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August 2001
Hannelore und Helmut
von René Wolf

Ich habe immer vermieden, darüber zu reden. Besonders der Presse gegenüber. Jede hat ihre Träume. Wenn diese Aufzeichnungen nach meinem Tod gefunden werden... auch egal.
Ich schäme mich nicht.

Ja, den Helmut wollte ich. Auch DAS... Gott, ich war 15! Beim Tanz im Gasthof "Zum Weinberg" fiel er mir auf. Nicht durch sein Tanzen: er diskutierte gern. Freilich hat ihn mancher provoziert. "Brillenschlange" war noch das Harmloseste. Aber wenn dieser Mann aufstand, breit und schwer vor einem stand und nur ernst guckte- einfach so, einem andern ins Gesicht guckte, meistens sogar völlig ausdruckslos- da hattest du das Gefühl, der macht gleich irgendetwas. Wenn der was vorhat: duck dich lieber! Aber Helmut mußte sich nie prügeln. Jeder wußte: wer sich mit ihm anlegt, bekommt es mit seinen Freunden zu tun. Helmut hatte viele Freunde. Das machte ihn noch selbstbewußter; an diese Freunde muß er gedacht haben, wenn ihm so ein Raufbold gegenüberstand.
Ich kannte diese Sicherheit von meinem Vater. Den ich bewunderte, obwohl ich ihn noch seltener sah, als ich später Helmut sehen sollte. Und es passte zu meinem Vater, dass er die Panzerfaust erfunden hatte. Während des Krieges habe ich mir oft gewünscht, ihn bei mir zu haben.
Die kleine Hannelore war keineswegs "unbeleckt" (damals hatte dieses Wort noch keinen Doppelsinn).
Wer mit zehn Jahren Tote geborgen, Verletzte versorgt, Müttern erfrorener Kinder geholfen hat; Nächte in Straßengräben verbrachte; wer Stehlen mußte, um nicht zu verhungern; wem russische Soldaten den Rücken blau schlugen; und welches Mädchen Vergewaltigungen miterlebte- bevor sie wußte, was DAS überhaupt ist...na, so eine war eben nicht unbeleckt.
So eine wußte, was sie nicht wollte. Und was sie wollte: einen Freund, der Sicherheit geben kann, der Achtung hat vor seinem Mädchen, der sie versorgt. Und der nicht schlägt.
All das war Helmut für mich. Leute, die heute unsere ersten Fotos sehen, mögen sagen:
"Der Helmut hatte ja schon früh eine ordentliche Wanne. Und diese Hornbrille..."
Ich fand ihn erotisch. Er war kein Draufgänger. Vielleicht hielt er sich bewußt zurück, weil das seiner Karriere schaden konnte. Ob er vor mir eine hatte? Ich weiß es nicht.
Seine herzlichen Briefe liebte ich. Es waren über 2000. Seine Worte machten mich noch verliebter. Ich roch an dem Briefpapier, ich küßte es. Oft blieb mir nur diese Art von "Erotik"- Helmut studierte und besuchte mich an den Wochenden. Wenn er sich von seiner Arbeit trennen konnte.

Wir haben 1960 geheiratet. 1963 kam unser erster Sohn zur Welt. Verhütungsmittel habe ich erst nach der Geburt benutzt. Soviel zu der Frage "Wann war dein erstes Mal?".

Waffen haben mich früh interessiert. Vielleicht auch wegen meinem Vater.
Ich mochte es, einen schweren Revolver in meiner Hand zu spüren.Wenn ich an einer frisch eingeölten "Mauser" roch, gab mir das ein gutes Gefühl. Lachen Sie ruhig. Ich weiß, was Sie denken. Aber das ist es nicht. Da war etwas Mächtiges, das konnte mich beschützen, mir sagen: Hab keine Angst, ich bin ja da. Gewehre liebte ich geradezu.

Helmut kam ein- oder zweimal die Woche nach Hause. Dann wollte er sich ausruhen.
Und essen. Kochen machte mir Spaß. Das tut es wohl bei fast allen, die nie "Hunger" mit "Appetit" verwechselt haben. Wenn meine Söhne sagten "Mutti, ich hab' Hunger!" , mußte ich oft schmunzeln. Aber ich gönne es ihnen. Warum sollen sie ein schlechtes Gewissen haben-nur, weil es ihnen gutgeht?
Unter einem Foto von 1993, das der "Stern" veröffentlichte, steht " ...zeigt sie sich mit dem kapitalen Kanzler...". Helmut füttert einen Hirsch, und ich frage mich wirklich, wer hier "kapitaler" wirkt: der Hirsch oder Helmut. Ich lachte, als ich das im Stern sah.

