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August 2001
Eingeschlossen
von Gudula Goering

IN DER KABINE

Mit einem leisen Klicken fiel die Tür hinter ihr ins Schloss, als sie die Kabine betrat.

Sie kannte dieses Geräusch schon – jede Woche hörte sie es ein Mal.
Es war eine besondere Gelegenheit.

Meist stimmte es sie froh, wenn sie wieder einmal demjenigen begegnen durfte, den sie so liebte, den sie so vermisste, seit es ihn nicht mehr gab.

Es war dunkel.

Nur das grosse Ziffernblatt der digitalen Zeitanzeige
an der rechten Wand gab einen schwachen roten Schein.

>Hallo!<, sagte sie leise.
>Du kommst spät!< kam es aus der linken Ecke zurück.

Dort befand sich, wie sie wusste, Herby.
Ein wenig hatte sie sich mit dem Computer-Riesen angefreundet.

Ja, wie lang war es eigentlich her? Ein Jahr? oder mehr?

Jasmin versank in so tiefe Trauer nach dem Tod ihres Mannes, dass man ihr den Besuch bei Herby dringend riet.

Jede Woche konnte sie für eine Stunde dem Toten wieder begegnen – virtuell zum Leben erweckt. Lächelnd. Lachend.
Sie konnte selbst eintauchen in die virtuelle Welt, um ihn zu berühren, seinen Körper zu spüren, seine Augen zu schauen.

So war ihre Trauer über den Verlust nicht ganz so gross.
Eines Tages würde sie ganz verschwunden sein...

>Du bist noch wach?<, fragte sie.
>Ich habe auf Dich gewartet...<

Wie dumm!, dachte sie. Er wird böse sein.

Herby nahm es mit seinen Arbeitszeiten sehr genau!
Er mochte es nicht, wenn sie nicht pünktlich kam.

Wie spät war es überhaupt?
Sie schaute zur Uhr und erkannte: 23:35:10.

Ja, sie hatte mehr als eine halbe Stunde Verspätung.
Was würde er tun?

>Komm! und setz Dich!<, klang es im Befehlston zu ihr herüber.

Oh, dachte sie, er hat sehr schlechte Laune.

Wie konnte sie auch nur so leichtfertig mit diesem speziellen Angebot, das ihr da gemacht wurde, umgehen?

Was hatte sie überhaupt bis jetzt zu tun gehabt? – sie konnte sich nicht mehr daran erinnern...

Aber es hilft nichts - die Tür konnte nur er allein wieder öffnen.
Also trat sie näher und setzte sich auf den Stuhl.
Ganz links blinkte ein kleines grünes Licht.

>Welche Sequenz willst Du?<, fragte er ein wenig unwirsch.
>Den Schluss?<
>Oh, bitte nicht den Schluss!<, flehte sie ihn an.
>Nicht den Schluss! Nimm die Mitte...<

Sie hörte ein leises Surren und spürte, wie der Helm über ihren Kopf gestülpt wurde - der kleine Bildschirm sass ihr in Form einer grossen Brille direkt auf der Nase.

>Vergiss nicht, zu steuern!<, fuhr er sie an.

Sie bemerkte, wie die grosse Steuerkugel mit den vielen kleinen Knöpfen und Schaltern in Magenhöhe sich ihrem Körper näherte.

Das Steuern hatte ihr zu Anfang das meiste Vergnügen bereitet.

Mit den diversen Knöpfen konnte man das Geschehen durch unterschiedliche Varianten führen und versuchen, das Endergebnis zu verändern.

Sie umfasste das Steuerelement aus Metall mit ihrer Hand.

Wie oft hatte sie aus Aufregung hier auf den falschen Knopf gedrückt?
Und was hatte sie dabei nicht alles erlebt?
Sie musste ein wenig kichern...

>Konzentrier' Dich!<, wies er sie zurecht.

