu flößen. Das schmerzvolle Wiederkennen ließ ihn wie elektrisiert auf das Kissen zurück fallen. Nur wiederstrebend erlaubte er ihren Händen, ihm zu helfen, sein Hemd über den Kopf zu ziehen. Als er in die Wärme des Badewassers glitt und den sanften Druck der Seife auf seinem Rücken spürte, wich trotz der sich in seinem Körper ausbreitenden Wohligkeit nur allmählichen seine Abwehr und machte Platz für eine fast erstaunte Übereinkunft mit ihrer Fürsorge.

Mit halboffenen Augen nahm er durch das winzige Badezimmerfenster wahr, dass es noch immer dunkel, also wohl spät in der Nacht sein musste. Hatte er nicht noch eben mit den beiden Kollegen, die ihn nicht hatten nach Hause gehen lassen wollen, in diesem dubiosen Lokal gesessen? So sehr er auch versuchte, sich an Weiteres zu erinnern, es gelang ihm nicht.

In einen warmen Bademantel gehüllt, wagte er zum ersten Mal einen Blick in dieses Gesicht, vor dessen Anblick er sich geradezu fürchtete. Das Haar gepflegt, durchaus, vielleicht etwas zu dunkel für die blasse Gesichtshaut, deren Durchsichtigkeit in ihm spontan eine vertraute Faszination auslöste. Er vermied zunächst, ihr direkt in die Augen zu schauen, konnte aber, als sie ihm aufmerksam einen Teller mit dampfenden Nudeln hin stellte, doch nicht wiederstehen. Ein dunkler, fast mystisch anmutender Blick traf ihn und plötzlich glaubte er, ein kurzes ungläubiges Erstaunen aufblitzen zu sehen, dem er sich nur entziehen konnte, indem er seinen Kopf senkte.

Mit fürsorglicher Geschäftigkeit machte sie sich daran, einen Rest einer nach frischen Himbeeren duftenden Nachspeise aus einer Schüssel zu kratzen und in ein Schälchen vor ihm zu füllen. "Es ist leider nur noch ein Rest", bemerkte sie mit leicht verhaltener Stimme und als er keine Anstalten machte zu essen, drückte sie ihm wie eine Mutter ihrem Kind den Löffel in die Hand. Ihre gleichbleibenden beruhigenden Bemühungen um ihn lösten nach und nach seine Verkrampfung.

"Wissen Sie, es gefällt mir hier bei Ihnen", hörte er sich mit fremder Stimme sagen und als er das zweite Glas des süßlichen Weines getrunken hatte, gelang es ihm sogar ein wenig zu lachen über ihre vorsichtigen Scherze. Sie stellten fest, dass sie in den letzten Jahren gleiche Bücher gelesen und dass beide eine Vorliebe für Italien hatten. Wenn sie lächelte, verschwand die strenge Falte zwischen ihren Augenbrauen und mit ihr nahezu der letzte Rest seiner schmerzlichen Erinnerung. Als sie die Decke über ihn ausbreitete, durchfloss ihn ein unsägliches Gefühl euphorischer Erschöpfung, einem Langstreckenläufer gleich, der gerade als Sieger die Ziellinie passiert hatte.
"Schlafen Sie gut, ich hole Brötchen morgen früh."
Als die Geräusche aus dem Nebenzimmer verstummten, zog er sich leise an und schloss behutsam die Wohnungstür hinter sich.

Die erste Maschine nach Rom hob im Morgengrauen vom Flugfeld ab, er löste den Sicherheitsgurt und bat die Stewardess um eine Tasse Kaffee.

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