Das alte Buch Mamsell
Das alte Buch Mamsell
Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » René Wolf IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Juli 2001
Die Überlebende
von René Wolf

Dieses Mädchen! Ihr Rücken zuckte nackt und in perfekten Rhytmen zu "Saturday Night Fever". Groß war sie, aber nicht lang und dürr. Kräftige Schultern, helle Haut, rasiert in den Achseln. Ihre Brüste: weder groß noch klein- und sie brauchten keinen BH. Jede Bewegung wurde von ihnen mit einem sanften Beben quittiert; kein wildes, lächerliches Schlenkern der Titten wie bei manchen Frauen... Und ihr Hintern kreiste, streckte sich, schleuderte Lustwellen über die Tanzfläche, die ein zigfaches Echo in den Blicken der Männer fanden.
Rote, verschwitzte Haarspitzen klatschten wie kleine Peitschen in ihr Gesicht. Und natürlich war sie schön.

Etwas rauschte in meinem Kopf. Ich hatte nur zwei Biere getrunken. Aber etwas rauschte.
Ich lag zwischen Seidentüchern, die meine Schenkel streichelten. Seide, wie ihre weiße Haut.
Blut pulste in den Ohren. Blut, das von einem halben Millimeter Haut daran gehindert wurde, aus meinem fast platzenden Glied in das Seidenmeer zu spritzen.
Kein Rauschen mehr. Nasse Mädchenfüßen patschten auf Holzdielen. Kaltes tropft auf meine Stirn. Die Peitschenspitzen ihres Haars über mir. "Fass mich an!" Das hatte sie geflüstert, doch es war ein Befehl. Der Rest war nackter Rausch. Versinken, verschlingen, verströmen, verbeißen, verschmelzen. Schreien. Hastiges Atemschnappen.
Still. Im Bad verhallen einsame Tropfen, der Duschkopf zählte die Zeit.

"Gehen wir morgen essen?" Meine Stimme krächzte, zitterte. Sie lächelte-ein Sonnenaufgang nach einem trüben Herbsttag. Ich hustete leise. Einmal kurz, einmal lang.
Morsezeichen in die stumme Nacht. Ein Kuß auf meine Augenbraue. Kribbeln zwischen
den Beinen- ihre Fingernägel pieksten sanft meine Hoden. Wir sahen uns an. Augen versprachen alles. Kein Blinzeln, große, offene Seen, klarer Grund. Ich liebe dich dachte ich, aber ich weiß, DAS darf ich jetzt noch nicht sagen.
Ich weiß nicht, wie lange wir dann geredet haben.Es war wie Achterbahnfahren, aber ohne Angst, und keinem wurde übel. Geschichten von fremden Orten, Stadtklatsch, Familienfeiern, Mondscheinphilosophie, Scherze über Chefs, Klagen über Kunden, Berichte von Beerdigungen. Dazwischen Küsse. Sekt. Fingerspitzen an den Wangen, auf der Brust, und immer wieder meine Hand auf ihrem Marmorpo.
Später wieder das Rauschen . Sie duschte danach, das passte eigentlich nicht zu ihr.
Ich war zu müde, um darüber nachzudenken.

Ein Blatt Papier, darauf fünf Worte: Es gibt nur eine Nacht.
Ein trüber Herbsttag nach einem Sonnenaufgang.
Wochen, die ich versoffen, verredet, verheult und verraucht habe. Und verschrieben. Irgendwer verriet mir ihre Adresse. Ich hörte nur noch diesen Satz:
Es gibt nur eine Nacht.
Ich habe sie noch oft gesehen, in dieser Diskothek, in Kneipen, auf der Straße. Meistens mit Männern, nie mit demselben.
Jemand hat mir erzählt, sie wäre mit fünf Jahren zum ersten Mal von ihrem Vater gezwungen worden, ihm einen zu blasen. Aber das ist eine andere Geschichte. Die geht mich garnichts an.

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
Dieser Text enthält 2952 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2020 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.