Ja, zum Arbeiten war sie hier! – wie konnte sie das vergessen?

DIE TÜR ZUM MEER

... und dann sah sie es!

Das Haus stand am Rande der hohen Klippen. Weit unten toste das Meer in gewaltig schäumenden Wellen gegen den Stein.
Die Gischt spritzte hoch. Die Luft war rein und prickelnd.

Sie spürte den salzigen Wind im Gesicht, als sie auf die Türklingel
drückte.

Er öffnete ihr die Tür.

Hier begegnete sie dem Gestorbenen immer zum ersten Mal.

Er gab ihr die Möglichkeit, den Abschnitt zu wählen,
den sie in der Sitzung noch einmal durchleben wollte.

>Du kommst heute spät!<, meinte er.
>Ja, es tut mir leid<, entschuldigte sie sich.

War ihr die Begegnung mit ihm so unwichtig geworden?

Seine Augen faszinierten sie immer wieder: mal waren sie grau, mal
wasserblau, mal gelb-grün - je nachdem, wie das Licht darauf fiel.

Heute wechselten sie plötzlich von grau auf gelb-grün.
Und sie wusste: auch er hatte sich über ihr Zuspätkommen geärgert.

>Na, dann komm rein<, meinte er versöhnlich, und sie betrat
den dunklen Flur.

Es roch nach Holz und war angenehm warm.

Alle Türen, die vom Flur abgingen, waren geschlossen.
Welche sollte sie öffnen?

Heute musste sie ein wenig vorsichtig sein, denn sie hatte sich
verspätet.

Ob er es wohl als Desinteresse sah?

Er musterte sie genau, und sie erhaschte dabei ein kleines schelmisches Flackern in seinem Blick.
Aha!, dachte sie für sich. Auch er hat sich etwas ausgedacht!

>Nehmen wir heute die zweite Tür von links<, meinte sie schliesslich.

Sie hatte einen schwachen Lichtschein dort entdeckt -
hinter allen anderen Türen schien es tief dunkel zu sein.

>Gut!<
Er ging vor und öffnete.

Als sie einen Blick in das Zimmer warf, wusste sie gleich,
was das war - ein tiefes Gefühl der Trauer überkam sie, und Tränen
schossen in ihre Augen.

Eine kleine Kerze stand am Eingang auf einem Metalltablett.

Der Raum war grellgelb gestrichen - im hinteren Teil wurde er tiefblau.

Es war nicht die Schluss-Sequenz sondern der Teil davor - der ihr am meisten Schmerzen bereitete.
Das war die Strafe für ihre Unpünktlichkeit!

SCHWIMMEN

Und da sah sie seine Gestalt schon aus dem Blau heraustreten und auf sie zu kommen.

Je deutlicher er wurde, desto mehr veränderte sich die Umgebung des Zimmers: der Boden, auf dem sie stand, war aus weissem, feinen Sand.

Dort hinten entstanden aus dem Blau der wolkenlose Himmel und das grünlich glitzernde Meer. Die Sonne schien und brannte heiss hernieder.

>Hallo! Da bist Du ja endlich...<

Er kam ihr entgegen und strahlte.
Seine Augen leuchteten nun aquamarin.

>Ich habe schon eine Weile auf Dich gewartet!<
>Ja, ich habe mich ein wenig verspätet<, gab sie zu.
Wie oft würde sie noch an ihren Fehler erinnert werden?

>Es ist heiss hier - lass uns dort in den Schatten gehen.<

Nur möglichst weit weg hier!, dachte sie.

Sie drückte auf einen Knopf am Rande der Steuerungskugel,
und am Ende des Strandes wuchs ein kleiner Palmenhain
aus dem Boden hervor.

Sie zeigte darauf. Doch er schüttelte den Kopf.

>Viel zu weit weg!<, meinte er. >Ich will doch gleich schwimmen gehen! Gleich, bevor es dunkel wird. Es ist schon spät.<

Ja, sie hatten nicht mehr viel Zeit.
Mehr als eine halbe Stunde fehlte.

