Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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September 2001
Crying
von Klaus Eylmann

Graue Eichhoernchen huschten ueber den vermoosten Boden, jagten sich, liefen den Stamm des riesigen Ahornbaumes empor und verschwanden hinter seinen Aesten. Es war sieben Uhr morgens und die Sprinkler begannen damit, gepflegte Rasenstreifen zu benetzen, die sich neben dem Fussweg entlangzogen.

I was all right for a while
I could smile for a while
Then I saw you last night
You held my hand so tight
When you stopped to say hello
You wished me well, you couldn't tell...

Joe lauschte dem Oldie im Radio, sah durch das Fenster nach draussen, dachte an Wendy, dachte an den gestrigen Abend, an den Abend, als sie mit ihm Schluss gemacht hatte und gegangen war. Einfach so. Wie hatte das nur passieren koennen?
Joe versuchte sich nicht umzudrehen, bemuehte sich, die Leere zu ignorieren, die sich in seinem Haus, die sich in ihm breitgemacht hatte.

Crying over you
Crying over you
Yes, now you're gone
And from this moment on
I'll be crying, crying, crying
Crying
Crying, crying
Over you

Mit traenenverschleierten Augen blickte Joe auf den kleinen grauen Elektrowagen der Post, der die Strasse hochkroch, hoerte im Hintergrund die Stimme Roy Orbisons, der so exakt wiedergab, was er fuehlte. Das Postauto hielt am Strassenrand. Eine Hand streckte sich mit ein paar Briefen aus dem Wagenfenster und legte sie in den Briefkasten, dann fuhr der Wagen zur naechsten Box.
Joe wandte sich vom Fenster ab, goss sich erneut Kaffee in seinen Becher, dann sah er wieder nach draussen und blickte zum wolkenlosen Himmel empor.
Ein kraeftiges Brummen kam von der Strasse her, als ein grauer Ford Pick-Up um die Ecke bog und vor seinem Haus hielt. Es war Dick. Joe sah zu, wie er mit seinem Laster rueckwaerts die Auffahrt hochfuhr, wischte sich die Traenen aus den Augen und griff nach seiner Baseballmuetze.
"Hi, Dick!" rief er dem gedrungenen, grauhaarigen Mann zu, der aus der Fahrerkabine herauskletterte und schloss die Haustuer ab.
Schweigend zogen sie den Anhaenger mit dem Boot aus dem Unterstand und koppelten ihn an den Truck.
"Was ist mit dem Bier?" fragte Dick.
"Ist im Boot, zusammen mit dem Angelzeug."
"Dann ist ja gut. Und die Nightcrawler?"
"Muss ich noch aus der Wanne holen."
Joe ging zum Unterstand, holte eine grosse Wurmdose hervor und verschwand hinter dem Haus, wo eine zerdepperte, mit zerknuelltem Zeitungspapier vollgestopfte Badewanne stand. Joe schob das angefeuchtete Papier zur Seite, las eine Handvoll der langen Erdwuermer aus der Wanne und stopfte sie in die Dose.
"Und Wendy? Will sie nicht mitkommen?"
"Dick. Sie ist nicht mehr da. Ist gestern abgehauen."
"Was?" Dick starrte entgeistert auf Joe. "Das darf nicht sein! Sag, dass es nicht wahr ist!"
"Doch, ist so," meinte Joe kurz angebunden. "Komm, lass uns losfahren."

