Der Tod aus der Teekiste
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"Viele Autoren können schreiben, aber nur wenige können originell schreiben. Wir präsentieren Ihnen die Stecknadeln aus dem Heuhaufen."
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August 2001
Zungenreise
von Dirk-Uwe Becker

Berausche Dich,
Meine Liebe,
Am Klang meiner Stimme,
Die Deine Brüste zittern lässt.


Diese Eingangsstrophe aus einem Gedicht eines unbekannten Lyrikers kam ihm in den Sinn, als er seinen Blick hob. Schneeweiß stiegen sie aus dem diffusen Nebel seiner Gedanken empor. Zwei wunderbare, vollkommene Gipfel, so formvollendet gerundet. Blaue Adern durchzogen das Massiv, Bergbächen gleich, die sich, vom Gipfel kommend, in die tiefsten Schluchten stürzten. Und die beiden Gipfelspitzen selbst – steif aufgerichtet, von dunkelroter Farbe, angestrahlt vom Licht der Abendsonne. Er war fasziniert. Jedes Mal wieder; jedes Mal aufs Neue. Natürlich änderten sie sich nicht von Tag zu Tag. Aber er hatte das Gefühl, sie an jedem neuen Tag in einem anderen Licht, in einer anderen Stimmung, in einer noch nie da gewesenen Komposition zu erleben.

Er musste den Blick senken, um auch den unteren Teil der straffen aber prall-weichen Bergwelt in Augenschein nehmen zu können. Das tief eingeschnittene Tal zwischen diesen beiden Rundkegeln war etwas grobporiger. Es störte ihn nicht. Die Haut selbst wies leichte Faltungen auf, wie es bei älteren Schichten durchaus mal der Fall sein kann. Seine Zunge fuhr zärtlich in dieses Tal. Die Zungenspitze berührte die steilen Hänge der beiden leicht zitternden Kuppeln und glitt tiefer hinein. Er spürte die Wärme, die aus dem Inneren zu strömen schien. Anregende Wärme. Aufregendes Gefühl. Je weiter seine Zunge zum Gipfel vordrang, desto ungestümer wurde sie. Ihre Spitzen vereinigte sich auf der höchsten Erhebung - Zungenspitz und dunkelrot strahlende Kuppelspitz.

Nach einer Zeit des zärtlichen Umeinanderkreisens begab sich seine Zunge auf Wanderschaft in die südlicheren Gefilde. Etwas unterhalb dieses Zwillingsmassivs stieß sie auf eine wellige Ebene, deren Konturen bei jedem Heben und Senken der Oberfläche mal deutlich, mal verschwommen zum Vorschein kamen. Er fuhr jedes einzelne Tal mit seiner Zunge ab. Hinterließ Schneckenspuren ihrer Feuchtigkeit. Glänzende Rinnsale seines Verlangens.

Tiefer. Weiter. Seine Zunge kam an den Rand eines tiefen Runds. Was war es? Ein Brunnen - verheißungsvoller Eingang in die Welt der Leidenschaft? Anknüpfungspunkt für eine erotische Beziehung? Der Dreh- und Angelpunkt dieser Reise? Aber egal. Seine Zunge glitt hinab in die Tiefe des Unerforschten. Am Boden ruhte ein Gnubbel. Die Zunge nässte ihn wie in einem archaischen Ritual. Aus den geheimsten Sehnsüchten gemixtes Liquor feuriger Leidenschaft bringe ich Dir, damit es Dich nicht dürste in der Hitze dieser Nacht. Die Zunge fuhr wieder heraus. Jetzt war es ein richtiger Brunnen, die Höhlung war feucht.

Mit der Spitze seiner Zunge einen taillierten Bogen beschreibend, näherte er sich von Westen her einem undurchdringlichen Gestrüpp wild rankender Gewächse. Wie ein flauschiger Teppich bedeckten sie den Grund, schützend und verbergend vor neugierigem Blick. Beiderseits dieser urwüchsigen Zone erstreckten sich wohlgerundete lange Bergschenkel. Alabasterfarben. Er liebte sie. Diese Andeutung von Durchsichtigkeit. Aber im Moment interessierten sie ihn nicht. Seine Zunge hing immer noch im flauschigen Teppich und spürte plötzlich, wie sie in einen weichen Spalt abglitt. Feucht war er. Eine verborgene Grotte im Dickicht der Pflanzen. Kein harter Fels, eher weicher, anschmiegsamer Lehm, der seine Zunge fest hielt und tiefer in sich hinein zu saugen schien. Treibsand nicht unähnlich. Seine Zunge ließ es willig geschehen. Sie glitt tiefer in diese Grotte, welche den Duft von Jasmin und Oleander auszuströmen schien und deren Wände sich um sie schlossen wie einstmals bei der Charybdis, der Odysseus beinahe zum Opfer gefallen wäre. Aber sie war nicht das Opfer, sie opferte sich selbst, gab die Sensibilität ihrer Zungenberührung, um selbst Berührung zu empfangen. Seine Zunge spielte in diesem Grottenlabyrinth, aus dessen tief innen verborgenen Quelle ein immer mächtiger werdender Bach sich über den Klippenrand in die Tiefe der Bergschenkel ergoss. Seine Zunge schwamm in diesem Bach, ließ sich treiben. Zeitlos. Bis er kam.

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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