Der Tod aus der Teekiste
Der Tod aus der Teekiste
"Viele Autoren können schreiben, aber nur wenige können originell schreiben. Wir präsentieren Ihnen die Stecknadeln aus dem Heuhaufen."
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September 2001
Ein merkwürdiger Fund
von Jörg Hofmann

Wenn das hier jetzt im Kino käm',
dann fänd' ich's kitschig, und ganz schön blöd.
Doch ich muss mich über mich wundern,
keine Schnulze im Nachtprogramm,
die mir nicht total an die Nieren geht.
(Rodgau Monotones)

Torsten hasst diese Vollmondnächte. Unruhig wälzt er sich im Bett hin-und her, und kann nicht einschlafen. Bei Vollmond klappt das ohnehin schlecht, und dann ist da auch noch Julia, Julia aus der Parallelklasse. Sie schminkt sich schon, hat schwarze Haare, wunderschöne blaue Augen, und sogar schon einen richtigen Busen. Für einen Vierzehnjährigen der Inbegriff der perfekten Frau.

Vor drei Wochen kam sie in der Pause auf ihn zu: "Hey, du bist doch das Mathe-Ass in euerer Klasse. Kannst du mir das mit Sinus und Cosinus erklären? Wir schreiben in zwei Wochen die Arbeit."
Sie trat noch einen Schritt auf ihn zu und nahm seine Hand. Thorsten wagte kaum zu atmen, nur mühsam bringt er die Antwort raus. "N-n-na klar, s-s-sehr gerne."
"Prima, dann warte ich nach der Sechsten vor dem Tor auf dich."
Zum Abschied hauchte sie ihm einen Kuss auf den Mund.

Die nächsten Tage waren die schönsten in seinem Leben. Jeden Tag nach der Schule gingen sie zu Julia und lernten. Wenn sie so nebeneinander saßen, und ihre Beine sich berührten, konnte er sich kaum auf die Trigonometrie konzentrieren. er lud sie in die Eisdiele, ins Kino oder zur Pizza ein, und wenn er abends nach Hause musste, war es jedesmal ein Weltuntergang. Einmal saßen sie auch bei ihm im Zimmer, und er zeigte ihr seinen ganzen Stolz, er sammelte nämlich altes Spielzeug.
"Du bist doch schon vierzehn, und spielst immer noch mit Puppen?"
"Nein, ich spiele nicht, ich sammle sie."
Julia schüttelte den Kopf.

Dann kam der schwarze Mittwoch. Julia hatte in den ersten zwei Stunden die Arbeit geschrieben und stand nun mit ihren Freundinnen auf dem Schulhof.
"Na wie war's?" fragte er.
"Danke, ist ganz gut gelaufen!" Kein Lächeln, so wie sonst.
"Freut mich! Du, heute läuft der neue Film mit Bruce Willis an, kommst du mit?"
"Nö keine Lust. Nimm doch eine von deinen Puppen mit!"
Thorsten läuft rot an, die Freundinnen glucksen. Zum Glück ist die Pause zu Ende, und er muss in die Klasse zurück.
Nach der Pause wartet er vor der Tor auf sie.
"Hey, warum warst du denn eben so komisch? Außerdem, vorgestern hast du doch noch gesagt, wie gerne du den neuen Bruce-Willis-Film sehen möchtest!"
"Mensch Kleiner, begreif doch endlich, ich hab keinen Bock auf Typen, die noch mit Puppen spielen. Das ist doch oberpeinlich!"
Sie ließ ihn einfach stehen.
Am nächsten Morgen musste er feststellen, dass nicht nur Julia von seinem Hobby wusste. "Na, Thorsten, was machen deine Babies?"
"Gibst du denen auch das Fläschchen?"
"Nimmst du die noch mit ins Bett?"
Es schien, als hätte Julia die ganze Schule informiert. Das Gehänsel störte ihn wenig, er hatte sich schon daran gewöhnt, dass Achtklässler jeden verdächtig finden, der Sinus und Kosinus unterscheiden kann. Aber dass Julia überall erzählt hatte, was er ihr anvertraut hatte, das steckte wie ein Kloß in seinem Hals.