Sie fuhren die breite Strasse entlang, die von Midland nach Saginaw fuehrte. Sie war kaum befahren, als Dick und Joe am Gelaende der Dow Chemical Company vorbeikamen. Es war schon hell, doch die gigantischen Lampen strahlten weiterhin auf das riesige Areal mit seinen Anlagen und Kuehltuermen. Dutzende von riesigen Lastzuegen bewegten sich langsam auf die Ausfahrt zu.
"Immer wenn ich hier vorbeikomme, denke ich, es ist gut, dass wir die Fische wieder zuruecksetzen," meinte Dick. Joe sagte nichts.
Nach einigen Minuten kam der riesige Parkplatz in Sicht, der sich bis zum Tittabawassee River erstreckte. Dick lenkte den Truck auf den Platz und fuhr zur Rampe, die schraeg nach unten in den Fluss hineinragte. Er wendete das Fahrzeug und liess den Anhaenger mit dem Boot ins Wasser gleiten. Joe kletterte aus dem Wagen und loeste die Befestigungen, dann griff er nach dem Bootstau.
Als es auf dem Wasser duempelte, und Dick seinen Pick-Up mit dem Anhaenger auf dem Parkplatz abgestellt hatte, kletterten beide in das Boot und tuckerten in die Mitte des Flusses.
Sie warfen ihre Angeln aus, schalteten das Echolot ein, lehnten sich zurueck und starrten auf den Fluss hinaus.
"Ich kann es immer noch nicht glauben, dass Wendy nicht mehr da ist." Dick langte hinter die Bank und griff nach dem Bierkasten.
"Was ist denn das? Das ist doch kein Bud!"
Joe drehte sich um, riss den Karton auf, langte hinein und drueckte Dick eine langhalsige Flasche in die Hand.
"Nein, ist kein Bud. Das war auch Wendys Marke. Ich will nicht mehr an sie denken, habe ein anderes Bier genommen, nachdem sie gegangen war."
Verwunderte drehte Dick die Flasche in seinen Haenden und betrachtete das Etikett.
"Vanderghinste ----- Bockor Pils ----- Bellegem! Das soll Bier sein? Aber nicht aus unserem god blessed country, aus unserem gottgesegneten Amerika. Merkwuerdige Flaschen. Joe, wo hast du die denn gefunden?"
"Bei Green's. Die haben solchen auslaendischen Kram."
Joe griff nach dem Oeffner und machte die Flaschen auf.
"Na denn Prost," Dick hob die Flasche an und setzte sie an die Lippen. "Mann, ist das sueffig! Nun sag mal Joe, wieso ist Wendy weg?"
Joe blickte stumm auf den Fluss hinaus. Die Aeste der hohen Baeume an den Ufern filterten das Licht und liessen das Wasser dunkel erscheinen. Nur einige wenige Sonnenstrahlen verirrten sich dorthin, wurden an einigen Stellen vom Wasser reflektiert und blendeten Joes Augen, die sich wieder mit Traenen gefuellt hatten.
"Sie sagte, sie fuehlte sich wie das fuenfte Rad am Wagen, sie brauchte mehr Freiraum."
Dick nahm einen weiteren Schluck aus der Flasche. "Lerne einer die Frauen kennen. Wo bekomme ich jetzt eine Taenzerin her, die den Two-Step tanzt wie sie. Sie machte so eine gute Figur auf dem Tanzboden. Wenn ich nur an die Turns denke, die wir getanzt haben: Den Lasso, den Horseshoe, den Basket 360, den..." Dicks Stimme brach, als sich die ganze Misere vor seinem geistigen Auge ausbreitete. Er schluckte, sein Gesicht roetete sich und eine Traene lief ihm ueber die Wange in seinen grauen Bart hinein.
"Sie hatte doch alles. Wir haben mit ihr geangelt, sie zu den Football Games mitgenommen, ich habe mit ihr getanzt, du hast sie gebumst und immer Bier im Haus. Was wollte sie denn noch mehr?"
"Ich weiss auch nicht." Joe machte eine zweite Flasche auf, und nahm einen kraeftigen Schluck. "Aber das Bier ist gar nicht schlecht." Joe drehte die Flasche vor seinen Augen. "Bockor. Vielleicht sollten wir es Wendys Gedaechtnis Bier nennen."
Eine Weile sagten sie nichts. Liessen ihre Gedanken wandern.
"Und was machen wir nun? In Bars und Tanzschuppen finden wir nichts Gescheites. Muessen wir uns jeden Sonntag in Schale werfen und eine Kirche nach der anderen abklappern, um eine passende Frau zu finden und uns die erst mal zurechtbiegen? Mann, was fuer ein Umstand."
Sie sassen im Boot, mit gekruemmten Schultern und hingen ihren trueben Gedanken nach. Das Echolot fiepte, zeigte einen Schwarm von Barschen an. Sie hoerten und sahen es nicht, tranken eine Flasche nach der anderen und zerflossen vor Mitleid, vor Mitleid mit sich selbst.

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