Er würde schwimmen gehen - und sie wusste, was dann passiert...

Also, was blieb?

Sie schaute ihm zu, wie er aus einem Sonnenschirm und mehreren
langen Handtüchern ein kleines Zelt für sie beide baute... die Tücher
flatterten ein wenig im Wind, der Schirm gab als Dach Schatten.

>Voila!<, er lächelte entwaffnend und lud sie ein, unter den
Sonnenschutz zu kriechen.

Da sassen sie und schauten gemeinsam aufs Meer hinaus.

Sie spürte seine Nähe, die Kühle seines Körpers trotz der Hitze draussen - er war sicher kurz zuvor im Wasser gewesen.

Ob das Meer seine einzige grosse Liebe war? liebte er es nicht mehr als alles andere?

Eine echte Wasserratte hatte sie da geheiratet - und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.

>Liebst Du mich?<, fragte er unvermittelt, ohne sie dabei anzuschaun.
>Ja<, antwortete sie einfach. >Ich kann nicht ohne Dich sein!<

Im gleichen Moment überlegte sie, warum sie dann heute eine halbe Stunde verschenkt hatte?

Er rückte näher an sie heran, ihre Körper berührten sich.
Seiner war angenehm kühl, die Haut weich und dennoch straff.

Sie schaute ihm ins Gesicht.

Seine Augen leuchteten so hellblau wie nie - sie liessen sie ein in
ihre tiefsten Tiefen. Klar und rein waren sie. Und aus ihnen sprach
das Begehren, als sie ihren Körper musterten.

Er kam noch ein wenig näher und ergriff ihre linke Hand.

Seite an Seite sassen sie da - er nur in Badehose, sie in einem
knappen Bikini - und hielten ihre Hände ineinander verschränkt.
Ein Gefühl der Vertrautheit und Zusammengehörigkeit überkam
sie.

Er liess sie wieder los und fuhr mit den Fingern seiner anderen Hand auf der Innenseite ihres Unterarmes zärtlich über die Haut.
Ganz still und leise war die Berührung, die er nach oben hin weiter ausdehnte.

Seine Fingerkuppen erreichten ihre Achselhöhlen, und ein Schauer
überkam sie. Sie drückte sich an ihn, und er nahm sie in seinen Arm.

Fest war seine Umarmung, ob er wohl wusste, dass diese die letzte war?

Sie wollte noch ein wenig Zeit gewinnen, der verlorenen halben Stunde zum Trotz.

Dann küsste er sie und schob seine Zunge zwischen ihre Zähne,
löste sich wieder und schaute sie aus einiger Entfernung an.

>Was für ein Glück ich habe!<, meinte er.

>Ich werde gleich schwimmen gehen, kommst Du mit?<

Oh, dachte sie. Diese Variante habe ich noch gar nicht durchgespielt.
Ich komme mit hinaus aufs Meer?
Doch sie zuckte innerlich davor zurück.

>Nein, Lieber! schwimm Du nur allein. Du kannst das besser als ich.
Da musst Du keine Rücksicht nehmen. Vielleicht schwimmst Du
nur nicht ganz so weit nach draussen?<, versuchte sie es jetzt einmal
auf diese Art.

>Oh, Du weisst doch, dass ich gut schwimmen kann? ... kein Weg
ist mir zu weit!<, lachte er ihr stolz entgegen.
>Ja, ich weiss<. Es klang ein wenig melancholisch.

>Bald wird es dunkel werden! Ich komme zurück, und dann
gehen wir gemütlich im Hotel essen...<

Seine Augen hatte er dabei auf das Meer gerichtet, das in seiner
Farbe nun um einiges dunkler geworden war.
Er wusste, dass es in dieser Gegend schlagartig Nacht werden konnte.
Er musste sich beeilen, wenn er vorher noch schwimmen gehen wollte.