Die Tränen stiegen wieder hoch. In ohnmächtiger Wut schlägt er mit dem Kopf auf sein Kopfkissen. Sein Blick fällt auf die alte Puppe, die er letzte Woche gekauft hat. Da ist er mit Julia auf dem Flohmarkt gewesen. Dreimal sind sie an dem stand des alten Ungarn vorbei gegangen, ohne das Thorsten etwas Interessantes gesehen hätte. Doch gerade als sie gehen wollten, sah er die Puppe mitten im Regal sitzen. Er war sicher, dass sie vorher nicht dort gewesen ist, doch Igor behauptete steif und fest, die Puppe hätte schon immer dort gelegen. Sie war wirklich kein Prachtstück mehr, aber irgend etwas war da, er musste sie einfach haben. Julia war deshalb eingeschnappt, weil er danach nicht mehr genug Geld hatte, und sie ihre Pizza selbst bezahlen musste. Jetzt schaut er sie sich genauer an, wie sie dort im Mondlicht auf dem Basteltisch sitzt. Ziemlich alt, die Farbe ist teilweise abgeblättert, der Stoff fleckig, teilweise dünngescheuert, und obwohl sie aussieht wie eine Marionette, hat er nirgendwo Löcher oder Ösen für die Fäden gefunden. Und dann die Augen! Immer wieder bleibt sein Blick an diesen Augen hängen. die muss ein Künstler gemalt haben. Im Mondlicht sehen sie absolut echt aus.
"Na, das hat aber lange gedauert!"
Verwundert sieht er sich im Zimmer um. Die Stimme kam eindeutig vom Tisch her, aber dort ist nur die Puppe.
"Ja, ich kann reden. Und wenn du ehrlich bist, hast du es schon längst geahnt!"
Thorsten stutzt. Das ist richtig. Er hat von Anfang an gewusst, dass diese Puppe etwas ganz besonderes ist.
"Du hast Recht, aber warum kannst du reden?"
"Das erzähl ich dir gleich, aber hol mich doch bitte etwas näher, denn wenn ich auch reden kann, hab ich doch keine Lust zu schreien."
Thorsten steht auf, setzt die Puppe auf den Stuhl mit seinen Kleidern, und zieht den Stuhl an sein Bett.
"Nicht so weit, ich kann nur sprechen, wenn ich im Mondlicht sitze. -Ja, so ist es gut."
"Wie heißt du eigentlich?" fragt Thorsten seine Puppe
"Dort wo ich herkomme, haben mich alle Hans genannt. Und du Thorsten, heute ist wohl nicht dein Tag? Hat das was mit Julia zu tun?"
"Kannst du auch Gedanken lesen?"
Hans fängt an zu lachen.
"Nein, aber hören und sehen. Und ich habe gesehen, wie du vorhin die beiden Kinokarten zerrissen hast. Was ist denn passiert?"
"Na, so ein Miststück"
"Sie ist kein Miststück!"
"Ist sie wohl, und das weißt du auch. Aber es tut weh, das einzusehen. Vielleicht hilft es, wenn ich dir ein wenig von mir erzähle. Auf jeden Fall lenkt es dich ein wenig ab.
Dort wo ich herkomme, werden die Puppen von Zauberern und Feen gemacht. Wir können sehen, hören, sprechen und uns frei bewegen.
Wir sind keine Marionetten, deshalb findest du an mir auch keine Ösen oder Löcher für Fäden. Wir sind dort soetwas wie hier euere Schauspieler.

Wir nannten uns "Kleinkathrinchens Puppenzauber" und waren eine lustige Truppe.
Da war zum Beispiel unsere Prinzessin Isabella. Wir nannten sie aber nur Prinzessin. Blond und gebrechlich war sie. Für ihre Rollen musste sie vor allem hübsch und nett sein. Meistens saß sie in einem hohen Turm, umgeben von Drachen oder einer großen Dornenhecke und wartete auf den Helden. Den musste sie anlächeln und dann heiraten.
Und ganz ehrlich, zu mehr wäre sie auch nicht in der Lage gewesen. Sie hatte nämlich eine fürchterliche Angst davor, etwas falsch zu machen und war deshalb froh wenn man ihr genau sagte, was sie zu tun hatte. Das war nicht nur auf der Bühne so. Ihr Lieblingssatz war: "Was würdest du tun?" Und wenn dann etwas vorgeschlagen wurde, kam die Frage: "Ist Kleinkathrinchen damit einverstanden?"
Sowas kann dich zur Verzweiflung bringen, aber sie wurde eben so gemacht, konnte also nichts dafür. Und wer sie besser kannte, wusste dass sie ein gutes Herz hatte. Deshalb mochten wir sie alle.

