Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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August 2001
Sonne und Regen
von Josef Graßmugg

'Was will dieser Fremde hier?' Tobias blickte durch das Küchenfenster in den Hof. Er hatte das Auto schon von weitem gesehen. Es kam selten vor, das sich jemand in diese Gegend verirrte. Die wenigen Einheimischen, die den Weg benützten, erkannte er an den jeweiligen Autos.
Erst jetzt, beim Aussteigen, merkte er, dass es eine Frau - eigentlich noch ein Mädchen - war, dass vor seinem Haus geparkt hatte. Suchend blickte sie sich um. "Ich gehe kurz raus. Da ist jemand gekommen." rief Tobias in den hinteren Teil des Hauses. Aber es war ungewiss, ob es seine Frau gehört hatte. Wahrscheinlich machte sie ihr Nachmittagsschläfchen. Als er die Tür geöffnet hatte, stand die Fremde direkt vor ihm. Sein Erstaunen über den unerwarteten Besuch war nicht gespielt. Sekundenlang war er unfähig, ein Wort über die Lippen zu bringen. Die junge Frau riss ihn mit einem lächelnden "Hallo!" aus seiner Lethargie.
"Guten Tag." brachte Tobias beinahe stotternd hervor. Es war der Anblick der Besucherin, der ihn völlig verwirrte. Nicht nur das knallrote Haar, das einen wunderbaren Kontrast zu ihren blitzblauen Augen bildete, nicht nur die vollen Lippen, deren erfrischendes Rot das makellose Weiß ihrer Zähne umrahmte. Es war vor allem die Bluse, die erfolglos versuchte, das zu verbergen, was eigentlich ihre Aufgabe gewesen wäre. Nur war der hauchdünne Stoff auf verlorenem Posten. Es gab keinen BH, der für Unterstützung gesorgt hätte. Wie durch einen dünnen Vorhang präsentierten sich Tobias die Brüste der Besucherin.
"Darf ich Sie was fragen?" Entweder merkte die Fremde Tobias' Verblüffung nicht, oder sie war diese Reaktion bereits gewöhnt. Jedenfalls gab sie sich ganz natürlich.
"Klar," allmählich verflüchtigte sich sein tranceähnlicher Zustand, "wollen Sie nicht rein kommen?"
"Okay. Wenn's Ihnen nichts ausmacht. Ich hab Zeit genug. Übrigens, ich heisse Bianca."
Die Beiden gingen in die Küche und setzten sich an den Tisch. Noch bevor Bianca ihre Frage stellen konnte, erkundigte sich der Hausherr, ob er ihr etwas zu trinken anbieten dürfe. Sie war gerne einverstanden, immerhin war sie seit mehreren Stunden unterwegs gewesen.
"Falls Sie sich wundern, warum ich zu Ihnen komme: Es ist purer Zufall. Ich bin schon seit ein paar Tagen mit dem Auto unterwegs. Ich verbringe meinen Urlaub damit, irgendwelche neue Gegenden kennen zu lernen. Eigentlich habe ich keine Ahnung, wo ich gerade bin, und was es in dieser Gegend Sehenswertes gibt."
"Ach so, das ist schnell erklärt..."
"Tobias! Tobias!" Das Rufen kam aus dem hinteren Zimmer. Er kannte es nur allzu gut. Seine Frau brauchte wieder einmal etwas.
"Ich komme gleich, Samantha." versuchte er seine Frau kurz zu vertrösten, obwohl er wusste, dass es aussichtslos war. Noch während er Bianca erklärte, dass er kurz nach ihr sehen müsste, drang neuerlich der "Tobias" - Ruf durch das Haus.
"Darf ich inzwischen eine Zigarette rauchen?" Bianca hatte einen Aschenbecher entdeckt.
