'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
Das Ruhrgebiet ist etwas besonderes, weil zwischen Dortmund und Duisburg, zwischen Marl und Witten ganz besondere Menschen leben. Wir haben diesem Geist nachgespürt.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Andreas Schröter IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
September 2001
Der Hügel
von Andreas Schröter

Natürlich ging ich sofort zum Fenster, um in den Garten zu schauen. Die Scheibe war beschlagen, und ich musste erst mit der Hand darüberwischen, um etwas erkennen zu können. Draußen war schlechtes Wetter. Wilde Sturzbäche schienen vom Himmel zu fallen. Trotzdem reichte die Sicht, um den Hügel erkennen zu können - jenen unwirklichen, so gar nicht in den Garten passenden Hügel, der meine Gedanken seit 30 Jahren beschäftigte.
Erst nachdem ich ihn gesehen hatte, war ich bereit, mich auf das Innere des Hauses einzulassen. Ich ließ mich in den Sessel fallen, ergriff den Schürhaken und begann, damit im Kamin herumzustochern, wie Opa es immer getan hatte. Natürlich gab es kein Feuer, nicht einmal Asche - trotzdem fuhr ich noch einige Sekunden mit der sinnlosen Beschäftigung fort.
Es war seltsam für mich, nun allein, dick eingepackt in meinen grünen Parka in diesem Haus zu sitzen, das nun mir gehörte und in dem fast 100 Jahre lang mein Großvater bis zu seinem Tod gelebt hatte. Vor zwei Wochen war er gestorben. Ich würde es verkaufen oder vermieten.
Andererseits...
Mein Blick fiel erneut auf das Fenster, das schon wieder zu beschlagen begann.

***

30 Jahre vorher:

"Opa?"
"Hm?"
"Wie alt bist du eigentlich?"
"68 - mein Kleiner. Genau 63 Jahre älter als du." Er verteilte mit dem Schürhaken geschickt die Glut im Kamin, während er in seinem Sessel davor saß.
"Opa?"
"Hm?"
"Warum arbeitest du nicht?"
"In meinem Alter muss man gottseidank nicht mehr arbeiten. Ich habe lange genug gearbeitet. In einer Zeche. Wir haben Kohle aus der Erde geholt."
"Opa?"
"Hm?"
"Was ist das für ein komischer Hügel im Garten?"
Der ältere Mann, der im Kamin stocherte, versteifte sich. Mit einem metallischen Klirren fiel der Schürhaken auf den Boden. "Ich - ähh ..." Er drehte sich langsam zu seinem Enkel um und sah ihm ungewohnt ernst ins Gesicht. Dann bückte er sich schwerfällig, hob den Schürhaken auf und hängte ihn an den dafür vorgesehenen Nagel.
Erst nach einigen Sekunden des Schweigens begann er zu sprechen: "Nun gut -irgendwann erfährst du es ja doch - warum nicht schon jetzt. Schließlich bist du seit dem Tod Deines Vaters in gewisser Weise mein Nachfolger. Dann wirst du es sein, der einmal auf den Hügel acht geben muss. Schwörst du, dass du das tun wirst?"
Der fünfjährige Junge war überrascht von der Ernsthaftigkeit seines Großvaters. So kannte er ihn gar nicht. "Was ist schwören?"
Der ältere Mann nahm die rechte Hand des Kleinen, knickte den kleinen Finger und den Ringfinger etwas ein, hielt die Hand hoch und sagte: "Sprich mir nach: Ich schwöre, dass ich immer auf den Hügel acht geben werde."
"Ich schwöre, dass ich immer auf den Hügel achtgeben werde."
Dann machte der ältere Mann seinem Enkel einen Kakao, prüfte noch einmal die Glut im Kamin und setzte den Jungen auf einen Stuhl neben sich.