Da war Salome schon von ganz anderem Kaliber. Salome spielte die Königinnen. Schon ihre Erscheinung war prächtig. Wenn sie in ihrem Brokatkleid auf die Bühne rauschte, ertönte jedesmal ein lautes 'Oooohhhh' aus dem Publikum. Und reden konnte sie! Nicht nur auf der Bühne. Wo sie war, war immer was los. Musik, Tanz und Lachen, Lachen, Lachen. Kannst du dir jemanden vorstellen, der immer nur lacht und fröhlich ist? Ich auch nicht. Und Salome war es auch nicht. Einmal hatten wir einen gemeinsamen Auftritt. Ich sollte ihr auf ein Kamel helfen. Dabei blickte ich ihr in ihre Augen. Sie hatte Angst! Panische Angst. Und weißt du wovor? Davor alleine zu sein. Sie war die Älteste von uns, und auch eine Puppe siehst du das Alter an. Das Holz wird dunkler, manchmal rissig, unsere Kleider nutzen sich ab, das ist eben so. Salome fürchtete, man würde sie nicht mehr lieben, wenn man ihr Alter sehen könnte. So verbrachte sie Stunden damit, sich mit Bernsteinöl und Bienenwachs zu pflegen. Einmal ist sie sogar heimlich zu einem Schneider gegangen, um sich ein neues Kleid machen zu lassen. Das hat sie aber bitter bereut. Denn wir Puppen müssen so bleiben wie wir einmal gemacht worden sind. Wir können repariert werden, aber es darf nichts vollkommen neues gemacht werden. Ihr neues Kleid begann bald auf ihrem Körper zu brennen. Sie muss schlimme Schmerzen gehabt haben. Und irgendwann, es war um Weihnachten herum, schlich sie heimlich wieder zu dem Schneider und bat ihn, ihr das alte Kleid wieder anzuziehen. Und weil es niemand erfahren sollte, erzählte sie allen, sie hätte eine Freundin besucht.

Dann war da noch Sarastro, der Weise. er spielte die klugen Männer, Könige, Wesire und Priester. Priester waren seine Paraderollen, nicht nur auf der Bühne. Ich habe ihn einmal nach seinen Vorbildern gefragt, da sagte er mir Isis und Osiris. Ja, reden konnte er wie ein Buch. Und was er alles wusste, wir konnten alles fragen, er wusste immer eine Antwort. Erst viel später kam ich dahinter, dass er ein ziemlicher Hasenfuß war. Alle Ratschläge, die er uns gab, hatte Kleinkathrinchen im vorgesagt. Ich glaube selbst wenn Isis und Osiris ihm im Traum erschienen wären, und erklärt hätten, das Wasser den Berg hinab fließt, er hätte zuerst Kleinkathrinchen gefragt.

Selbstverständlich hatten wir auch einen Helden. In seinen Rollen tat er das, was Helden immer tun, er rettete die Prinzessin. Natürlich war er blond, trug ein weißes, golddurchwirktes Gewand, und mehr gibt es über ihn nicht zu sagen. Helden sind schrecklich langweilig. Aber sie brauchen immer jemanden, der mit ihnen geht, und vor dem sie besonders strahlen. Einen Diener, Knappern oder Kutscher. Das waren meine Rollen. Und weil Kleinkathrinchen meinte, ich hätte das auf der Bühne ja schon geübt, muste ich auch hinter der Bühne der Diener sein, was sich noch als sehr vorteilhaft erweisen sollte.

Und dann natürlich Kleinkathrinchen, unsere Meisterin. Eigentlich hieß sie Katharina und weil sie eine berühmte Puppenspielerin war, wollt sie sich die Große Katharina nennen. Aber dann hat sie erfahren, dass es irgendwo in einem fremden Land bereits eine Kaiserin Katharina gab, die bereits 'die Große' genannt wurde. Es konnte schließlich nur eine große Katharina geben. Zähneknirschend und weil ein solcher Name sehr gut zu einer Puppenspielerin passt, nannte sie sich fortan Kleinkathrinchen.