"Sicher. Ich bin bald wieder da." Tobias verschwand im Schlafzimmer. Zuvor warf er noch einen Blick zurück auf seinen Überraschungsgast. Würde das Mädchen auch tatsächlich warten? Es hatte den Anschein.
Inzwischen waren es beinahe zwei Jahre, dass er seine Frau betreuen musste. Seit dem Unfall fristete sie ihr Dasein zwischen Bett und Rollstuhl. Mehr als einmal hatten ihm die Ärzte den Vorschlag gemacht, sie in einem Pflegeheim unterzubringen. Sie wussten, wie aufwändig ihre Betreuung war. Aber er brachte es nicht übers Herz. Schließlich hatte er damals den Unfall verursacht. Jetzt für sie zu sorgen war das Mindeste, was er noch tun konnte.
"Samantha, wir haben Besuch." Tobias versuchte, die wenigen Minuten zu rechtfertigen, die er seine Frau hatte warten lassen.
"Ich habe Durst. Das schwüle Wetter bringt mich noch um."
"Ich bringe dir sofort etwas zu trinken." Er wollte das Zimmer wieder verlassen.
"Wer ist es denn?"
"Wer?"
"Na, der Besuch. Du hast doch gesagt, wir haben Besuch."
"Ich weiß nicht. Eine Frau. Auf der Durchreise. Ich bring dir jetzt was."
Tobias machte sich wieder auf den Weg in die Küche. Bianca war noch da. Erst jetzt wurde ihm die gesamte Vollkommenheit ihres Körpers bewusst. Nicht nur das Gesicht und der sich abzeichnende Busen waren perfekt. Auch die Beine präsentierten sich makellos. Und wie würde wohl...? Nein, daran durfte er nicht denken.
Seine Frau. Er musste sie versorgen.
"Ich bringe nur rasch ein Getränk zu Samantha. Sie kann leider nicht aufstehen. Ich bin gleich wieder da. Dann erzähle ich Ihnen, was Sie wissen wollen."
"Kein Problem. Ich sagte ja, dass ich Zeit habe." Bianca schien alles recht locker zu nehmen.
Es dauerte tatsächlich nicht lange, bis Tobias zurück war.
"Also, wo fangen wir an?" Noch während er den Satz aussprach, wurde er sich dessen Zweideutigkeit bewusst. Aber vielleicht störte sie das gar nicht. Vielleicht hatte sie es sogar auf ihn abgesehen. Er war ein Mann in den besten Jahren. Bestimmt konnte er ihr noch etwas beibringen.
Das Gespräch entwickelte sich aber doch eher in Richtung Geografie und Geschichte der näheren Umgebung. Obwohl Tobias immer wieder versuchte Andeutungen zu machen. So sprach er von den schönen Hügeln und den feuchten Wiesen im näheren Umkreis.
Zwischendurch musste er natürlich seine Frau betreuen.
Es wurde bereits dunkel, als sich die ersten Blitze ihren Weg zwischen den plötzlich aufgetürmten Wolken bahnten. Sollte heute die tagelange Hitze vorbei sein? Bianca wollte sich nun doch auf den Weg machen. Sie hatte keine Freude daran, allein durch ein nächtliches Gewitter zu fahren.
"Eigentlich weiß ich jetzt ja eine ganze Menge über das Land hier." Sie wollte das Gespräch allmählich beenden. "Aber können Sie mir auch sagen, wie ich zum nächsten Hotel komme, oder wenigstens ein Gasthaus, in dem ich übernachten kann?"
"Sie können hier schlafen." Tobias hatte es gesagt, ohne sich vorher Zeit zum Nachdenken genommen zu haben. "Natürlich nur, wenn Sie wollen, und..." fügte er kleinlaut hinzu, "wenn Samantha damit einverstanden ist."
"Für mich wär das kein Problem - wenn Sie keine Horrorpreise verlangen." Ihr Lächeln war wissend.
