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August 2001
Wasserspiele
von Roswitha Borrmann

"Bea hat sich gestern Abend beim Skaten den Arm gebrochen, und so wie es aussieht, wird es wohl eine Weile dauern, bis sie wieder einsatzbereit sein wird," erklärt Hugo, der Besitzer des Friseurladens, bei dem ich einen Termin habe. "Wir haben versucht, Sie anzurufen, aber Sie waren leider nicht erreichbar."

"Ja, ich habe eines dieser Endlos-Meetings hinter mir. Reden, reden, reden, und es bewegt sich nicht viel. Es macht müde." Ich schaue mich um und frage dann verzagt: "Was machen wir denn nun? Ich fliege übermorgen zu einem Kongress nach Sevilla und da möchte ich nicht mit dieser überfälligen Frisur erscheinen."

Mit Schrecken denke ich an den unmöglichen Haarschnitt, den mir Hugo einmal verpaßt hat, als Bea krank war. Nur das nicht!

"Wir haben eine Aushilfe engagiert, Carlos. Möchten Sie nicht bleiben und sich ihm anvertrauen?"
Hugo grinst ein wenig - ob er sich auch gerade daran erinnert?

"Zu schade, ich wäre gerne von Bea bedient worden. Sie arbeitet präzise und schnell, weiß genau, was ich möchte. Aber eine große Auswahl habe ich wohl nicht - also gut."

Ich lächle schon wieder und folge Hugo zu den Frisierplätzen. Dabei schaue ich mich neugierig nach Carlos um. Aber schon bietet Hugo mir einen Stuhl an und ich setze mich. Er versorgt mich noch mit Kaffee und einer Zeitschrift, dann verschwindet er wieder im Vorraum.

Beim Blick in den Spiegel entdeckte ich deutliche Züge von Anspannung. Mit meinen beinahe 40 Jahren habe ich erste graue Haare; dennoch gefalle ich mir so. Wenn ich nur genug Schlaf bekäme, sähe ich frischer aus. Ich probiere den Kaffee und beginne zu lesen.

"Hallo Frau Rotbusch", spricht eine ruhige, für meine Ohren angenehme männliche Stimme mich an. "Ich bin Carlos und ich würde gern versuchen Sie zu verwöhnen."

"Das ist sehr nett von Ihnen, aber ich möchte nur einen Haarschnitt und das möglichst schnell." antworte ich irritiert. Ich bemerke einen Hauch von Pfeifentabakgeruch, den ich stets sehr gemocht habe.

"Das ist kein Problem, Sie sollen zufriedengestellt werden. Wenn wir es am Ende beide sind - umso besser", antwortet Carlos geschmeidig.

Vorsichtig schaue ich in den Spiegel und sehe einen Mann Anfang 30. Mit dunklen Locken und sehr blauen Augen, die mich aufmerksam mustern. Seine Haut ist leicht gebräunt. Er nimmt die Zeitschrift, legt sie weg und dabei sehe ich kleine, kräftige Hände, die ich in diesem Moment zu gerne berühren würde.

"Gut, fangen wir an", sage ich und ergebe mich dem Lauf der Dinge.

"Bitte sagen Sie mir, was Sie sich vorstellen, und dann kann es losgehen," kommt es prompt zurück. "Eine Frau strahlt nur dann von innen, wenn sie sich mit ihrem Äußeren wohlfühlt."

"Zunächst hätte ich gerne nach dem Waschen eine Kurpackung, die mein Haar wieder aufbaut. Dann möchte ich es rundum ein paar Zentimeter abgeschnitten bekommen. Fönen - fertig", bleibe ich reserviert.

"Bitte kommen Sie mit hinüber, zum Waschen", sagt Carlos, und ich gehe mit.

Als ich mich in dem Liegesessel vor dem Waschbecken eingerichtet habe, versuche ich, mich zu entspannen. Ich schließe die Augen, lausche dem Wasser und bemerke, dass Carlos mit seiner Hand immer wieder die Temperatur fühlt. Als er dann vorsichtig den Strahl durch mein Haar fahren lässt, erfüllt mich ein wohliger Schauer.

"Ist es recht so?" fragt er. "Nicht zu heiß?"

"Nein, nein. Machen Sie nur weiter." Ich mag nicht einmal die Augen öffnen...

Vorsichtig verteilen seine Hände das Wasser in meinem langen Haar. Immer wieder berührt er meine Kopfhaut, was ich nach und nach sogar genieße... Dann ist es vorbei. Ich höre ein klackendes Geräusch vom Verschluss der Shampooflasche im Becken. Gleich danach spüre ich Carlos Hände wieder.

Tastend zunächst. Ich entspanne mich mehr und mehr, wünsche gerade, es würde
kein Ende finden, als er eine kleine Pause einlegt, um den Schaum herauszuspülen und neues Shampoo zu nehmen. Er massiert es sehr vorsichtig in mein Haar. Das ist eine Wonne. Immer wieder findet er die Stellen, die mich elektrisieren. Dann wieder Berührungen, bei denen ich mich mit Wohlgefühl in den Sessel kuschele. Ich gebe mich völlig seinen kreisenden Bewegungen hin.

"Ist es so angenehm?", flüstert er geradezu, und ich nicke wortlos, weil ich meiner Stimme nicht traue.

So ziehen seine Hände weiter ihre Bahn, immer wieder hin zu einem Punkt, von dem aus er dann erneut startet. Dabei wird der Druck langsam etwas fester und er bewegt alle zehn Finger in einem Rhythmus, der mich an leise, zärtliche Musik denken lässt.

Eine Sommernacht, sternenklar. Eingehüllt in eine leichte Meeresbrise, liege ich mit geschlossenen Augen am Strand, genieße den warmen Sand an meinem Körper und lausche Bongoklängen in der Ferne. Leise plätschern Wellen im Hintergrund. Neben mir liegt ein Mann. Unsere Hände berühren sich. Wir schweigen.

Ich ruhe völlig in mir. Tauche nur sehr langsam wieder auf, als ich das leise Rauschen deutlicher wahrnehme und einen sanften Wasserstrahl an meinem Kopf verspüre. Seine Hände, die unendlich zart etwas in meinem Haar verteilen. Ich nehme den leichten Tabakduft wieder wahr und bin fast traurig, als er sagt:

"Ich bin gleich wieder bei Ihnen. Es braucht zehn Minuten, um seine Wirkung zu entfalten. Bitte laufen Sie mir nicht davon", ergänzt er noch.

"Nein, ganz sicher nicht," murmele ich schläfrig und versuche die Melodie der Bongos wiederzufinden...

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