***

"Wie du weißt, lebe ich seit meiner Geburt in diesem Haus. Als ich 20 Jahre alt war, starben meine Eltern, und ich war allein. Ich musste für alles selbst sorgen, was ich gar nicht gewohnt war. Zum Beispiel musste ich den Garten pflegen. Rasen mähen, Büsche und Bäume beschneiden, Laub auffegen. Meine Eltern waren gerade zwei Monate tot, da entdeckte ich im Garten etwas Seltsames. Wie soll ich es Dir beschreiben? Es war wie eine Art Schlange, die mit dem Kopf in der Erde steckte - irgendetwas, das aus der Erde gekommen war und nun zum Teil an der Oberfläche sichtbar war. Wenn du willst, so was wie ein Stück Gartenschlauch, das aus der Erde ragt. Nur dass es kein Loch am Ende hatte, sondern spitz zulief.
Irgend etwas muss mich damals davor bewahrt haben, die Hand auszustrecken, um dieses Ding anzufassen oder zu versuchen, es aus dem Boden zu ziehen. Gottseidank, wie ich heute sagen kann. Denn weder ich noch unser Dorf hätte die Folgen überlebt.
Es war wirklich ein großer Zufall, dass ich wenige Wochen zuvor das Buch "Die unbekannten Mysterien unserer Welt" in den Händen gehalten hatte. Je länger ich auf dieses Ding im Garten starrte, desto mehr erinnerte ich mich an das Buch. Und schließlich dämmerte mir, um was es sich bei meinem Fund im Garten handelte.
Es handelte sich um die äußerste Spitze des Schwanzes eines riesigen Drachens, der in der Erde unter unserem Garten schlief. Und wahrscheinlich tat er das schon seit mehreren tausend Jahren.
In dem Buch stand, dass es bis vor etwa 5000 Jahren viele Drachen auf unserer Erde gegeben hatte. In einem großen Krieg, den die Drachentöter damals gegen sie führten, wurden fast alle vernichtet. Aber einigen wenigen gelang es, sich in die Erde einzubuddeln und so den Drachentötern zu entkommen. Diese Drachen fielen in einen todesähnlichen Schlaf, aus dem sie bisher nicht wieder erwachten. Der Beruf des Drachentöters starb aus. Es gab nichts mehr für sie zu tun.
Was blieb, waren die schlafenden Drachen, von denen es vermutlich auf der ganzen Erde noch etwa zehn gibt.
Mein lieber Junge, wir haben einen schlafenden Drachen im Garten.
Auf keinen Fall, so hieß es in dem Buch weiter, dürfe man die Haut eines solchen Drachens berühren. Durch eine besondere Reaktion würde das sein sofortiges Erwachen bewirken. Drachen sind höchst gefährliche Wesen. Sie können 50 Meter lange Feuerstöße erzeugen, die alles um sie herum verbrennen. Der Drache in unserem Garten würde vermutlich das ganze Dorf vernichten, wenn er erwacht. Durch Messungen und Vergleiche mit Zeichnungen in dem Buch errechnete ich, dass unser Drache ein besonders großes Exemplar ist. 30 Meter vom Kopf bis zum Schwanz-Ende und zehn Meter hoch, wenn er sich aufrichtet. Ich musste unbedingt dafür sorgen, dass er weiter schlief. Ich werde bis an mein Lebensende und darüber hinaus dafür sorgen.
Also packte ich das Schwanzende sorgfältig mit Mutterboden ein. Dabei achtete ich peinlich darauf, es nicht direkt mit meiner Haut zu berühren. Danach schüttete ich darüber soviel weitere Erde, bis daraus der Hügel entstand, den Du jetzt da draußen im Garten siehst."

***

Wenn mich jemand gesehen hätte, so hätte er vermutlich das leichte Grinsen in meinen Gesichtszügen bemerkt. Ein 30 Meter langer Drache, der unter unserem Garten schlief! Opa war wunderbar. Er hatte sich soviel Mühe mit mir gegeben. Immer hatte er Zeit und immer dachte er sich wundervolle Geschichten für mich aus. So wie diese, die ich 30 Jahre lang nicht vergessen hatte. Sofort mischte sich wieder die Trauer in diese Erinnerung, dass Opa nun nie mehr solche Späße mit mir machen würde. Er war tot.
Ich streckte mich auf dem Sessel ein wenig und schob die Hände tief in die Parkataschen. Die linke stieß sofort auf den langen, schmalen Gegenstand, den ich dort als Talisman immer aufbewahrte. Ich hatte ihn drei Jahre nach dem Gespräch damals mit Opa im Garten gefunden. Genau 30 Meter vom Hügel entfernt. Das Ding war länglich und weiß. Es lag etwa 25 Zentimeter unter der Erde und kam beim Blumenzwiebeln-Einsetzen zutage. Ich habe Opa nie etwas davon erzählt. Ich weiß auch nicht warum. Vielleicht wollte ich nicht, dass er sich innerlich über mich lustig macht, während er nach außen hin mit großem Ernst bei der Sache gewesen wäre. Mit demselben Ernst, der ihn damals umgab, als er mir die Drachengeschichte erzählt hatte.
Ich holte dieses Ding aus der Tasche, hielt es hoch und besah es mir in dem trüben Tageslicht zum vielleicht hunderttausendsten Mal. Dennoch konnte ich nicht genau sagen, um was es sich handelte. Vielleicht um irgendein Teil von einem vor Jahrzehnten im Garten verschollenen Spielzeug. Das Ding mochte etwa 20 Zentimeter lang sein. Es war an einem Ende spitz, am anderen wirkte es wie aus etwas Größerem herausgebrochen.
Ich hätte es natürlich längst untersuchen lassen können. Zum Beispiel hätte mich interessiert, ob es aus einem festen Kunststoff oder aus einem gänzlich anderen Material bestand.
Aber ich traute mich nicht - weil ich Angst vor der Wahrheit hatte. Vor welcher Wahrheit wusste ich nicht. Was wäre schlimmer gewesen: Wenn es das war, wonach es aussah oder wenn es das nicht gewesen wäre?
Wie es aussah?
Nun ja ...
Wie der gottverdammte Zahn eines 30 Meter langen Drachens, der unter unserem Garten schlief.

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
Dieser Text enthält 8029 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2019 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.