"Also gut. Dann werde ich jetzt meiner Frau den Vorschlag machen, Sie für heute Nacht hier einzuquartieren." Tobias stand auf und versuchte im Gehen eine Art innerliches Gebet zu sprechen. Warum sollte Bianca nicht hier bleiben dürfen? Sie hatten ein leer stehendes Zimmer. Der Sohn war erst vor einem halben Jahr ausgezogen. Es war also genügend Platz vorhanden. Bitte lieber Gott, bitte Samantha, bitte...
Es hatte gewirkt! Der Regen setzte ein. Die Abkühlung war gekommen. Samanthas Stimmung ging steil nach oben. Natürlich konnte die Frau im Haus übernachten. Wollte sie Tobias denn bei diesem Wetter vor die Tür setzen? So unmenschlich konnte er doch nicht sein.
Geschafft! Er hatte es tatsächlich geschafft.
"Alles klar, Bianca. Ich hol dein Gepäck aus dem Auto. Sagst du mir, was du alles brauchst?" In seiner Euphorie merkte Tobias nicht, dass er mit ihr sprach, als sei sie eine gute Bekannte - oder sogar Freundin.
"Ich komme mit raus, um das Zeug zusammen zu kramen."
"Aber es regnet doch schon. Häng dir wenigstens eine meiner Jacken um." Noch während er es sagte, kam er bereits mit einem entsprechenden Kleidungsstück zu ihr, um sie damit notdürftig zu schützen.
Auch wenn der Regen warm war, es war ein herrliches Gefühl, die Tropfen niederprasseln zu sehen und zu spüren.
Gemeinsam trugen sie die wenigen Dinge, die Bianca für die Nacht brauchte, ins Haus. Dort angekommen, war die eben erfahrene Abkühlung wieder vorbei. Zumindest für Tobias.
Seine Jacke hatte Bianca vor dem Regen keinen Schutz geboten. Er wusste nicht, wie er aussah, aber sie war vollkommen durchnässt. Die Bluse klebte auf ihrer Haut. Die Bluse - es schien sie überhaupt nicht mehr zu geben. Sie zeigte wesentlich mehr, als sie verbarg. Das Nabelpiercing, das Muttermal, die Brustwarzen - denen der Regen eindeutig Abkühlung genug gewesen war...
"Ist das nicht herrlich?" Bianca schien richtig glücklich zu sein.
"Ja." Mehr brachte Tobias im Moment nicht heraus. Er war sich auch nicht sicher, was sie wirklich meinte.
"Komm, ich zeige dir jetzt dein Zimmer." Als sie dort angekommen waren, hörten sie wieder einmal, wie Samantha nach ihrem Mann rief.
"Ich seh mal nach, was sie schon wieder will. Du kannst inzwischen ins Bad gehen." Damit ließ er Bianca allein.
"Tobias," Samanthas Tonlage klang vorwurfsvoll, "wann kommst du endlich ins Bett? Du weißt genau, dass ich Angst vor Gewittern habe."
"Ist ja gut Schatz. Ich erklär unserem Gast noch ein paar Dinge, dann bin ich bei dir." Tobias blieb nur wenig Zeit, Bianca eine Gute Nacht zu wünschen. Seine Frau verlangte endgültig nach ihm.
Das Gewitter war längst vorbei, Samantha längst eingeschlafen, Tobias mit seinen Gedanken längst woanders.
Warum sollte er nicht einmal in der Nacht aufstehen müssen? Er hatte überstürzt zu Bett gehen müssen, hatte keine Zeit gehabt, ins Bad zu gehen. Warum sollte er das nicht nachholen? Geräuschlos wand er sich aus dem Bett. Unhörbar war auch das Öffnen und Schließen der Schlafzimmertür. Natürlich fand er den Weg, ohne das Licht einzuschalten. Er wusste genau - jetzt stand er vor dem Zimmer seines Sohnes. Vorsichtig drückte er die Klinke herunter. Die Tür war nicht versperrt...

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