Kleinkathrinchen war eine selbstbewusste, zielstrebige und humorvolle Frau. Jedenfalls dachten dies alle, die sie zum ersten Mal sahen. In Wahrheit war sie eher selbstherrlich als selbstbewusst, eher stur als zielstrebig und ihr Humor, nun über andere konnte sie Witze machen, doch wehe jemand machte einen Spaß über sie. Vor allem kannte sie keinen Unterschied zwischen Puppen und Menschen. von allen verlangte sie bedingungslos Gehorsam. So kam es auch, dass sie, obwohl in der Blüte ihrer Jahre stehend, noch immer alleine war. Zwar erzählte sie überall, wie gut es ihr dabei geht, und wie sehr sie ihre Freiheit genießt, doch jeder wusste, dass es wegen ihrer herrschsüchtig Art kein Mann bei ihr aushielt.

Nur Roland war da anders. Er war Sänger und über Monate hinweg der Höhepunkt unseres Programms. Ein Prachtkerl, eine Seele von Mensch . Wir Puppen mochten ihn sehr. Er war immer fröhlich und hatte für jeden ein offenes Ohr. Vor allem Salome schwärmte für ihn und bedauerte nur eine Puppe zu sein. Kleinkathrinchen war seine Göttin. Jeden Wunsch las er ihr von den Augen ab. Er hat sogar ein wunderschönes Lied für sie geschrieben, wie sie ihm am Morgen als aufgehende Sonne erscheint und abends sein letzter Gedanke vor dem Einschlafen ist. Das schmeichelte ihr natürlich, denn sie war auch sehr eitel. Außerdem war unser Zelt immer berstend voll, seitdem Roland dort seine Lieder sang. Deshalb ließ sie ihn auch bei uns wohnen, ja sie teilte sogar das Bett mit ihm!"

"Die haben miteinander gevögelt?" will Thorsten wissen.
"Das ist ein Wort aus deiner, nicht aus meiner Welt. Aber ich denke, wir meinen das selbe!"
"Aber warum ist er dann nicht bei euch geblieben?"
"Eben weil Kleinkathrinchen so eitel war. Sie merkte, dass die Leute vor allem wegen Rolands Liedern und nicht wegen ihres Puppenspiels in unsere Vorstellungen kamen. Das konnte sie nicht ertragen.

So kam es zur Katastrophe. Eines Abends hörten wir, wie sich Kleinkathrinchen und Roland auf das heftigste stritten. Sie wollte ihm vorschreiben welche Lieder er während seines Auftritts singen sollte. Er meinte, das wäre gegen ihre Abmachung und mit Verlaub, er hatte Recht. Sein Auftritt war ganz allein seine Sache, so hatten es die beiden vereinbart. Wir Puppen waren Zeugen.

In jener Nacht brannte bei einem Bauern der Kuhstall bis auf die Grundmauern nieder. Fünf gute Milchkühe starben. Ein schreckliches Unglück, wie du dir denken kannst. Kleinkathrinchen erzählte überall, dass Roland in seiner Wut das Feuer gelegt hätte. Das konnte er garnicht, denn fünf Minuten bevor die Glocke läutete, sah ich ihn mit gesenktem Kopf Richtung Wald gehen. Doch alle glaubten ihr. Vor allem Salome empörte sie über Roland und meinte, sie hätte es schon immer gewusst. Dabei hatte sie noch am Morgen von Roland geschwärmt. Isabella war sicher, dass Kleinkathrinchen immer die Wahrheit sagte, so musste sie nicht selbst entscheiden. selbst Sarastro wiegte bedächtig den Kopf und meinte, ob ich nicht jemand anderes gesehen haben könnte. Dieser Schuft! Noch in der Nacht hatte ich mich mit ihm darüber unterhalten, wohin Roland jetzt wohl gehen würde. Das letzte was wir von Roland hörten war, dass er in Kneipen seine Lieder sang, damit die Gäste ihm ein warmes Essen spendierten."

"Also hat sie ihn nur ausgenutzt und dann fallengelassen," meinte Thorsten. "Jetzt verstehe ich, was du mir sagen willst."
"Ich wusste, du bist ein kluger Kopf!"
"Aber wie kommst du hierher, und wo sind die anderen?"