Sie spürte seine Unruhe.

>Oh, bleib noch ein paar Minuten!<
>Aber ich komme doch wieder, Liebes! Ich bin gleich wieder da.
Das Meer ist heute so schön! Es leuchtet so magisch in einem
Dunkelgrün, das ich bisher noch nicht sah. Schau es an!<

Und auch sie schaute auf die unendliche Wasserfläche des
dunkelgrünen Meers hinaus. Sie wusste, er würde nicht wiederkommen. Wie nur konnte sie ihn abhalten?

Doch seine Unruhe wurde immer stärker.

>Schau, wie schön die Wellen schaukeln! wie vorsichtig sie am
Strand lecken, wie dezent sie sich wieder von uns zurückziehen!<
Und er lachte über das ganze Gesicht.

Er nahm seine rechte Hand und fuhr ihr damit die Wirbelsäule entlang...
immer weiter nach unten bis zu ihrem Po.
Dort spielte er neckisch mit ihrem Bikini-Unterteil.

>Gleich, wenn ich zurück bin...<, flüsterte er ihr ins Ohr.
Sie senkte ihren Kopf.
>Sollen wir es denn nicht jetzt machen? Wir sind ganz allein hier.<

War es denn nicht möglich, noch ein wenig Zeit zu gewinnen?, dachte sie verzweifelt.

>Jetzt? so unbequem?<, er schaute sie schelmisch an.
>Seit wann stehst Du denn auf sowas?<. Er lachte ihr ins Gesicht.
>Vielleicht könnten wir es einmal probieren?<, meinte sie.

>Ich möchte erst einmal schwimmen gehen. Dann wird es dunkel sein.
Danach können wir es uns ja noch überlegen...< - seine Gedanken
waren weit weit fort... draussen im Wasser. Die Wellen rollten unaufhörlich und riefen ihm ihr Willkommen zu.

>Kommst Du nun mit oder nicht?<

Noch einmal erhielt sie diese Chance.

Sollte sie mit ihm zusammen untergehen? von einer gewaltigen Strömung hinausgezogen aufs Meer? Ertrinken? mit ihm zusammen sterben? als Zeichen ihrer Liebe? sich mit ihm vereinigen auf dem felsigen Grund der Insel? für immer und ewig?

Warum nur hatte sie heute mehr als eine halbe Stunde verschenkt?
Eine halbe Stunde des Zusammenseins?

>Nein! Schwimm Du nur allein hinaus!<, hörte sie sich sagen.

Nichts konnte sie tun, um ihn aufzuhalten.
Nichts konnte sie an allem ändern – was auch immer sie ausprobieren würde...

Und sie sah, wie er am Strand stand, die Füsse vom Wasser umspült.
Schnell war er aufgestanden und hinausgetreten. Er winkte ihr zu.

>Bis gleich!<

Doch sie wusste, er war mit seinen Gedanken gänzlich woanders,
ging Stück für Stück in das dunkelgrün schimmernde Meer und...

ABGELAUFEN

Plötzlich wurde es hell.

Der Helm wurde im gleichen Moment nach oben gezogen, und die
Steuereinheit fuhr zurück.

Jasmin warf noch ganz geblendet von dem Licht, einen Blick auf
die digitale Zeitanzeige rechts an der Wand.

0:0:00 Uhr.

Es war Mitternacht.

Dann wandte sie ihre Augen wieder der silbern glänzenden Metallfläche des Gross-Rechners zu.

Herby nahm es immer sehr genau - Punkt Mitternacht war für ihn Feierabend.

Ein Klicken hinter ihrem Rücken verriet ihr, dass die Tür der
Simulations-Kabine aufgegangen war. Sie durfte gehen.

Als sie vom Stuhl aufstand, sah sie, wie das kleine grüne Licht links auf rot umschaltete...

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