'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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August 2001
Das Birkenmädchen
von Katja Nathalie Obring

Birken und nackte Mädchen am Wasser
aber Birken sind schlanker und blasser.
Steigen die Mädchen weiß in den See
bleiben Birken, Knabe und Reh.
Peter Huchel



Ihm war heiss. Der Schweiss lief in Bächen an seinen Schläfen herunter, den Hals hinab, sammelte sich seengleich in den Vertiefungen der Schlüsselbeine, klebte das Hemd an den Rücken, die Hose an die Beine. Mücken umschwirrten ihn, die er, mit der Hand zu verscheuchen suchte. Seine Augen klebten an ihrer Spur, ein gebrochener Ast hier, ein zertretenes Mooskissen dort. Er würde sie kriegen.
Vor ihm lichtete sich der Wald. Die Spur führte ihn auf eine Wiese, in deren Mitte sich ein Birkengehölz erhob. Durch die Bäume sah er Wasser glitzern. Er schlich näher. Ihre Tritte schienen an Weite verloren zu haben. Die Vorfreude ließ ihn erbeben.
Er hörte ein Plätschern. Sein Körper spannte sich. Schritt für Schritt tastete er sich nun durch die weißscheckigen, schlanken Stämme, deren silbergrünes Laub über ihm im Winde flirrte. Sein Atem ging flach und angespannt, nur durch die Brust. Die wirbelnden Blätter streuten das Sonnenlicht, eine Aura aus diffusem Licht umgab den kleinen See, den er nun durch das Stammgitter erkennen konnte. An seinem Ufer ein weißer Umriss, plump und rundlich im Vergleich zu den zarten Bäumen, an deren langfingrigen Ästen die wimpelhaften Blätter sirrten. Die Gestalt beugte sich nieder, schöpfte Wasser in der hohlen Hand, das sie langsam über ihren Rücken rinnen ließ. Ihre Hinterbacken streckten sich ihm entgegen, dann richtete sie sich auf, und die Form löste sich in schwungvolle Kurven.
Eine Frau.
Die Luft staute in seiner Lunge, und pfeifend atmete er aus. Erschreckt über das Geräusch, hielt er sofort wieder inne, konnte dem Druck nicht standhalten, wieder das Pfeifen, diesmal hatte sie es gehört und drehte sich um. Er stand stockstill, betete, sie möge ihn nicht sehen. Seine Gebete wurden erhört. Sie langte nach einer Tasche am Ufer, entnahm ihr eine Bürste und begann, ihr Haar zu kämmen. Es hob sich pechschwarz von der milchig-weißen Haut ihres Rückens ab. Strich um Strich trennte sie die langen Strähnen, langsam, bedächtig, hoch fuhr der Arm, ab lief die Bürste. Betört machte er einen vorsichtigen Schritt nach vorn. Immer wieder, hoch, ab, bis sie wie in eine glänzende schwarze Wolke gehüllt dastand.
Plötzlich zeriss ein Jammern die Luft. Ein rein animalischer Laut. Seine Beute. Vor ihm lag die Rehkuh, die er seit dem Morgengrauen gejagt hatte. Aus waidwunden Augen sah sie ihn an, keuchend auf der Seite liegend. Unter ihr hatte sich ein Lache dunklen Bluts gesammelt. Fliegen schwirrten herum. Ihr Hinterlauf scharrte den lockeren Boden auf, sie versuchte hoch zu kommen, jedoch ohne Erfolg. Sie war zu schwach. Er zögerte keine Sekunde. Mit ruhiger Hand zog er das Messer, fasste den Kopf, stand nun breitbeinig über ihr. Er riss den Schädel zurück, die pulsierenden Adern zuckten unter dem rotbraunen Fell. Mit einem schnellen und sicheren Stich waren sie durchtrennt. Hellrot sprudelte das Blut heraus. Die Rehkuh gab ein Keuchen von sich, ihr Körper zuckte noch einmal wild, dann verlor sich ihr Ringen um Luft in einem Gurgeln. Schließlich erschlaffte sie in seiner Hand, und vorsichtig ließ er ihren Kopf zu Boden gleiten. Auch er keuchte nun heftig.
Dann sah er zum See hin. Das Mädchen war weg, nur ihre Bürste schaukelte noch in den spitz in den See laufenden Wellen.
Er seufzte tief, beugte sich nieder und schulterte seine Beute. Ein letzter Blick noch, aber die Schöne blieb verschwunden. Heimwärts richtete er den Schritt, ermattet, doch zufrieden.

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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