"Das ist schnell erzählt. Wie gesagt, ich musste immer und überall den Handlanger machen, und auch Kleinkathrinchens Zimmer musste ich sauber halten. Dort lag immer ein großes altes Buch über das Puppenspiel und wenn mir langweilig war, las ich ein wenig darin. Dort stand unter anderem, dass Puppen, deren Glieder länger als drei Stunden an Fäden befestigt sind, ihre Seele verlieren und zu willenlosen Marionetten werden.
Eines Abends eröffnete uns Kleinkathrinchen, dass wir am nächsten Morgen auf eine große Tournee gehen würden, und damit wir während der Fahrt nicht vom Wagen fallen, würde sie uns mit langen Fäden festbinden. Dann ging sie aus dem Haus, um wie sie sagte, dem Lindenwirt zu helfen. Seine kranke Frau wurde im Kloster von den Nonnen gepflegt. Kleinkathrinchen würde also vor dem Morgengrauen nicht wieder zurück kommen.
Natürlich versuchte ich meine Freunde zu warnen. Ich erzählte ihnen was ich in dem Buch gelesen hatte, doch es war vergeblich.
"Kannst du den überhaupt lesen?", wollte Salome wissen. "Bestimmt hast du dir wieder was ausgedacht. So wie damals mit Roland. Ich bleibe hier!"
"Durftest du das Buch überhaupt lesen?", wollte Sarastro wissen. "Im übrigen hat Kleinkathrinchen uns nie belogen, ich bleibe auch!"
Isabella fand es garnicht so schlimm eine Marionette zu sein.
"Dann kann ich nie mehr etwas falsch machen!", meinte sie nur, und so war ich plötzlich allein."

"Und wie bist du dann hierher gekommen?"

"In dem Buch war auch geschrieben, wie man mit Hilfe von Kreide und einem Zauberspruch in eine andere Zeit gelangen konnte. Ein Stück Kreide hatte ich mir schon vor langer Zeit besorgt. Also ging ich in unser Zelt, auf die leere Bühne, zeichnete auf den Boden einen Kreis mit einem Pentagramm darin, setzte mich in die Mitte und sprach die Zauberformel. Plötzlich setzte ein leises Summen ein, das sich zu einem gewaltigen Brausen steigerte. Alles begann sich zu drehen und verschwamm vor meinen Augen. Mir wurde schwindelig und als ich wieder richtig sehen konnte, lag ich bei diesem Händler im Regal.

"Und deine Freunde?"

"Nun, als ich wieder zu mir kam, konnte ich noch einen kurzen Blick in meine Welt erhaschen. Da sah ich ein großes Schild "Kleinkathrinchens Marionettenbühne" und meine Freunde, die leblos an ihren Fäden hingen!"

"Dann sei froh, das du jetzt hier bist. Du musst mir noch viel mehr erzählen. Dass du nur bei Vollmond sprechen kannst, stört mich überhaupt nicht. Da kann ich ohnehin nicht schlafen!"

Für einen Moment verlieren Hans Augen ihren Glanz.
"Dies ist unser erstes und letztes Gespräch, wenn nachher die Sonne aufgeht, werde ich zu einer gewöhnlichen Holzpuppe. In deiner Welt ist leider kein Platz für Wunder. Auch das stand in dem Buch."
"Aber warum bist du dann nicht dort geblieben?"
"Weil ich hier noch einen Funken Hoffnung habe, nicht zu einer Marionette zu werden. Und weil dort mein Schicksal feststand..."



Der Wecker klingelt, es ist taghell im Zimmer. Etwas verschlafen öffnet Thorsten die Augen. Sein erster Blick fällt auf die Puppe, die auf seinem Stuhl sitzt. Hat er das wirklich erlebt, oder hat er nur geträumt? Nachdenklich nimmt er die Puppe zur Hand. "Ein merkwürdiger Fund, aber hochinteressant!" denkt er, bevor er sie sorgsam auf ein Regal setzt.

Waschen, Anziehen und Frühstücken, er fühlt sich wunderbar fit, nicht so zerschlagen wie sonst nach Vollmondnächten. Er nimmt seine Tasche und macht sich auf den Weg zur Schule. Julia steht wie immer mit ihren Freundinnen in der 'Raucherecke'.
"Na Kleiner, hasde wieder mit deinen Puppen gepennt?" Glucksen und kichern bei den Freundinnen. Noch gestern abend hatte er sich vor dieser Situation gefürchtet, doch jetzt lässt es ihn völlig kalt.
"Brauchst garnicht so zu glotzen, und vergiss nicht deine Brille hochzuschieben!"

Das tut Thorsten auch, nur nimmt er diesmal nicht den Zeigefinger!

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