Obwohl man meinen Leibesumfang nie mit dem von Helmut messen konnte, hatte ich doch mit den Jahren auch ein wenig zugelegt. Ich finde, das stand mir gar nicht schlecht. Irgendwie sah ich stolz, ja würdig aus. Es gibt alte Bilder, etwa die aus den 70ern, da sieht man noch das schüchterne Mädchen. Obwohl- neben Helmut ist es schwer, damenhaft zu erscheinen. Eine, die das trotzdem immer geschafft hat, ist seine Mitarbeiterin Juliane Weber. Sie ist mehr als einen Kopf kleiner als er. (mehr als einen Kohl-Kopf...) Und bringt vielleicht ein Drittel von Helmuts Gewicht auf die Waage.
Aber-du meine Güte!- da steht eine Königin. Eine Napoleonine... Helmut hat das genossen. WIE sehr er sie mochte, weiß ich nicht. Darüber wurde viel spekuliert. "Die beiden wirken wie ein altes Ehepaar" hieß es kürzlich in einer Zeitschrift. Mich hat das nicht gekümmert.
Ich habe Helmut vertraut. In fast allen Dingen. In fast allen.
Es war das Warten. Es war die Einsamkeit.
Du hast dir Mühe gegeben mit dem Essen, hast dich sorgfältig zurechtgemacht, erwartest, dass ihr redet, zusammen lacht, spürst fast schon seine Umarmung, den vertrauten Mannsbauch an deinem Körper, seine starken Hände streicheln behutsam dein Gesicht, du riechst das bißchen Schweiß in seinen Achseln( das ist bei so "kapitalen" Burschen nunmal nicht anders), hörst sein zufriedenes Brummen, das du liebst... Dann ruft er an, und nur weil du seine Stimme erkennst, begräbst du den Traum von einem schönen Abend. Egal, ob es um eine verlängerte Sitzung oder ein plötzliches Geschäftsessen geht- du bist fertig mit diesem Tag.
Eine Zeitung gab meine Worte richtig wieder: "Nach vier, fünf Stunden Wartezeit kann man nur noch von einem Hund verlangen, dass er nicht schimpft und sich immer noch freut.
Ich habe das von unserem Hund gelernt." Und weiter: "Ich habe in der Ehe gelernt, meine Tränen in einem Hundefell zu begraben."
Igo war unser Schäferhund. Was soll ich sagen, ich brauchte seine Nähe. Seinen Geruch, selbst wenn er gerade aus dem Regen kam. Igo war in Vielem das Gegenteil von Helmut. Ich brauchte ihn nie zu rufen. Er witterte, wenn ich Kummer hatte. Dann stand er vor mir, den Kopf zur Seite gelegt, mit großen, traurigen Augen.( Ja, ich glaube, dass Hunde so etwas wie ein Mitgefühl entwickeln können.) Wenn ich ich dann irgendeine aufmunternde Geste machte, winselte er ein wenig, schob seine Schnauze näher und leckte meine Hände, mein Gesicht. Das tat so wohl! Der Schmerz blieb, aber ich hatte einen Freund.
Manchmal nahm Helmut den Igo mit. Das waren die schlimmsten Tage.
Ich hoffe, das klingt nicht albern für Leute, die keinen Hund haben.


1998, vor dem Machtwechsel, machte mir Helmut Hoffnungen: "Danach wird alles besser. Ich habe dann wieder Zeit für dich."
Er konnte es nicht. Helmut konnte nicht abschalten. Die Spendenaffaire noch nicht einmal eingerechnet- Helmut konnte, nach den vielen Jahren aktiver Politik, nach 16 Jahren als Kanzler einfach nicht aufhören, sich überall zu präsentieren. Manchmal schämte ich mich für ihn. Es gab Empfänge, da wurde mein Mann mehr geduldet als geachtet.
Und da fragte ich mich: Wozu habe ich so lange gewartet? Auf was? Helmut ist mein Mann, aber war er mein Liebhaber? Ich meine, wann hat er mich lieb gehabt? Wann meinten seine Küsse, seine Zärtlichkeiten, seine Worte wirklich mich- ohne Termine im Hinterkopf, ohne Gedanken an einen politischen Konkurrenten?
Ich habe mir das Leben genommen. "Depressionen" und "Lichtallergie"- was die Zeitungen so schreiben- ja , das gabs. Aber das war nicht der Grund. Ich war eine Frau, die zuwenig lieb gehabt wurde. (Ach Gott, das hört sich wieder nach dem kleinen Mädchen an...)
Ich war eine Frau, die ihre EROTIK verdrängte.
Vielleicht hätte ich mir sonst nicht das Leben, sondern einen anderen Mann genommen.

Beate Uhse ist auch hier. Sie hat eine etwas andere Vorstellung von Erotik.
Aber wir verstehen uns prima.

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